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Kunstbiennale Venedig
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Bremer HfK-Professorin gestaltet deutschen Pavillon

Iris Hetscher 25.10.2018 2 Kommentare

Natascha Süder-Happelmann (rechts) mit ihrer Sprecherin Helene Duldung.
Natascha Süder-Happelmann (rechts) mit ihrer Sprecherin Helene Duldung. (Süder-Happelmann)

Die Entscheidung sorgte am Donnerstag für eine Überraschung auch in Fachkreisen: Natascha Sadr Haghighian, seit 2014 Professorin an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen für Bildhauerei, wird den deutschen Pavillon auf der 58. Kunst-Biennale in Venedig (Biennale di Venezia) gestalten. Das gab die Kuratorin des deutschen Pavillons, Franciska Zólyom, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz bekannt.

Die Künstlerin nahm auch daran teil, wahrscheinlich jedenfalls. Denn Sadr Haghighian war nicht zu erkennen, sie hatte sich eine Skulptur in Form und Aussehen eines Steins übergestülpt und sagte kein Wort. Dies überließ sie ihrer Sprecherin Helene Duldung.

Für ihre Aufgabe hat die Künstlerin sich zudem einen anderen Namen gewählt: Sie nennt sich Natascha Süder Happelmann, was Teil des künstlerischen Konzepts sei, teilte die HfK mit. Die Künstlerin habe eine Sammlung von Namen ausgewertet, mit denen sie in den vergangenen 30 Jahren adressiert wurde.

"Optimale Form der Integration"

„Nach sorgfältiger Prüfung der verfügbaren Varianten, die durch Autokorrektur und Fehlschreibung seitens öffentlicher Stellen zustande kamen“, habe sie unter Zuhilfenahme algorithmischer Parameter und „gesellschaftlicher Protokolle“ den geeigneten Namen für die Aufgabe ausgesucht, den deutschen Pavillon in Venedig zu bespielen. Dies sei zweifelsohne „eine optimale Form der Integration“.

Dies ist eine hübsche und beinahe spitzbübisch anmutende Anspielung auf das vielstimmige Orakeln, das der Enthüllung des Kandidatinnennamens in den vergangenen Wochen vorausgegangen war. Denn der gebürtigen Ungarin Franciska Zólyom, die die Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig leitet, war seit ihrer Nominierung als Kuratorin unterstellt worden, sie werde ja sicher einen Künstler mit migrantischem Hintergrund auswählen, weil das im Moment ja einfach angesagt sei.

Mit Sadr Haghighian alias Süder Happelmann gibt es nun jemanden, der sich mit dem viel tiefer gehenden Thema Identität und der Dekonstruktion von Rollenzuschreibungen befasst. Und der sich zugleich jeglicher politischer Instrumentalisierung entzieht, in seinen Arbeiten aber immer wieder darauf hinweist, wie stark Politik, Wirtschaft und Industrie einerseits und alltägliche erfahrbare Lebenswirklichkeit andererseits zusammenhängen.

Auf der Pressekonferenz gab es keinen konkreten Hinweis darauf, was Süder Happelmann für Venedig plant; im Internet ist lediglich ein Video zu sehen, in dem sie, ausgerüstet mit dem Steinkopf ihres derzeitigen Ichs, einsame Wege und Wiesen in diversen Städten abschreitet. Schaut man sich an, welche Linie die Künstlerin bisher verfolgt hat, erkennt man definitiv auch eine Lust am Spielerischen.

Das geht schon bei ihrer Biografie los, in der sie sich über alles Konkrete lustig macht. Vielleicht ist sie 1967 in Teheran geboren, aber vielleicht auch 1979 in München oder 1966 in London. Wohnort? Eventuell Gütersloh, eventuell Santa Monica. Berufsbezeichnung? Soundkünstlerin, Installationskünstlerin, Dokumentarfilmerin. Chemiestudentin. Auch „29-jährige falsche Blondine“ ist im Angebot. Vielleicht trifft alles zu, vielleicht nichts.

Sadr Haghighian rief 2004 die Biografie-Tauschbörse bioswop.net ins Leben, auf der Künstler ihre Lebensläufe wechseln können – quasi eine Aktion gegen jeglichen Versuch von Festlegung, gegen das, was man als biografische Hypothek mit sich herumschleppt. Wer Identitäten tauscht, verschreibt sich der Maskerade – wie übrigens ganz plastisch bei der Pressekonferenz am Donnerstag.

"Denken als Körper, Gestalt, Form, Formation"

Gibt es keine Klarheit darüber, wer und was ein Künstler ist, konzentriert sich alles auf das, was greifbar ist: das Werk. Das wiederum ist bei Natascha Sadr Haghighian performativ und installativ, umfasst auch Text und Sound. Die genauere Beschreibung ihrer HfK-Professur lautet passenderweise: „Denken als Körper, Gestalt, Form, Formation“.

Sie sei eine „wichtige Stimme der Gegenwartskunst“, heißt es etwas lahm in der Begründung für ihre Berufung, in ihren Arbeiten bringe sie das „poetische, imaginäre und kritische Potenzial von Kunst zur Entfaltung“. Handlungsweise und Rollenverständnis würden bei jedem Auftrag neu justiert. Auch das ist nicht weit entfernt von der Standardanforderung für eine, die den deutschen Pavillon für Venedig gestalten soll, mindestens mal seit Anne Imhofs verstörendem und mit dem Goldenen Löwen versehenen „Faust“-Beitrag von 2017 (siehe unten stehenden Text).

Natascha Sadr Haghighian hat sich in jüngster Zeit oft mit dem Themenfeld Waffenexport und Krieg beschäftigt. 2013 baute sie beispielsweise teilweise einen Leopard-Panzer nach und verkleidete ihn mit Legoplatten. Die Installation „pssst Leopard 2A7+“ wurde in einer Berliner Galerie ausgestellt, dazu lernte der Kunstrezipient über Kopfhörer etwas über Rüstungsexporte, den Arabischen Frühling und den Leopard-Panzer selbst, der sich als fiktives Ich präsentierte.

Eindeutigkeit ist ihre Sache dabei nie

Bei der Documenta 13 in Kassel ließ sie Besucher in der Karlsaue über Kriegsschutt klettern, bei der Documenta 14 im vergangenen Jahr war sie Teil der „Society of friends of Halit“, die den Mord an dem Kasseler Halit Yogzat durch den NSU neu in den Fokus nahm. Eindeutigkeit ist dabei ihre Sache nie, was wiederum zu der Verweigerung passt, eine klare Rolle auch im Kunstbetrieb zu spielen. Eine Einzelausstellung mit Sadr Haghighians Werken gab es übrigens bisher noch nicht.

„Mit Pseudonymen zu operieren gehört zu unseren digitalen Lebenswelten, ist gängige Praxis. Unsere Kollegin geht mit ihrer bio-

swop-Plattform noch einen Schritt weiter und erprobt künstlerische Strategien, sich Festschreibungen zu entziehen“, gratulierte Rektor Roland Lambrette zur Berufung. An der Hochschule für Künste löste die Berufung der Professorin des Fachbereichs Kunst und Design naturgemäß große Freude aus. Die kommenden Monate werden sich Studenten und Professoren umgewöhnen müssen: Natascha Sadr Haghighian wird nur noch auf den Namen Natascha Süder Happelmann reagieren.


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