Ausstellung über extreme Materialien zeigt große Kompetenz von Wirtschaft und Wissenschaft in der Region Bremen hat viele 'Stille Stars'

Bremen. 'Stille Stars - Extreme Materialien und extreme Anwendungen', heißt eine Ausstellung, die gestern Abend im Wilhelm Wagenfeld Haus eröffnet wurde. Ein spröder Titel für eine spannende Sache. Das wird gleich deutlich, wenn man den ersten Ausstellungsraum betritt. Hier schweben lauter knallbunte Anzüge von der Decke herab, Körperhüllen für alle Lebenslagen, für den Polarkreis, als Schutz gegen Feuer, zum Schwimmen, Fliegen oder Skilaufen. Die 'Stillen Stars' begegnen uns im Alltag, wir schätzen ihre Eigenschaften, wissen aber wenig über sie.
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Von Annemarie Struss-v. Poellnitz

Bremen. 'Stille Stars - Extreme Materialien und extreme Anwendungen', heißt eine Ausstellung, die gestern Abend im Wilhelm Wagenfeld Haus eröffnet wurde. Ein spröder Titel für eine spannende Sache. Das wird gleich deutlich, wenn man den ersten Ausstellungsraum betritt. Hier schweben lauter knallbunte Anzüge von der Decke herab, Körperhüllen für alle Lebenslagen, für den Polarkreis, als Schutz gegen Feuer, zum Schwimmen, Fliegen oder Skilaufen. Die 'Stillen Stars' begegnen uns im Alltag, wir schätzen ihre Eigenschaften, wissen aber wenig über sie.

Warum macht man eine Ausstellung über Materialien? 'Weil das ungeheuer spannend ist', sagt Detlef Rahe, Professor an der Hochschule für Künste, hier aber als Ausstellungsmacher mit seinem Institut für integriertes Design (i/i/d) involviert. Viele technische Innovationen würden erst durch neue Materialien überhaupt möglich, sagt Rahe. 'Wir befassen uns im i/i/d viel mit Innovationsprozessen und wissen deshalb, wie viele Innovationen scheitern. Rund zwei Drittel aller neuen Produkte, die auf den Markt kommen, überleben das erste Jahr nicht.'

Als Designer empfiehlt Rahe Unternehmen immer, frühzeitig an die Nutzer und an die Entscheidungsprozesse im Markt zu denken, um Produkte so zu gestalten, dass sie erfolgreich werden können. 'Aber Gestaltung hängt auch von den Möglichkeiten des Materials ab', sagt er. Im Idealfall kämen innovative Materialien mit den Lösungen zusammen, die vorher ohne diese neuen Materialeigenschaften gar nicht möglich waren.

Einsatz in der Praxis

Kai Stührenberg, der bei der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) den schönen Titel Innovationsmanager trägt, betont, dass es in dieser Ausstellung nicht in erster Linie um Innovation geht, sondern darum, zu zeigen, wo die Materialien in der Praxis tatsächlich schon eingesetzt werden. Die WFB als Auftraggeberin will hier auch zeigen, was für große Kompetenzen in Firmen in Bremen und in der Region schlummern.

Das hat die Ausstellungsmacher im Laufe der Arbeit auch am meisten beeindruckt: 'Ich kenne Bremen eigentlich gut und lange, aber dass es hier so viele Unternehmen gibt, die innovative Materialien extrem erfolgreich und oft als Weltmarktführer in den Markt bringen, das hat mich doch überrascht.' Man trifft alte Bekannte wie die Bremen-Norder Vector Foiltec, die Kunststofffolien entwickelt haben, mit denen ganz neuartigen Bauten möglich wurden wie das Eden-Projekt in Cornwall oder das Olympiastadion in Peking. Aber auch zum Beispiel Gleistein als Spezialisten für Seile und Taue, der dem begeisterten Segler Rahe aus dem Sport bekannt ist. Was er nicht wusste: Gleistein bietet seine extrem belastbaren Taue weltweit für die Industrie an. In der Ausstellung ziehen sich dünne Gleistein-Taue wie ein sprichwörtlicher roter Faden durch die Räume. An ihnen hängen Informationen zu den Exponaten.

'In Bremen existiert ein richtiges Zentrum für besondere Materialien und deren Anwendung. Da sind die Bremer besonders gut, ohne damit laut zu sein', sagt Rahe. Das habe auch zum Titel der Ausstellung geführt: Stille Stars. Oft wisse man gar nicht, was für tolle Materialien hinter den Produkten steckten. Ein Aspekt der Ausstellung ist, das sichtbar zu machen.

Viele Innovationsprozesse seien nur dann denkbar, wenn man auch etwas Neues erfunden hat, mit dem man etwas Neues machen kann, sagt Rahe. 'Man kann sich natürlich vieles ausdenken, die Imaginationskraft des Menschen ist groß und schier unerschöpflich. Aber der entscheidende Punkt ist die Realisierbarkeit.' Dafür brauche man Materialien und Fertigungsprozesse, die aus einer Idee Realität machen. Allerdings entstehen neue Materialien nicht immer im Hinblick auf neue Produkte. In der Grundlagenforschung etwa stehen Eigenschaften im Mittelpunkt, ohne gleich mit konkreten Produkten oder Anwendungen verbunden zu werden.

Das Wagenfeld Haus wolle Schnittstelle sein zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Design, zwischen Theorie und Praxis, betont Stührenberg. Rahe meint, dass das auch schon gut funktioniert: 'Ich glaube, beide Seiten haben das verstanden und gehen aktiv aufeinander zu. Das klappt gerade in Bremen gut, weil die Wege kurz sind und weil man sich kennt. Dennoch dürfte man auch hier noch das eine oder andere tun, um den Wissenschaftstransfer zu verbessern. Und vielleicht hilft auch eine solche Ausstellung dabei.'

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