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Spielfilm über Bremer Giftmischerin
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Arsen und Mäusebutter

Hendrik Werner 20.09.2019 0 Kommentare

Ehrsam und gottesfürchtig? Suzan Anbeh als Gesche Gottfried in
Ehrsam und gottesfürchtig? Suzan Anbeh als Gesche Gottfried in "Effigie". (Geek Media)

Bremen. Für die Verfilmung eines der spektakulärsten Kapitel der Bremer Historie haben sich ein Berliner Wissenschaftsjournalist und ein hiesiger Schriftsteller zusammengetan: Udo Flohr hat nach einem Drehbuch, das der gebürtige Bremer Peer Meter gemeinsam mit dem Regisseur und Antonia Roeller verfasst hat, die Geschichte der Arsen-und-Mäusebutter-Giftmischerin und 15-fachen Mörderin Gesche Gottfried in Szene gesetzt. „Effigie – Das Gift und die Stadt“ heißt das 85-minütige Ergebnis. Die Uraufführung des historischen Krimis nach Originalakten – und um einige fiktive Nebenhandlungsstränge erweitert – findet an diesem Sonnabend um 20 Uhr im Rahmen des Bremer Filmfestes in der Bremer Schauburg statt.

Einen erweiterten Blick auf den Fall hat Peer Meter, Jahrgang 1956, für die Independent-Produktion angekündigt, deren Etat bei 400 000 Euro lag. Eine Sichtweise, die über die individuelle Schuld Gesche Gottfrieds hinaus die Verantwortlichkeiten neu und anders sortiert, indem nach den Anteilen des Bremer Biedermeier-Bürgertums sowie der involvierten Ärzte und Juristen gefragt wird. Darauf deutet bereits der verheißungsvolle Trailer; ein Kinostart ist bislang nicht terminiert.

Überraschender Aktenfund

Für eine Neuperspektivierung ist Peer Meter insofern prädestiniert, als er die Mordsmaterie aus dem Effeff kennt. Seit drei Jahrzehnten beschäftigt er sich in unterschiedlichen literarischen Gattungen mit dem kruden Stoff. Initialzündung des künstlerisch grundierten Dauerengagements war 1988 das überraschende Auftauchen von Gerichtsakten. Ein Jahr später kam Meters Theaterstück „Die Verhöre der Gesche Gottfried“ heraus, zwei Sachbücher zum Thema folgten, und 2010 erschien im Reprodukt-Verlag die faszinierende Graphic Novel „Gift“, eine Koproduktion Meters mit der Berliner Illustratorin Barbara Yelin.  

Udo Flohrs Film, in dem neben der Hauptdarstellerin Suzan Anbeh die aparten Akteure Uwe Bohm und Roland Jankowsky spielen, ist nicht das erste und gewiss auch nicht das letzte Werk, das der Bremer Moritat eine andere Motiv- und Verantwortungsgemengelage als die üblicherweise veranschlagte zudenkt. Zu nennen ist etwa Karl Fruchtmanns Film „Gesche Gottfried“, eine Radio-Bremen-Produktion aus dem Jahr 1978 mit Sabine Sinjen in der Titelrolle. Vor allem aber machte sich Rainer Werner Fassbinder um die Schauergeschichte verdient – und um den Aufstieg der Serienmörderin zu einer Ikone der Popkultur: „Bremer Freiheit“ heißt das 16. Stück aus der Antitheater-Manufaktur des sozialrevolutionär gestimmten Dramatikers. Es erschien 1971 mit dem Untertitel „Frau Geesche Gottfried – Ein bürgerliches Trauerspiel“ – und wurde in Bremen uraufgeführt (wo es unbedingt mal wieder zu sehen sein sollte).

Noch größere Popularität genoss im Jahr darauf eine Verfilmung, die Fassbinder mit Margit Carstensen in der Hauptrolle realisierte. Dabei wurde die Rolle der 15-fachen Mörderin auf kühne Weise neu interpretiert: In dem Emanzipationsstück deutet Fassbinder Gottfried als Opfer struktureller Gewalt und gesellschaftlicher Verkennung, mehr noch: als einen gefallenen Engel. Gesche, die auf der Bühne wie im Film absichtsvoll als Geesche firmiert, um eine Differenz zur historischen Figur festzuschreiben, galt vor dem Bekanntwerden ihrer Mordsenergie als gottesfürchtig und ehrenwert, als emsig und verlässlich. Fassbinders sozialpsychologische Lesart führt ihr kriminelles Tun darauf zurück, dass ihr niemals Selbstbestimmtheit zugestanden wurde.

Gerade in Bremen wurde Gottfrieds horrender Nimbus – auch jenseits des Spucksteins auf dem Domshof – in etlichen künstlerischen Adaptionen nach Kräften genährt. So zeigte das Künstlerhaus im Jahr 2005 unter der Ägide von Susanne Pfeffer eine überregional gefeierte Gruppenausstellung. Unter dem Titel „Bremer Freiheit“ dachten die beteiligten Künstler die beiden Fassbinder-Aneignungen weiter. Das Leitwort der Schau gereicht manchem Thriller zur Ehre: „Ich habe dich davor bewahren wollen, das Leben, das du führst, noch weiter führen zu müssen.“

Man ahnt: Das Nachleben der Gesche Gottfried war nicht auf anderthalb Kunstgattungen beschränkt, sondern inspirierte flächendeckend E- und U-Kulturschaffende. Sogar in das ARD-Krimiflaggschiff, die „Tatort“-Reihe, schlich sich die Figur, sozusagen als blinde Passagierin: nämlich in Thea Dorns düsteres Drehbuch zur Radio-Bremen-Folge „Der schwarze Troll“ (2003).

Auch das Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“ nahm sich des Stoffes an, den Regisseurin Henrike Vahrmeyer als historisches Drama aufbereitete. In „Gift – der Fall Gesche Gottfried“ spielt Claudia Spörri in einem Bühnenbild von Katja Fritschze. Zu sehen ist die Inszenierung sinnigerweise an diesem Sonnabend um 20 Uhr in der Spielstätte an der Schildstraße 21. Das Schlusswort dieses rezeptionsgeschichtlichen Abrisses aus Anlass der Neuadaption gebührt der Band Jennifer Rostock, die Gesche Gottfried im Jahr 2008 einen Song namens „Ins offene Messer“ widmete: „Da ist was im Busch / Sie war der Engel von Bremen / Doch Luzifer eröffnete sein Nadelbüffet / Und jeder darf sich nehmen.“


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