Klärschlamm-Verbrennungsanlage

Bremen ist unter zehn Standorten der beste

Vier Unternehmen aus dem Nordwesten planen beim Kraftwerk Hafen die erste Klärschlamm-Verbrennungsanlage für die gesamte Region. Jetzt ist das Vorhaben öffentlich vorgestellt worden.
29.01.2018, 05:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling
Bremen ist unter zehn Standorten der beste

Die neue Klärschlamm-Verbrennungsanlage soll auf dem SWB-Gelände beim Kraftwerk Hafen gebaut werden. Details müssen noch geprüft werden.

Karsten Klama

So manchen Gröpelingern und Oslebshausern gefiel ganz und gar nicht, was sie kurz vor Weihnachten im WESER-KURIER lasen. Mehrere Entsorgungsunternehmen im Nordwesten wollen beim Kraftwerk Hafen eine Klärschlamm-Verbrennungsanlage bauen, hieß es da nämlich.

Prompt gab es besorgte Nachfragen im Ortsamt. Im Fachausschuss „Bau, Verkehr, Umwelt und Häfen“ des Gröpelinger Beirats war nun Näheres zu dem Projekt zu erfahren. „Klärschlamm ist das, was nach der mechanischen Reinigung des Abwassers übrig bleibt“, erklärte dabei Projektleiter Berend Beatt von Hansewasser. Um dieses Material verbrennen zu können, müsse ihm zunächst noch Restflüssigkeit entzogen werden. Entwässerter Klärschlamm sei von außen trocken und rieche nicht.

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Rund 64.000 Tonnen Klärschlamm fallen pro Jahr in den Bremer Kläranlagen in Seehausen und Farge an. Etwa die Hälfte davon ist bisher als Dünger auf den Feldern gelandet. Es gibt in Bremen aber immer weniger Landwirtschaft und die Bauern düngen lieber mit Gülle, die sie ohnehin haben. Im vorigen Jahr war deshalb ein großer Teil des Bremer Klärschlamms per Lkw zu Bauern in Mecklenburg-Vorpommern gebracht worden. Weitere Lkw-Ladungen gingen in andere Bundesländer, wo der Klärschlamm in Braunkohlekraftwerken mitverbrannt wurde. Ähnlich wird es bislang beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) und bei EWE Wasser in Cuxhaven gehandhabt. Vor diesem Hintergrund wird dort bereits seit zwei bis drei Jahren überlegt, was zukünftig mit dem Klärschlamm passieren soll, zumal er ab spätestens 2030 gar nicht mehr in der Landwirtschaft verwendet werden darf. Außerdem muss demnächst per Gesetz der darin enthaltene Phosphor bei der Verbrennung zurückgewonnen werden.

Auch in Bremen ist schon ein geringer Teil Klärschlamm – etwa 15.000 Tonnen – im Findorffer Müllheizkraftwerk mitverbannt worden. Eine reine Klärschlamm-Verbrennungsanlage gibt es aber bislang in Niedersachsen und Bremen nicht. Durch sie würden jedoch die Transportwege kürzer und die CO2-Einsparung deutlich höher, wie Hansewasser-Sprecher Oliver Ladeur unterstreicht: „Käme alles nur per Lkw, dann hätten wir bei Hansewasser schon durch diese Fahrten eine Einsparung von 87 Prozent und OOWV eine Einsparung von 70 Prozent gegenüber dem jetzigen Zustand.“

Große CO2-Einsparungen

Hansewasser, OOWV und EWE Wasser wollen solch eine Anlage bauen. Im Dezember haben sie beschlossen, eine Gesellschaft namens Kenow GmbH & Co KG zu gründen; das Kürzel steht für Klärschlammentsorgung in Nordwestdeutschland. Als Betreiber ist die SWB mit im Boot. Zehn mögliche Standorte in Norddeutschland sind Berend Beatt zufolge geprüft worden. Die Wahl fiel schließlich auf Bremen, wo das Konsortium eine Verbrennungsanlage für jährlich 150.000 bis 200.000 Tonnen bauen will. „Wir haben verschiedene Standorte geprüft, wo per Bahn, Schiff und LKW angeliefert werden kann und die schon als Industriestandort tituliert sind“, erklärt dazu Berend Beatt. Was außerdem für Bremen spreche: Gleich auf der anderen Weserseite liegt die Kläranlage Seehausen, von wo der Klärschlamm unter anderem stammt. Und: Es gibt auf dem SWB-Gelände bereits ein Fernwärmenetz, in das die bei der Verbrennung gewonnene Wärme direkt eingespeist werden kann.

