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Konstanze Eickhorst im Interview
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"Europäischer Klavierwettbewerb ist hohe Messlatte"

09.02.2016 0 Kommentare

Konstanze Eickhorst
Konstanze Eickhorst ist es wichtig, dass alle Teilnehmer des Europäischen Klavierwettbewerbs Bremen betreut und beraten werden. (Marco Borggreve)

Seit über 20 Jahren haben junge Pianisten beim Europäischen Klavierwettbewerb Bremen die Möglichkeit, sich vor Publikum zu präsentieren. Konstanze Eickhorst sitzt in der Jury und spricht über den Preis.

Frau Eickhorst, dieses Jahr gab es 95 Anmeldungen beim Europäischen Klavierwettbewerb Bremen – so viele wie noch nie. Wie erklären Sie sich die dieses Mal sehr hohe Zahl an Teilnehmern?

Konstanze Eickhorst: Der Wettbewerb hat mittlerweile schon eine wirkliche Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Wir sind vernetzter denn je, sind im Konzert der Wettbewerbe mittlerweile ein Begriff. Es spricht sich herum, dass dies ein Wettbewerb ist, der einen hohen künstlerischen Anspruch hat und sich um seine Teilnehmer kümmert. Ein wichtiger Teil der Juryarbeit besteht darin, die ausgeschiedenen Teilnehmer zu beraten. Auf diese Weise profitieren auch diejenigen, die keinen vorzeigbaren Gewinn mit nach Hause nehmen.

Es soll niemand als Verlierer dastehen.

Wir versuchen, ein gutes Umfeld zu schaffen, damit sich alle wohlfühlen und ihr Bestes geben können. Die Teilnehmer sind gemeinsam in der Jugendherberge untergebracht, wo gute Übungsmöglichkeiten vorhanden sind und wo außerdem Kontakte untereinander geknüpft werden können. Professoren, die den Wettbewerb als Juroren kennengelernt haben, ermuntern ihre Studenten zur Teilnahme bei uns – das ist schön zu sehen.

Wie definieren Sie den hohen künstlerischen Anspruch des Wettbewerbs?

Das verlangte Repertoire ist sehr herausfordernd. Gleich in der ersten Runde müssen die jungen Pianisten ein Programm von bis zu vierzig Minuten gestalten – insgesamt kommt man auf drei Stunden Spielzeit plus Klavierkonzert im Finale. Ein solche Fülle an Repertoire muss erst einmal bewältigt und vorbereitet werden. Das ist eine hohe künstlerische und physische Messlatte, die aufgelegt wird. Es bleibt immer ein wenig ein Lotteriespiel: Da wir keine Vorauswahl haben, werden alle Bewerber zugelassen, die eine professionelle Ausbildung nachweisen können. Das Niveau des Wettbewerbs zeigt sich in der ersten Runde, und wenn wir dann im Semifinale sechs wirklichen Pianistenpersönlichkeiten zuhören, dann stimmt der Anspruch.

Welchen Stellenwert hat ein Kräftemessen wie das in Bremen für die Laufbahn eines jungen Musikers?

Wenn man einen ersten Preis beim Europäischen Klavierwettbewerb Bremen in den Lebenslauf schreiben kann, ist das schon eine gute Visitenkarte – zum Beispiel bei Bewerbungen bei den ganz großen Wettbewerben. Aber auch bei Konzertveranstaltern kann man damit durchaus punkten. Mehrere der Bremer Preisträger haben ihre hier gesammelte Erfahrung gut nutzen können und haben kurz darauf große Konkurrenzen wie den Chopin-Wettbewerb gewonnen. Aber auch diejenigen, die früh ausscheiden, profitieren von ihrer Teilnahme.

Warum?

Man muss sich über Monate konzentriert ein großes Programm erarbeiten und sich mit den diversen Werken intensiv auseinandersetzen. Das bringt einen weiter und ist ein wichtiger Teil der künstlerischen und pianistischen Entwicklung. Man lernt sich selbst und die eigenen Fähigkeiten kennen, muss sich auf Stress- und Drucksituationen einstellen. Man kann abschätzen, ob das wirklich der Lebensweg ist, den man gehen kann und möchte.

