Wetter: Regenschauer, 9 bis 15 °C
„Nordlicht" auf Platz vier
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Bremer Band Versengold in den deutschen Albumcharts

Alexandra Knief 09.07.2019 0 Kommentare

Die Bremer Band Versengold hat ihr neuntes Album „Nordlicht“ herausgebracht, das auf dem vierten Platz der Albumcharts eingestiegen ist.
Die Bremer Band Versengold hat ihr neuntes Album „Nordlicht“ herausgebracht, das auf dem vierten Platz der Albumcharts eingestiegen ist. (Huch)

Mit ernstem Blick stehen sechs Männer an einem düsteren Strand, der nur vom Mondlicht leicht erhellt wird. Um sie herum stapeln sich alte Holzkisten, Seesäcke, Fässer und Weinflaschen. Das Szenario hat etwas Geheimnisvolles, fast Mystisches. Zumindest kurz: „Ein Mitarbeiter in die Großelektronik, bitte!“, hallt es aus den Lautsprechern im Elektromarkt „Saturn“ in der Bremer Innenstadt. Das war‘s dann mit dem Kino im Kopf, in dem bereits Geschichten über Seemänner und alte Schifffahrtslegenden abliefen.

Der Strand ist nur auf einem Poster, die imaginäre Kulisse verpufft mit der ersten Lausprecherdurchsage. Die sechs Männer vom Strand allerdings, die sind echt. Und stehen gerade mitten in der „Saturn“-Filiale, wo sie ein kleines Promo-Konzert geben sollen. In echt sieht die Bremer Band Versengold nicht ganz so mysteriös und rätselhaft aus wie auf ihrem aktuellen Promo-Poster. Muss wohl am fehlenden Mondlicht liegen. Und daran, dass sich nun DVDs, CDs und PC-Spiele neben der Band stapeln anstelle von Holzkisten und rustikalen Fässern.

Versengold haben mit „Nordlicht“ gerade ihr neuntes Album herausgebracht, und das gilt es zu bewerben. Da heißt es eben auch mal Kurzkonzert im Elektromarkt statt großer Konzertbühne, Kaufhaus statt cooler Strandkulisse. Doch auch das gehört dazu und bedeutet nicht, dass Versengold nicht auch anderes gewohnt sind. Im Gegenteil: Seit 2003 gibt es die Band, deren Musiker fast alle aus Bremen und dem Umland stammen. Sie spielen auf namhaften Rock-Festivals, füllen große Konzerthallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit etwa sechs Jahren können die Musiker komplett von ihrer Musik leben, für die Band selbst „das größte Glück überhaupt.“ Seit 2017 steht das Sextett bei der Plattenfirma Sony unter Vertrag. Ihr vor zwei Jahren erschienenes Album „Funkenflug“ schaffte es auf Platz zwei der Deutschen Albumcharts. Und trotz allem sind sie gerade in ihrer norddeutschen Heimat noch nicht allen Menschen bekannt.

Ode an den Norden

Mit „Nordlicht“ hat die Band gerade erneut eine Chartplatzierung erreicht: Platz vier. Worum es in vielen der Songs auf der neuen Platte geht, ist dank des Titels und des Strand-Covers kaum noch eine Erklärung wert. Der Grund für die Wahl dieser Thematik allerdings schon: „Viele von uns sind im Teufelsmoor aufgewachsen“, verrät Sänger Malte Hoyer. „Dem widmen wir uns unter anderem.“ Auch das Thema Meer kommt nicht zu kurz („Küstenkind“, „Durch den Sturm“). In anderen Liedern wird es gesellschaftspolitisch: In „Braune Pfeifen“ positioniert sich die Band klar gegen rechts, in „Meer aus Tränen“ behandelt sie die Flüchtlingsthematik. „Alle Künstler sollten politisch Position beziehen“, sagt Hoyer. „Ich fürchte aber, viele haben eher ihre Verkaufszahlen im Kopf als Ideologien. So wollen wir nicht sein.“ Versengold wollen relevante Musik machen, ihren Fans eine Botschaft mitgeben.

Notfalls auch von einer kleinen Bühne im Elektromarkt aus, auf der es mit sechs Leuten schon recht eng wird. Aber was sein muss, muss ein, und Spaß haben die sechs Musiker scheinbar überall. Vor und neben der Bühne stehen dicke Lautsprecherboxen. Bevor das Konzert losgehen kann, steht noch ein Soundcheck an. Sean Lang macht den Anfang und trommelt einen Beat auf seinem Schlagzeug. „Der hat doch 'ne Meise“, ruft eine ältere Frau, die der plötzliche Lärm etwas erschreckt hat, im Vorbeigehen. Eike Ottens Bass stimmt mit ein, er spielt einige Phrasen, die erst verdächtig nach Boney M., später nach Norah Jones klingen. Als alle sechs ihre Stimmen und Instrumente eingestimmt haben, spielen Versengold „Verliebt in eine Insel“, einen Song, der „inspiriert von ganz vielen Guinness“ entstanden sei, wie Hoyer verrät. Schon rund 1,5 Stunden vor Konzertbeginn tummeln sich die ersten Fans vor der kleinen Bühne, leicht erkennbar dank ihrer Fan-T-Shirts. Aufgeregt laufen einige von ihnen zum CD-Tisch und freuen sich, dass dort noch ein Exemplar von „Nordlicht“ für sie liegt.