Für die Anlieferung des Klärschlamms aus dem gesamten Nordwesten sollen Ladeur zufolge vier Optionen geprüft werden: Schiff, Schiene, Düker und Straße. Hier hoffen die Planer insbesondere auf den A 281-Ringschluss. Bis dahin müssten die Lkw über die bereits stark belastete B 75 fahren.

2019 soll Bau der Anlage beginnen

Bis Mai soll die neue Gesellschaft gegründet sein; das Genehmigungsverfahren für die Klärschlamm-Verbrennungsanlage wird nun angeschoben. Mitte 2019 will das Konsortium mit dem Bau der Anlage beginnen. Rund zwei Jahre wird dieser voraussichtlich dauern, sodass die Anlage Ende 2021 oder Anfang 2022 in Betrieb gehen könnte.

In Oslebshausen gibt es allerdings Vorbehalte gegen diese Pläne. Hanspeter Halle (Grüne) befürchtet zum Beispiel, dass die Anlage am Ende überdimensioniert ist und daraufhin Klärschlämme aus einem deutlich größeren Umkreis angeliefert werden könnten.

Der stellvertretende Beiratssprecher Raimund Gaebelein (Linke) macht sich Gedanken über mögliche Emissionen. Denn Anwohner befürchten in dem Zusammenhang noch mehr Lärm, Geruch und Staub; seit Jahren berichten sie regelmäßig von Schmutzschichten auf Autos oder Balkonen. Die Verunsicherung ist dementsprechend groß: Machen diese Stoffe womöglich sogar krank?

„Ich habe bisher noch keinen getroffen, der sich für diesen Standort erwärmen könnte“, betonte dazu nun Rolf Vogelsang, Vorsitzender der Oslebshauser SPD. Er erinnerte an eine unangenehme Fliegenplage vor zwei Jahren und unterstrich, schon jetzt würden viele Giftstoffe ins Gebiet gebracht, um dort verarbeitet zu werden. Mit den Stahlwerken, der Hafenrandstraße, der A 281 und der Zugstrecke nach Bremerhaven gebe es dort außerdem bereits genügend Faktoren, die die Anwohner belasteten. „Man muss nicht unbedingt an einem Standort, der ohnehin schon sehr belastet ist, etwas Neues machen, was noch mehr Belastung bringt“, findet der ehemalige Beirats- und Bürgerschaftspolitiker deshalb. Gerade am Tag der Fachausschusssitzung habe es in Oslebshausen wieder stark gerochen, schilderte Vogelsang. Für ihn steht fest: „Die Entscheidung ist politisch falsch. Sie können sich sicher sein, dass sich der Stadtteil dagegen erheben wird.“

SWB-Projektleiter Jens-Uwe Meyer versicherte dazu, es werde keine Geruchsemissionen und auch keine nennenswerten Lärmemissionen geben. Auch der Rauch werde genauestens kontrolliert; dazu gebe es außerdem klare Richtlinien, stellte Meyer klar: „Wir dürfen keine Gifte in die Luft blasen. Wenn wir das täten, würde die Anlage sofort stillgelegt.“ Die Anlage sei für Schlämme der Kommunen – nicht aber der Industrie – gedacht, ergänzt Berend Beatt.

Dass es in der Bevölkerung Befürchtungen gibt, finden die Vertreter des Konsortiums nachvollziehbar. Darüber müsse man auch offen reden, sagt Christoph Brinkmann. Er appelliert an die Bremer, mit der Anlage etwas für die gesamte Region zu tun: „Die Niedersachsen sind schließlich so freundlich und geben uns 30 Prozent unseres Wassers.“

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