Beim Bremer Wettbewerb spielt das Publikum eine wichtige Rolle. Warum eigentlich?

Das Publikum ist immer wichtig für die Atmosphäre, und in Bremen sind wir ganz glücklich, dass es mittlerweile schon von der ersten Runde an treue Stammhörer gibt, die in den Sendesaal kommen. Ein Wettbewerb ist im Grunde genommen ein ganz langes Konzert, keine Prüfung. Außerdem vergeben die Bremer Zuhörer nach dem Finale einen Publikumspreis – es ist immer wieder fantastisch mitzubekommen, wie enthusiastisch es da zugeht.

Manchmal ist das Publikum nicht unbedingt zufrieden mit der Wertung der Jury. 2014 gab es Buh-Rufe, weil Sie dem Favoriten des Publikums, Vasyl Kotys, nur den dritten Platz zuerkannt haben.

Es gibt immer Nebenschauplätze. Herr Kotys hatte bereits 2012 teilgenommen und daher einen gewissen Bekanntheitsgrad. Außerdem hatte gerade der Ukraine-Konflikt begonnen, und auch von daher war der Ukrainer Vasyl Kotys vielen einfach sympathisch. Das kann aber für die Jury nicht ausschlaggebend sein.

Wie gehen Sie als Jury mit dem Unmut des Publikums um?

Wir müssen damit leben, sind darüber aber natürlich nicht glücklich. Aber wir werden unseren künstlerischen Ansprüchen nur gerecht, wenn nach möglichst objektiven Kriterien die Punkte verteilt werden. Das tun wir aufgrund der Leistung, die wir erlebt haben.

Dieses Erleben ist aber auch subjektiv.

Deshalb sind wir zu siebt in der Jury, um da möglichst viel Ausgleich zu schaffen. Und wir haben uns als Jury bis zum Finale schon tiefgehende Eindrücke über die spielerischen und musikalischen Qualitäten verschaffen können, weil wir die Teilnehmer von Anfang an hören. Nicht alle Finalbesucher, die beim Publikumspreis ihre Stimme abgeben, haben alle Runden vorher besucht.

Sie haben vorhin erwähnt, dass die Teilnehmer in der Jugendherberge untergebracht sind. Ist das nicht heikel: Alle Konkurrenten unter einem Dach?

Es ist im Gegenteil so, dass oft eine schöne Gemeinschaft entsteht, und die Teilnehmer sich nicht mehr als Konkurrenten begreifen, sondern eher als Kollegen. Häufig sitzen diejenigen, die bereits ausgeschieden sind, bei den nächsten Durchgängen und hören konzentriert zu. Der Austausch untereinander ist sehr rege.

Vielleicht ja auch über die zeitgenössische Komposition, die für den Wettbewerb einstudiert werden muss – eine weitere Spezialität des Bremer Wettbewerbs. Werden Sie diese beibehalten?

Ich finde diese Auftragskompositionen unglaublich wichtig für die jungen Leute, aber auch für die Aktualität des Wettbewerbs. Oft kommt die Komponistin oder der Komponist nach Bremen, um mit den Teilnehmern über das Stück zu diskutieren. So können die jungen Leute in die Gedankenwelt eines lebenden Komponisten eintauchen – das geht bei Bach, Beethoven und Mozart leider nicht mehr.

Für die Nachwuchs-Musiker ist das quasi eine Fortbildung.

So ist es. Außerdem müssen sie sich alle in relativ kurzer Zeit mit einem Werk vertraut machen, von dem es natürlich noch keine Aufnahmen gibt. Sie müssen das Stück selbstständig erarbeiten, es eigenständig interpretieren. Und ganz nebenbei erweitern sie das Repertoire um ein zeitgenössisches Stück.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.


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