Interview zum Zusammenhalt

„Bremen ist weltoffen“

Die Sozialwissenschaftlerin Regina Arant hat an der Jacobs University an der neuen Bertelsmann-Studie gearbeitet. Im Interview spricht sie über gesellschaftlichen Zusammenhalt.
12.12.2017, 06:59
Lesedauer: 3 Min
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„Bremen ist weltoffen“
Von Jan-Felix Jasch

Frau Arant, der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland ist sehr gut. Welche Erklärung gibt es dafür?

Regina Arant : Um den Zusammenhalt in Deutschland ist es in der Tat gut bestellt, denn auf einer Skala von Null bis 100 erreichen alle deutschen Bundesländer Werte zwischen 57 und 63 Punkten. Aus unserer Studie wissen wir, dass der Zusammenhalt dort besser ist, wo das Wohlstandsniveau hoch ist und die Menschen der Globalisierung gegenüber aufgeschlossen sind.

Das Wohlstandsniveau ist jedoch nicht überall in Deutschland hoch.

Wenn wir die einzelnen Regionen betrachten, ist der Zusammenhalt dort geringer, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht und wo arme oder von Armut bedrohte Menschen leben. Auch eine hohe Jugendarbeitslosigkeit steht in negativer Beziehung zum Zusammenhalt, genauso wie ein hoher Anteil von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss und eine überalterte Bevölkerung.

Bremen belegt den ersten Platz, was die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensstile und Weltanschauungen angeht. Ist die Stadt besonders offen?

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Bremen die Vielfalt von Lebensstilen, Weltanschauungen und kulturellen Einflüssen in besonders hohem Maß akzeptiert. Neben vielen weiteren Faktoren spielt hier mit Sicherheit Bremens Geschichte eine Rolle: Der Hafen und die Schifffahrt haben sicherlich aufgrund des Austauschs mit anderen Ländern und Kulturen zur Weltoffenheit der Hansestadt beigetragen.

Trotzdem lehnen 14 Prozent der befragten Bremer ausländische Nachbarn ab.

Das ist richtig, und sicherlich wäre es wünschenswert, wenn diese Zahl in der Zukunft noch niedriger würde. Allerdings ist die Ablehnung in Bremen mit 14 Prozent im Vergleich zu den anderen Bundesländern teils enorm niedrig. Nur Hamburg liegt mit zehn Prozent noch darunter. Dass es also umgekehrt 86 Prozent der befragten Bremerinnen und Bremer egal ist, ob ihr Nachbar einen ausländischen Hintergrund hat oder nicht, ist insofern ein gutes Ergebnis und spricht erneut für die Weltoffenheit in der Hansestadt.

Was unterscheidet Bremen von den anderen deutschen Stadtstaaten Berlin und Hamburg?

Alle Stadtstaaten sind im Vergleich zu unserer Bundesländer-Studie von 2014 in der Länderstatistik etwas abgerutscht. Bremen liegt auf dem sechsten, Hamburg auf dem achten und Berlin auf dem elften Platz. Besonders hervorzuheben ist, dass in Bremen die Akzeptanz von Diversität sehr hoch ist – nicht nur im Vergleich zu den anderen beiden Stadtstaaten. Bremen ist bundesweit Spitzenreiter in dieser Dimension.

Warum finden nur zehn Prozent der Befragten in Deutschland, dass wirtschaftliche Gewinne gerecht verteilt sind?

Mit dieser und weiteren Fragen haben wir das subjektive Gerechtigkeitsempfinden der Menschen erfasst. Diese Dimension von Zusammenhalt ist in der Tat über alle Bundesländer und Regionen hinweg vergleichsweise schwach ausgeprägt. Nur ein kleiner Teil der Befragten ist der Meinung, dass es bei der Verteilung wirtschaftlicher Güter gerecht zugeht. Das ist ein zentrales Ergebnis unserer Studie und weist auf eine tatsächliche Ungleichheit in der Bevölkerung hin.

Wie kann man dieses Gefühl bekämpfen?

Es gibt einige Punkte, die ich eben bereits angesprochen habe: eine geringe Arbeitslosenquote oder eine Verkleinerung der Einkommensungleichheit zum Beispiel. Wir gehen davon aus, dass es den Zusammenhalt stärken würde, wenn soziale Ungleichheit abgebaut werden würde. Auch eine aktive Gestaltung des sozialen Miteinanders würde dies unterstützen. Dazu gehört auch die Förderung des Ehrenamtes und eine bessere Einbindung der Bürger über inklusive Teilhabe, um Kontakt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Warum ist in der Studie immer noch ein Gefälle zwischen Ost und West zu sehen?

Die bestehenden Unterschiede, was den Zusammenhalt in Ost und West angeht, müssen ernst genommen werden. Dies liegt vor allem an der geringeren wirtschaftlichen Prosperität und den höheren Raten an Arbeitslosigkeit und Armut. Eine Angleichung der Lebensverhältnisse, besonders über eine Verbesserung der ökonomischen Situation, muss ein wichtiges Ziel für unsere Gesellschaft bleiben.

Das Interview führte Jan-Felix Jasch.

Zur Person:

Regina Arant ist Sozialwissenschaftlerin an der Jacobs Universtity. Sie ist eine von drei Autoren der Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt worden ist.

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