Projekt "Wachsende Stadt" Bremen kann Abwanderung ins Umland nicht stoppen

Bremen sollte wachsen, und zwar kräftig. So steht es im Koalitionsvertrag. Doch während das in anderen Städten tatsächlich klappt, wächst Bremen nur durch die Zuwanderung von Flüchtlingen und EU-Bürgern.
16.01.2017, 00:00
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Bremen kann Abwanderung ins Umland nicht stoppen
Von Jürgen Hinrichs

Die Regierung aus SPD und Grünen in Bremen hatte sich zu Beginn der Legislaturperiode vor anderthalb Jahren ein festes Ziel gesetzt: Bremen sollte wachsen, und zwar kräftig. So steht es im Koalitionsvertrag. Doch während das in anderen Städten, die vergleichbar groß sind, tatsächlich klappt – unabhängig von den Flüchtlingen und EU-Bürgern, die kommen –, kann Bremen nur mit dieser Art von Zuwanderung wachsen. Gäbe es die Flüchtlinge nicht, würde die Stadt schrumpfen, weil Einwohner ins Umland wechseln, wie aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervorgeht.

„Abwanderung in Nachbargemeinden ist ein Trend, den der Senat sehr ernst nimmt“, sagt Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) in einem Gastbeitrag für den WESER-KURIER. Die Grünen sorgt vor allem, dass der Anteil der 18- bis 30-Jährigen in der Stadt so gering ist. „Bei diesen Jahrgängen handelt es sich um die soziale Basis von Innovation und Wachstum. Wo sie fehlen, sieht es irgendwann düster aus“, erklärt der Grünen-Abgeordnete Robert Bücking gegenüber dieser Zeitung.

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Beide Politiker nehmen Stellung zu einem Thema, das bei Rot-Grün unter der Überschrift „Wachsende Stadt“ ganz oben auf der Agenda steht. Sieling sieht Erfolge auf diesem Weg. Bei der Flüchtlingszuwanderung sei es gelungen, den Anforderungen im Wohnungsbau, auf dem Arbeitsmarkt, in der Kinderbetreuung, im Bildungsbereich und in der Gesundheitsversorgung angemessen und schnell zu begegnen. „Dabei wurde besonders darauf geachtet, dass die Maßnahmen dazu beitragen, die soziale Stabilität zu stärken.“

"Wachstum ist ausbaufähig"

Gleichzeitig gesteht der Bürgermeister ein, dass es beim Wachstum insgesamt noch hapert – „das ist ausbaufähig“. Beispiel Wirtschaftspolitik: „Wir müssen mehr mit unseren Pfunden wuchern, unsere Willkommenskultur für neue Unternehmen vorantreiben und noch enger mit den bestehenden Unternehmen zusammenarbeiten.“

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Bücking fordert einen intensiven Dialog mit den Personalentwicklern und Betriebsräten in den Unternehmen. In einigen großen Werken stehe ein Generationswechsel an – die große Chance, meint der wirtschaftspolitische Sprecher seiner Fraktion, den Nachrückern die Stadt Bremen auch als Wohnort schmackhaft zu machen. „Wir wollen herausfinden, was die neuen Mitarbeiter brauchen.“ Ziel seien Entwicklungspartnerschaften zum gegenseitigen Vorteil.

Auf das Bundesland bezogen ist Bremen nach Darstellung des Statistischen Landesamtes im Jahr 2015 um fast 10.000 Menschen gewachsen, auf eine Zahl von 671.489 Einwohnern. „Bremen wächst weiter“, freuen sich die Statistiker in ihrem jüngsten Bericht von Mitte Dezember. Nimmt man als Vergleich aber nicht die Einwohnerzahl des Vorjahres, sondern die vom Jahresende 2008 (661.866), liegt der Zuwachs ebenfalls bei ziemlich genau 10.000 Menschen. Das verrät schon, was die jüngste Steigerung vor allem ausmacht: der starke Zustrom von Flüchtlingen und EU-Bürgern.

Viele Bremer ziehen nach Niedersachsen

Deutlich mehr Einwohner als in den Jahren zuvor haben Bremen den Rücken gekehrt, um eine Wohnung oder ein Haus in den niedersächsischen Nachbarkommunen zu beziehen. „Besonders bitter ist für Bremen, dass es inzwischen auch in der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen einen negativen Saldo gibt“, stellt die Bremer Arbeitnehmerkammer in einer Analyse der statistischen Daten fest. Das erste Mal ziehe es mehr junge Menschen ins Umland als in die Stadt. Aber auch generell gelte, so die Kammer: „Suburbanisierung ist wieder ein Trend.“

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Die Grünen fangen mit ihren Rezepten bei den jungen Leuten an: „Bremen sollte für sie unwiderstehlich werden“, sagt Bücking. An der Universität und den Hochschulen gebe es 35.000 Studenten. „Die kommen aus der ganzen Republik zu uns, studieren ein paar Semester und viele, allzu viele ziehen dann weiter.“ Die junge Generation brauche mehr Platz, um sich zu entfalten, mehr Wohnraum, aber auch Gewerbebrachen. Und: „Wir verlieren viel zu viele Bachelor-Absolventen, weil es in Bremen zu wenig Master-Studiengänge gibt.“

Bürgermeister Sieling sieht auf diesem Feld indes mehr Licht als Schatten: „Die exzellente Universitäts- und Hochschullandschaft in unseren beiden Städten ist ein wichtiger Faktor, um junge Menschen, kluge Köpfe und innovative Unternehmen anzuziehen.“ Hinzu kämen eine hohe Lebensqualität und eine zukunftsfähige Wirtschaftsstruktur. Sieling: „Dieses Potenzial müssen wir heben und weiterentwickeln.“

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