Zufällig berühmt

Eigentlich wollten Versengold gar nicht berühmt werden. „Wir hatten damals gar nicht das Ziel, mit unserer Musik auf große Bühnen zu gehen und unser Geld damit zu verdienen“, sagt Hoyer, das einzige verbliebene Gründungsmitglied. „Wir waren damals in der historischen Szene, haben Rollen gespielt und hier und da auf Stadtfesten ein wenig Musik gemacht“, sagt er. „Das war ein Spaßprojekt ohne große Ambitionen“. Aber das Spaßprojekt kam an. „Irgendwann konnten wir unser Studium mit der Musik finanzieren“, sagt Hoyer.

Mehr zum Thema
Frühstück bei... Malte und Tjalf Hoyer: Das Leben feiern
Frühstück bei... Malte und Tjalf Hoyer
Das Leben feiern

Beide haben Musik im Blut. Der eine hat mit Versengold gerade ein neues Album herausgebracht, der ...

 mehr »

2008 stieß Nyckelharpa-Virtuose Alexander Willms zur Band, 2011 kamen Gitarrist Daniel Gregory und Violinist Florian Janoske dazu. Die Band fing an, sich etwas mehr zu öffnen, mehr sie selbst zu sein. Künstlernamen und Kostümierungen, die anfangs noch zum Image gehörten, wurden abgelegt, und auch musikalisch haben sich Versengold weiter entwickelt. 2015 kamen mit Sean Lang und Eike Otten noch Schlagzeug und Bass hinzu. Von Hardrock bis Klassik brachte jeder seinen eigenen Stil mit in die Band ein.

Kein Wunder, dass die Musik der Band nicht immer ganz eindeutig zu verorten ist: Von „Die Toten Hosen mit Gefiedel“, bis hin zu „klingt, als würden Santiano Werbung für Bratmaxe machen“ – in den Medien werden Versengold gerne mal verglichen oder in Schubladen gesteckt. Für die Band selbst ist das kein Problem. „Wir wissen selbst manchmal nicht, wie wir unsere Musik nennen sollen„, sagt Hoyer. “Folk-Rock, Folk, deutsch-Folk. Andere sagen, das hört sich nach Country an oder nach Schlager oder nach Pop. Wir selbst finden Folk-Rock am coolsten.“ Versengold haben schon im „Fernsehgarten“ gespielt, genauso wie auf dem Wacken-Festival. Die Musiker wollen nicht in Formaten und Schubladen denken. „Wir machen unsere Musik. Und ob uns nun Metaller oder Schlagerfans gut finden, ist ganz egal“, sagt Hoyer. „Wer Versengold mag, ist herzlich willkommen.“

„Teufelstanz“ mit Kaufhaus-Flair

Doch zurück in den Elektromarkt. „Jetzt wird es hier im Saturn vielleicht ein bisschen gruselig“, sagt Sänger Hoyer, während des Konzertes, als er das Lied „Teufelstanz“ ankündigt. Rund 200 bis 300 Fans haben sich mittlerweile vor der Bühne versammelt und die Gänge komplett eingenommen. „Stellt euch jetzt einfach vor, wir stünden auf einer großen Bühne, alles ist dunkel und ruhig, nur Alex‘ Gesicht wird noch angeleuchtet“, versucht Hoyer trotz Kaufhaus-Flair für die richtige Atmosphäre zu sorgen. „Ariane, bitte dringend zur Info kommen“, schallt es aus den Lautsprechern. Das Publikum lacht. War wohl nichts mit  Gruselstimmung. Den Fans ist das egal, sie feiern ihre Idole auch ohne schummrige Konzert-Atmo. Viele können den Song bereits kurz nach CD-Release Wort für Wort mitsingen.

Nach dem Bremer „Saturn“ stehen noch weitere Elektromärkte im Kalender der Band. Dann dürfen die sechs Musiker wieder in Locations spielen, in denen sie selbst und auch ihre Fans mehr Platz haben. Es stehen Festivals an, und im Oktober folgt eine große „Nordlicht“-Tour, bei der Versengold wieder in Bremen Station machen: Am 18. Oktober im Aladin – ohne Lautsprecherdurchsagen.


Party- und Freizeit-Bilder

Hier sind die Ermittler
Die große Vorschau: Das bringt die neue "Tatort"-Saison
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regenschauer.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %