Vorwürfe an Kirche

Gerangel um altes Gemeindehaus in Hemelingen: afrikanische Gemeinde muss ausziehen

Die Bremische Evangelische Kirche setzt in Hemelingen afrikanische Christen vor die Tür. Unverständnis erntet sie damit bei Unterstützern aus der Lokalpolitik.
31.08.2020, 07:43
Lesedauer: 4 Min
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Gerangel um altes Gemeindehaus in Hemelingen: afrikanische Gemeinde muss ausziehen
Von Christian Hasemann
Gerangel um altes Gemeindehaus in Hemelingen: afrikanische Gemeinde muss ausziehen

Daniel Schnier (von links), Raphael Olabisi und Gerhard-Wilhelm Scherer packen gemeinsam an. Am Montag muss die Gemeinde aus den Räumen ausgezogen sein.

Petra Stubbe

Seit knapp zwei Jahren haben Pastor Olabisi und seine Gemeinde schwungvolle und zum Teil auch nicht ganz leise Gottesdienste im alten Gemeindehaus der Versöhnungsgemeinde gefeiert – nachdem sie lange nach einem geeigneten Raum gesucht hatten. Am heutigen Montag ist damit vorerst Schluss: Die afrikanische Gemeinde muss ausziehen, die evangelische Kirche Bremen hat ihnen gekündigt. Das stößt nicht nur bei der Gemeinde auf Unverständnis.

„Es ist eine unsichere Stimmung, wir wissen nicht, wie es weiter geht“, sagt Raphael Olabisi. Der Pastor der Worshipper-Gemeinde Bremen sitzt im Saal des alten Gemeindehauses der evangelischen Kirche in der Christernstraße. Ein altes Gemäuer, erbaut in 50er-Jahren, an der selben Stelle errichtet, wo 1944 Bomben ein 1891 vom Silberfabrikanten Heinrich Wilkens erbautes Gemeindehaus zerstörten.

Klar ist für Pastor Olabisi nur, dass er mit seiner Gemeinde ausziehen muss – die Bremische Evangelische Kirche (BEK) hat ihn vor die Tür gesetzt. „Wir haben noch keine Alternative“, sagt Olabisi. Der Grund für die Kündigung: Das Gebäude soll verkauft werden. In direkter Nachbarschaft ist ein neues Gemeindehaus entstanden, die letzten Gruppen, die Räume in dem in die Jahre gekommenen alten Haus nutzen, ziehen im August aus.

Ärger bereitet die Kündigung deswegen, weil der afrikanischen Gemeinde, zu deren Veranstaltungen bis zu 200 Gläubige kommen, nach Meinung der Kritiker keine echte Möglichkeit gegeben worden sei, das Gebäude zu kaufen. Stattdessen hat offenbar nun die koptische Gemeinde den Zuschlag für das Gemeindehaus bekommen – darauf deutet ein aufgeklebter Zettel an dem Briefkasten hin, pikanterweise auf demselben, den auch die Worshipper-Gemeinde nutzt. Ein ziemlich eindeutiges Zeichen.

Unterstützung bekommt die afrikanische Worshipper-Gemeinde vom Hemelinger Beiratsmitglied Gerhard Scherer (CDU) und von Daniel Schnier (Zwischenzeitzentrale). Beide waren bei Gesprächen mit der BEK im vergangenen Dezember und im Frühjahr dieses Jahres dabei. „Die Idee hinter der Zwischennutzung war, dass die Gemeinde im Anschluss das Gebäude kaufen kann“, sagt Schnier, der vor zwei Jahren den Kontakt zwischen der Worshipper-Gemeinde und der BEK hergestellt hatte. Im Januar sei auf einmal bekannt geworden, dass das Gebäude an die jesidische Gemeinde verkauft werden soll. Dieser Verkauf habe sich dann zerschlagen. „Und auf einmal hieß es, dass die koptische Gemeinde das Gebäude kauft, obwohl da Olabisi dran gewesen wäre“, sagt Schnier und fragt: „Warum gibt man nicht der Woshipper-Gemeinde die Chance?“ Am Geld scheint es nicht zu liegen. Zumindest sagt Pastor Olabisi, dass eine Finanzierung des Kaufes möglich sei. Ohnehin zahlte die Gemeinde bis zu 650 Euro Miete an die Versöhnungsgemeinde, die das Gebäude vermietet, für die zum Teil sanierungsbedürftigen Räume in der Christernstraße.

Durchweg schwierig

Übereinstimmend berichten die drei davon, dass der Kontakt zur BEK durchweg schwierig sei. „Erst als das Ortsamt angefragt hat, hat die Gemeinde zum Beispiel die Bauunterlagen für das Gebäude bekommen“, sagt Scherer. Er äußert Unverständnis über das Verhalten der BEK. „Immer nur Druck, dass sie hier raus müssen.“ Sehr viele Dinge sprechen dafür, dass man der Gemeinde die Chance gar nicht geben wollte. „Es wurde nichts gemacht und alles dagegen getan“, sagt Scherer. Er habe das Gefühl bekommen, dass die Mitglieder der afrikanischen Gemeinschaft als Menschen zweiter Klasse behandelt worden seien und der Ball zwischen dem Pastor der evangelischen Gemeinde in Hemelingen, Tilmann Gansz-Ehrhorn, und der Immobilienabteilung der BEK hin- und her geschoben worden sei. Eher anekdotisch, aber ins Bild passend, sei ein erstes Treffen mit BEK am Franziuseck verlaufen. „Im Vorraum neben dem Kaffeeautomaten“, sagt Schnier. Einen Rassimus-Vorwurf wollen aber weder Olabisi, Schnier oder Scherer machen.

„Was ich schade finde, ist, dass uns gesagt wurde, dass es Möglichkeiten für Ersatzräume geben würde“, sagt Olabisi. Dieser Ankündigung seitens der BEK sei aber mit Hinweis auf die Urlaubszeit nichts weiter mehr gefolgt. „Mir geht es darum, dass die BEK in dieser Sache nicht richtig handelt“, sagt Olabisi. Er spricht von der Integrationsarbeit, die die Gemeinde leistet. „Viele afrikanische Flüchtlinge suchen als erstes eine Kirche, eine Gemeinde.“ Diese nehme gerade zur Anfangszeit eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Stadt und Flüchtlingen ein. „Hier bekommen sie die ersten Informationen, machen die ersten Schritte zur Integration“, so Olabisi, der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt.

Doch offenbar sind die Würfel gefallen, nach einem letzten Gespräch in der vergangenen Woche, wurde eine Fristverlängerung für den Auszug abgelehnt und in einer E-Mail, die dem WESER-KURIER vorliegt, angekündigt, dass die neuen Eigentümer das Recht hätten, die Schlösser am Gemeindehaus auszutauschen. Eine dann doch recht unmissverständliche Botschaft an die Worshippers.

Matthias Dembski von der Bremischen Evangelischen Kirche spricht derzeit aber nur von „weit fortgeschrittenen Verkaufsverhandlungen.“ Details, wie es zu der Entscheidung gekommen sei, könne er auf Grund der Vertraulichkeit nicht machen. „Zum Kauf einer Immobilie gehört selbstverständlich auch eine tragfähige Finanzierung“, sagt Dembski. Offenbar überzeugte das Finanzierungskonzept der koptischen Gemeinde den Gemeindevorstand der Versöhnungsgemeinde und die BEK.

Über Verkäufe von Liegenschaften entscheide die BEK im Einvernehmen mit dem jeweiligen Gemeindevorstand, heißt es seitens der BEK weiter. Das Verfahren sei transparent unter Einbeziehung des Ortsamtes erfolgt. Ortsamtsleiter Jörn Hermening sagt dagegen: „Beirat und Ortsamt fühlen sich nicht einbezogen, es ist aber auch eine interne Sache.“ Das Ortsamt habe nur an einem gemeinsamen Gespräch teilgenommen und dabei sei der bevorstehende Verkauf an die koptische Gemeinde Thema gewesen.

„Die Bremische Evangelische Kirche bemüht sich bei Vermietungen und Verkäufen von Immobilien, die sich für gemeindliche Arbeit durch Gemeinden anderer Sprachen und Herkunft grundsätzlich eignen, diese angemessen zu berücksichtigen“, so Dembski. Alle Entscheidungen fielen nach sorgfältiger und fairer Abwägung aller Interessen in größtmöglicher Transparenz. Allerdings gebe es nicht viele geeignete Räume für eine Nachnutzung in Bremen. Die Bau- und Grundstücksabteilung habe der afrikanischen Gemeinde aber angeboten, bei der Suche nach neuen Räumen behilflich zu sein.

Pastor Olabisi und seine Gemeinde müssen mit der Kündigung nun genau diese seltenen Räume finden.

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