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Graphic Novel über Romanfigur mit Kultcharakter
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Herr Lehmann ist wieder da

Hendrik Werner 05.10.2014 0 Kommentare

(Tim Dinter)

Herr Lehmann ist nicht nur eine Romanfigur. Dieser Frank Lehmann ist 13 Jahre nach dem Betreten der literarischen Bühne ein Kultcharakter. Denn er verköpert das alternative Lebensgefühl in Berlin-Kreuzberg kurz vor dem Mauerfall. Und steht somit für ein Milieu, das sich aus Lebenskünstlern aller Art zusammensetzt. Mehr als eine Million Leser haben sich für Frank Lehmanns ruppigen Charme begeistert, der durchaus an Wesenszüge seines in Bremen geborenen Schöpfers Sven Regener erinnert. Jetzt hat der Berliner Zeichner Tim Dinter aus diesem grandiosen und überdies sehr dankbaren Stoff eine ebenso lakonische wie kunstvolle Graphic Novel gemacht.

Der erste Tag des Jahres 1961, vulgo: Neujahr, war ein ungemein fruchtbarer Tag für Bremens Kultur. Denn an diesem ersten Tag des Jahres 1961 kam Sven Regener zur Welt, eigensinniger Kopf, beckmesserischer Texter und begnadeter Trompeter der Combo Element of Crime – und seit 13 Jahren überdies ein Romancier, der zumal dem Nachtvölkchen genau aufs Maul schaut – sei es im Bremer Viertel, sei es in Berlin-Kreuzberg. Als der zuvor auf lakonische Lyrik abonnierte Musiker als erzählender Schriftsteller auf den Plan trat, tat er das bekanntlich gleich mit einer Trilogie: Auf den autobiografisch grundierten Kreuzberg-Roman „Herr Lehmann“ (2001) folgte dessen in Bremen angesiedelte Prequel „Neue Vahr Süd“ (2004) sowie die wiederum in Berlin spielende Groteske „Der kleine Bruder“ (2008).

Fotostrecke: "Herr Lehmann" als Comic

Es ist in der Verwertungskettenlogik der Popliteratur meist nur eine Frage der Zeit (selten des Anstands, gar der Dezenz), bis ein Erfolgsstoff das Publikum in anderen medialen Darreichungsformen ereilt. Das ging den ersten beiden Teilen der Frank-Lehmann-Trilogie naturgemäß nicht anders. Diese Schelmenromane waren dankbare Vorlagen für Filme, weil Sven Regeners Quasi-Handlungen ähnlich absurd sind wie die von ihm geschriebenen Dialoge. Nachdem es in Leander Haußmanns Kinoadaption von „HerrLehmann“ (2003) Christian Ulmen war, der Sven Regeners stets spitzfindigen Herrn Lehmann gab, spielte in der ARD-Produktion „Neue Vahr Süd“ (2010) Frederick Lau den notorischen Erbsenzähler. Zu diesen illustrierten Adaptionen kommen noch Hörbücher und Autorenlesungen.

Nun ist „Herr Lehmann“ zum Gegenstand einer Graphic Novel geworden beziehungsweise – wie es früher weniger selbstbewusst hieß – eines Comics. Diese Form der künstlerischen Aneignung ist zunächst einmal weder ein Ritterschlag noch ehrenrührig, sondern sozusagen die natürliche Konsequenz bei Konsensliteratur der unterhaltsamen Sorte. Warum auch nicht? Schließlich ist der schnoddrige Lehmann-Sound etwas, was am Sielwall ebenso ein nicht-literarisches Nachleben führt wie in der Adam-Stegerwald-Straße in der Neuen Vahr Süd. Dass der zugleich rüde und empfindsame Jargon, den Regener als junger Mann zwischen Viertelkneipen, versifften Wohngemeinschaftsküchen und kommunistischen Diskussionsforen der wunderbaren Bremer Wirklichkeit ablauschte, auch im ach so aufregenden Berliner Szenebezirk Kreuzberg sein Publikum gefunden hat, darf Lokalpatrioten – in welchem Sinne auch immer – aufrichtig freuen.

Weil Kreuzberger Nächte bekanntlich lang sind und Tim Dinter dem Vernehmen nach die Lokalrunden-Schauplätze des Romans gründlich erkundet hat, bevor er sich ans Zeichenwerk machte, ist nachvollziehbar, dass gut Ding in diesem Fall Weile haben musste. Die Recherchemühe hat sich gelohnt, ihre Dauer war unbedingt gerechtfertigt. Denn der Berliner Zeichner hat alles richtig und alles richtig gut gemacht, indem er – ungeachtet der starken literarischen Vorlage und trotz des gelungenen Haußmann-Films – eine eigenständige (Bild-)Sprache für seine Adaption von „HerrLehmann“ gefunden hat. Eine Ausdrucksweise, die das Original unverkennbar ehrt und bewahrt, sich ihm aber selten bis nie in mimetischer Weise andient.

Die sorgsam ausgeführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen geben der in dem Werk skizzierten historischen Phase die Anmutung, als sei Berlin in jenen Tagen vor dem 9. November 1989 aus der Zeit gefallen. Tatsächlich begründete der Mauerbau dies- und jenseits des Todesstreifens zwei deutsche Geschwindigkeiten. „Zeitmauer“ hat der Dramatiker Heiner Müller dieses Phänomen einmal genannt. Ihm und Tim Dinters auf trennscharfe Kontraste setzender Grundierung wird zustimmen, wer sich vergegenwärtigt, wie veränderungsresistent und wertkonservativ das bunte Biotop Kreuzberg noch Jahre nach der Wiedervereinigung war.

Eine große Stärke der Graphic Novel besteht in der findigen und sorgsamen Ausgestaltung der Figuren: Tim Dinter schafft – unbelastet von früheren Adaptionen in anderen Medien – schlüssige und ein ums andere Mal auch anrührende Charaktere: Die schöne Köchin Katrin, der labile Künstler Karl (dem Sven Regener 2013 in Gestalt von „Magical Mystery“ einen eigenen Roman zueignete) und der ständig zwischen Phlegma und Aufbegehren oszillierende Titelheld selbst – sie alle sind sozusagen auf unvordenkliche Weise neu geschaffen worden. Das gilt auch für die Sprache, die nicht ungleich ökonomischer eingesetzt wird als in der literarischen Vorlage – und doch durch ihre Präzision betört.

Tim Dinter und Sven Regener: Herr Lehmann. Eichborn-Verlag, Köln. 238 Seiten, 19,99 Euro


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