Droge auf Rezept

Bremen ist Cannabis-Hochburg

Nach einem Report der Techniker-Krankenkasse werden in Bremen besonders viele Rezepte für medizinisches Cannabis ausgestellt. Im Bundesländer-Vergleich liegt Bremen an dritter Stelle.
17.05.2018, 19:54
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Bremen ist Cannabis-Hochburg
Von Sabine Doll
Bremen ist Cannabis-Hochburg

Bremen ist eine Cannabis-Hochburg.

dpa

In Bremen ist der Run auf Cannabis mit Rezept besonders groß: Nach dem Saarland und Bayern wird die illegale Droge, die seit März vergangenen Jahres als Medikament zugelassen ist, in Bremen am meisten verordnet. Das geht aus einem „Cannabis-Report“ der Techniker Krankenkasse (TK) gemeinsam mit der Universität Bremen hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Im kleinsten Bundesland kommen danach auf 100 000 Versicherte der Kasse 152 Verordnungen, ebenso wie in Baden-Württemberg. In Bayern sind es 156 und beim Spitzenreiter Saarland 209 Verordnungen. Niedersachsen rangiert mit 114 Verordnungen pro 100 000 Versicherte im Mittelfeld, am wenigsten Interesse an Cannabis als Medikament gibt es in Mecklenburg-Vorpommern (52). Grundsätzlich ist die Nachfrage in den alten Bundesländern deutlich stärker.

Cannabis-Report wird vorgestellt

Gerd Glaeske ist Autor des "Cannabis-Reports". Er kritisiert die lückenhafte Studienlage zu Cannabis auf Rezept.

Foto: dpa

„Woran dies liegen könnte, dass in Bremen besonders viele Rezepte ausgestellt werden, können wir nicht belegen“, sagt der Leiter der TK-Landesvertretung Bremen, Sören Schmidt-Bodenstein, dem WESER-KURIER. „Ob es an den Ärzten liegt, die mehr verordnen oder ob es in Bremen mehr Menschen gibt, die schwer erkrankt sind, kann nur vermutet werden.“ Seit der Freigabe habe man eine deutliche Zunahme bei den Anträgen beobachtet, eine Verdoppelung oder Verdreifachung sei noch möglich. Auch andere Bremer Krankenkassen hatten bereits dem WESER-KURIER berichtet, dass es zu einem deutlichen Sprung gekommen sei: Die Handelskrankenkasse (HKK) etwa meldete für Anfang dieses Jahres 142 Eingänge bei den Anträgen, die AOK Bremen/Bremerhaven 31.

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Bundesweit sind nach Angaben der TK seit der Gesetzesänderung nach Stand Februar 16 000 Anträge bei den gesetzlichen Krankenkassen eingegangen. Der Gesetzentwurf hatte bundesweit mit nur 700 Patienten gerechnet. Bevor Cannabis als Medikament zugelassen wurde, hatten nur etwa 1100 Patienten in Deutschland eine Ausnahmegenehmigung von dem zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Der Anstieg bei den Verordnungen hat bundesweit und auch in Bremen laut Apothekerkammer vereinzelt zu Lieferverzögerungen geführt (wir berichteten).

Die Behandlung von Schmerzen ist laut TK-Report der häufigste Grund für einen Antrag auf Kostenübernahme für medizinisches Cannabis, 62 Prozent würden genehmigt. Bei den meisten Ablehnungen habe der Medizinische Dienst der Krankenkassen auf alternative Therapien verwiesen, die für die jeweiligen Patienten besser geeignet seien.

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Der Bremer Uni-Professor und Autor des Reports, Gerd Glaeske, übt deutliche Kritik an der Studienlage zu Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis in der Medizin sowie der Art der Zulassung. Normalerweise gelte für Medikamente vor einer Zulassung, dass ihr (Zusatz-)Nutzen nachgewiesen werden müsse. Das sei hier umgangen worden. „Die Studienlage ist lückenhaft“, kritisiert Glaeske. „Es ist unklar, welchen Patientengruppen Cannabis in welcher Dosis hilft – und in welcher Form es am besten verabreicht werden sollte.“ Auch wenn einzelne Studienergebnisse etwa für die Wirkung von Cannabis-Medikamenten bei vielerlei Schmerzen sprechen würden, fordert der Arzneimittelexperte dringend umfangreiche Forschungen zur Wirksamkeit. Das betreffe vor allem auch Nebenwirkungen, die kaum untersucht seien.

Abhängig von den konsumierten Mengen könnten unter anderem Denkstörungen auftreten, Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit sowie die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses gemindert werden. Als mögliche körperliche Nebenwirkungen nennt der Bremer Uni-Professor erhöhten Blutdruck, leichte Steigerung der Herzfrequenz, Übelkeit. Werde Cannabis über längere Zeit in sehr hohen Mengen eingenommen, könne es zu einer psychischen Abhängigkeit kommen; in seltenen Fällen seien Psychosen mit Halluzinationen möglich. Glaeske: „In vielen Bereichen überwiegen am ehesten positive Patientenberichte, die nicht unbedingt als belastbarer Kenntnisstand gewertet werden können. Schließlich kann Cannabis nicht gegen alles helfen, es ist kein pflanzliches Wundermittel.“

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Das wird in der Bevölkerung offenbar ganz anders gesehen, wie eine Umfrage zum „Cannabis-Report“ zeigt: 61 Prozent der befragten Norddeutschen finden, dass Cannabis ein gutes Medikament ist, weil es pflanzlich ist, so die TK Bremen. 56 Prozent glauben, dass es weniger Nebenwirkungen hat als herkömmliche Mittel. 90 Prozent finden die Regelung, dass Ärzte Cannabis bei schweren Erkrankungen als Medikament verschreiben, gut.

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