Naturnahe Städtetrips hoch im Kurs

Was Camper nach Bremen zieht

Mehr Freiheit, Flexibilität und Ungezwungenheit nennen Urlauber auf Bremer Camping- und Stellplätzen als wichtige Faktoren für gute Erholung. Die Sehenswürdigkeiten der Hansestadt interessieren sie aber auch.
16.08.2020, 05:00
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Was Camper nach Bremen zieht
Von Ulrike Troue
Was Camper nach Bremen zieht

Zelten und Radfahren lieben alle fünf Charriers. Es sind die Garanten für einen schönen Familienurlaub.

Frank Thomas Koch

Neben dem Eingang des mit Klappkisten, Kissen und Klamotten prall gefüllten Iglu-Zelts steht der Gaskocher im Gras. Die Wäscheleine mit Shirts, Shorts und Handtüchern verbindet eine Zeltstange mit dem Aluanhänger, auf dem die Räder parken. Mittendrin lümmeln sich fünf entspannte Urlauber in ihren Campingstühle um den Klapptisch mit Geschirr und stecken gut gelaunt die Köpfe zusammen: „Wir haben keinen Plan“, sagt Sandrine Charrier lachend – und lehnt sich mit dem Reiseführer entspannt zurück.

Für Familie Charrier ist Campingurlaub seit jeher gesetzt. „Wir lieben es, in der Natur zu sein“, sagt Familienoberhaupt Benjamin Charrier. Außerdem sei zelten so unkompliziert, biete viel Freiheit, man könne überall hin reisen und bleiben solange man mag.

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Eigentlich wollten die Franzosen in diesem Jahr England bereisen. Wegen der Corona-Pandemie hätten sie sich umorientiert, sagt Naturfreund Benjamin Charrier. Nun sei es eine Deutschland-Reise geworden. Die Familie hat Münster, Wismar und Schwerin besucht und will noch Aachen ansteuern. Aber erst einmal sind die Fünf für drei Tage auf dem Hanse Camping-Platz mit viel Grün und schattigen Bäumen am Stadtwaldsee gestrandet – quasi auf halber Strecke. „Wir sind den ganzen Tag draußen“, erzählt der 14-jährige Strahlemann Etienne. „Ich mag reisen und den ganzen Tag mit meiner Familie zu verbringen“, nennt Luci als Pluspunkt fürs Campen. „Auch mit meinen beiden Brüdern im Zelt zu übernachten.“ Auf deren Blicke fügt die 18-Jährige hinzu: „Es ist ja nur eine kurze Zeit.“

Dass die Franzosen überhaupt aufgebrochen sind, haben sie kurzfristig entschieden. Hauptsache campen und Fahrrad fahren – das sind nach Ansicht von Sandrine Charrier die Fixpunkte für schöne Familienferien. Für den heutigen Tag könnten sich alle eine Radtour in die Stadt vorstellen. Wohin genau? Lachen und Schulterzucken. Charriers sind spontan, wollen Bremen auf sich wirken lassen und da Halt machen, wo es ihnen gefällt.

Ein kleiner, ruhiger Platz in einer nicht so überfüllten Region

Das haben sich für den letzten Tag vor der Abreise ebenfalls Margit und Ralph Hammersbach aus Euskirchen vorgenommen. Die Rheinländer sind zufällig in Bremen gelandet. Sie haben nur vier Tage frei und spontan einen kleinen, ruhigen Platz in einer Region gesucht, die nicht so überfüllt ist. Entspannen steht zwar im Vordergrund, aber Bremens Sehenswürdigkeiten wollen sie nicht verpassen. „Mit dem Stadtmusikantenbus fahren, bummeln, Essen gehen und eine Schiffstour machen“, schwebt Margit Hammersbach vor.

Mit dem ersten Wohnwagentrip und dem ersten Urlaub nach zwölf Jahren haben sie einen Volltreffer gelandet, finden beide. „Dieser kleine Campingplatz ist so schön gepflegt, ich kann mit dem Hund eine Runde um den See drehen – herrlich“, schwärmt Margit Hammersbach am Frühstückstisch unter der Markise vorm Wohnwagen. „Wir können hier gut entspannen, bekommen den Kopf frei“, sagt die Erzieherin, die in dieser Corona-Zeit besonders unter Druck steht. Der zwanglose Urlaub mit Wohnwagen sei in dieser besonderen Krise deshalb genau das Richtige. „Die vier Tage haben wir gut überlebt, die Generalprobe hat hingehauen“, bemerkt daraufhin ihr bereits ausgehfertig frisierter Gatte.

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Nun rücken die Rheinländer auch mit dem zweiten Grund für den Wohnwagenurlaub raus: „Wir bauen ein neues Haus und verkaufen unser altes, zu groß gewordenes“, berichtet Margit Hammersbach. Sollte der Neubau nicht rechtzeitig bezugsfertig werden, will das Paar mit Hund Nelli übergangsweise im Wohnwagen kampieren.

Ob es eine einmalige Sache ist oder wiederholt wird, darauf mag sich Adri Kraa noch nicht festlegen. Der Niederländer hat zum ersten Mal ein Wohnmobil gemietet und parkt das große Gefährt unterm Blätterdach der alten Eichen auf dem Reisemobil-Stellplatz Am Kuhhirten. Beim Reisen mit dem Mobile Home schätzt er die Flexibilität und Ungezwungenheit. Andererseits sei es ein teures Vergnügen, rechnet er im Kopf die Gesamtkosten für Miete, Kilometergeld, Benzin und Stellplatz hoch. Und seine Frau Johelia ergänzt: „Es fehlt auch ein Auto. So braucht man manchmal einen Bus.“

Camper Reportage August 2020

Die Niederländer Johelia und Adri Kraa genießen ihren ersten Morgenkaffee unterm schattigen Blätterdach am Kuhhirtenweg – und die Ruhe.

Foto: Frank Thomas Koch

Fremden ganz offen und freundlich begegnen

Trotzdem findet das niederländische Ehepaar, dass es alles richtig gemacht hat. Beide genießen vorm Mietmobil den ersten Kaffee an diesem Tag. Und offensichtlich auch die angenehme Ruhe auf dem stadtnahen Standplatz im Grünen, dicht an der Weser. Sie wirken völlig entspannt und begegnen Fremden ganz offen und freundlich. „Die drei Kinder schlafen noch“, bemerkt Adri Kraa erklärend.

Die Familie ist vor eineinhalb Wochen in Amersfoort in den Urlaub gestartet und nun auf der Rückreise. Die Route führte über Bremen nach Hamburg, Kopenhagen, Aarhus und zurück. „Die Kinder mögen Städte lieber als den Wald. Und sie wollten zurück nach Bremen“, erzählt Johelia Kraa. Beim ersten Stopp an der Weser ist die Familie eine Nacht geblieben, war in der Altstadt essen. Nun nimmt sie sich drei Tage Zeit, um Bremen zu erkunden.

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Bislang sind Kraas immer mit dem Auto in die Ferien gefahren, nach Italien, Spanien oder Frankreich. Schon im vergangenen Jahr hatten sie beschlossen, den Urlaub mal anders zu verbringen. „Durch Corona sind wir zum Mobile Home gekommen“, sagt Adri Kraa. Wohnmobilisten durch und durch sind die Nachbarn von schräg gegenüber. Roland, Simone und Tim Steinhauser aus der Nähe von Ravensburg sind seit sechs Jahren mit dem eigenen Wohnmobil mit Fahrradträger auf Tour, vorher wurde mit Wohnwagen gecampt. „Wir lieben Städtetrips“, erzählt Simone Steinhauser. Es zöge sie dorthin, „ wo uns was geboten wird.“

Um Norddeutschland zu erkunden, haben die Schwaben mit unüberhörbaren Dialekt Bremen und Bremerhaven als Ziele ausgewählt. Sie wollten die Bremer Altstadt mit den berühmten Stadtmusikanten sehen. „Der Bürgerpark hat uns fasziniert, die Größe, der Tierpark und viel Wasser,“ sprudelt Vater Roland regelrecht vor Begeisterung. „Vor allem, dass all das kostenlos ist“, betont seine Frau. „Das gibt’s bei uns nicht und ist längst nicht überall so.“ Sie wird’s wissen, denn fast alle zwei Wochen steuern die Wohnmobilfans eine andere Stadt an. „Tim ist viel auf Skater- oder BMX-Bahnen unterwegs“, erzählt Simone Steinhauser. Der 13-Jährige, der sich vor den Campingstuhl noch den Hocker zum Füße hochlegen geschnappt und einen Knopf im Ohr hat, nickt zustimmend. „War cool, obwohl es nicht so viel für Skater gab“, beurteilt er den Überseepark und will natürlich auch noch den Funpark testen.

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Zur Sache

Betreiber verzeichnen weniger Gäste

Sowohl der Reisemobilstellplatz Am Kuhhirten als auch Hanse Camping am Stadtwaldsee verzeichnen in diesem Jahr weniger Gäste als zuvor. Gemeinhin begrüßt Hans Bahrenburg auf seinem Reisemobilstellplatz Am Kuhhirten im Sommer rund 35 Prozent ausländische Gäste, vornehmlich aus Spanien, Frankreich, und Italien. „Auch die Skandinavier fehlen, die von der Fähre nach Fehrmann kommen und uns als Sprungbrett in den Süden ansteuern“, berichtet er. Der innerdeutsche Reiseverkehr habe zwar zugenommen, fange diese Ausfälle jedoch nicht auf, sagt er. Unterm Strich kämen weniger Gäste, er registriere einen „leichten Rückgang“.

Beim Hanse Camping sind die Zahlen deutlich schlechter als im vergangenen Jahr, berichtet Betreiberin Vera Ende. "Wir waren zu dieser Zeit sonst immer ausgebucht, im Jahr auch mehrfach. In diesem Jahr noch kein einziges Mal." Zu Pfingsten seien 20 Prozent weniger Gäste gekommen", liefert sie ein Beispiel dafür, dass die Auslastung klar unter der der Vorjahre liegt. Für die Saison 2020 geht sie sogar von einem durchschnittlichen Rückgang von 30 Prozent aus. Einen Boom von deutschen Gästen erlebt Hanse Camping aufgrund von Corona nicht. "Zu uns kommen hauptsächlich Holländer und Skandinavier", sagt Vera Emde. Allerdings ist ihr aufgefallen, "dass viel mehr Gäste zelten". Das könnten Urlauber sein, die sonst in die Ferien fliegen würden und selbst keinen Wohnwagen besäßen, mutmaßt die Campingplatz-Chefin.

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