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Unterwegs mit dem Graffiticleaner
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Der Kampf gegen Schmierereien

Alexandra Knief 08.09.2018 0 Kommentare

Seit zweieinhalb Jahren sorgt Henning Jäger dafür, dass ungewollte Schmierereien in der Stadt so schnell wie möglich wieder verschwinden.
Seit zweieinhalb Jahren sorgt Henning Jäger dafür, dass ungewollte Schmierereien in der Stadt so schnell wie möglich wieder verschwinden. (Christina Kuhaupt)

Bekommt Jens Gilberg einen Anruf, kann er oft nicht, wie andere Handwerker, einen Termin in einigen Wochen vereinbaren. Denn wenn Gilberg um Hilfe gebeten wird, muss es manchmal schnell gehen, damit möglichst wenige Menschen sehen, was über Nacht an Bremens Hauswänden aufgetaucht ist. So auch dieses Mal.

Die Stadt hat ihn beauftragt, denn wie schon sehr oft in der Vergangenheit ist die Waschbetonmauer am Staatsarchiv Opfer eines illegalen Graffiti-Sprayers geworden. „Wezy 2018“ steht an der meterlangen Mauer, ein Schriftzug in dicken schwarzen Buchstaben. Für Gilberg und seinen Mitarbeiter Henning Jäger kein Problem, denn genau darauf sind sie spezialisiert.

Chef Gilberg sagt bereits seit 22 Jahren Sprayern den Kampf an. Jäger ist seit rund zweieinhalb Jahren im Team. Kaum am Tatort angekommen, hat Jäger schon die Gummihandschuhe an und beginnt, die Mauer mit einer transparenten Flüssigkeit einzupinseln. Mit Graffiti-Entferner, um genau zu sein. Dieser greift laut Gilberg das Bindemittel der Farbe an, und tatsächlich beginnen die schwarzen Konturen nach kurzer Zeit zu verschwimmen.

Züge sind ein beliebtes Ziel

Mit den Sachen, die es im Baumarkt gibt, komme man in der Regel nicht weit, sagt Gilberg. Da müsse man schon zu härteren Waffen greifen. In seinem Fall heißt das: spezielle Reinigungsmittel aus den Niederlanden, Australien oder Skandinavien. „Man probiert sich so durch und findet irgendwann heraus, was funktioniert“, sagt Gilberg.

Durchschnittlich 25 Mal pro Woche rückt das Graffiticleaner-Team aus, um Schmierereien zu beseitigen. Für Entfernungen von einer Größe von bis zu fünf Quadratmetern berechnet Gilberg pauschal 175 Euro. Ab sechs Quadratmetern wird ein Aufmaß gemacht. Bei bemalten Wänden holen sie sich Hilfe von einem Maler, mit dem herkömmlichen Verfahren würde man sonst die Farbe des Untergrundes angreifen.

„In den Ferien ist immer ein bisschen weniger zu tun, da sind wohl auch viele Sprayer im Urlaub“, sagt der Graffiticleaner. In der Regel gebe es aber immer genügend Arbeit. Neben Hauswänden sind Züge ein beliebtes Ziel von Sprayern. Im Jahr 2017 hat die Deutsche Bahn bundesweit 18.100 Graffiti-Fälle registriert, vier Prozent mehr als im Vorjahr.

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Der Schaden beträgt laut Bahn mehr als zehn Millionen Euro. Das Unternehmen verfolge mit Spezial-Einsatzteams Sprayer bei Tag und Nacht und erstatte bei jedem Vandalismusdelikt Strafanzeige, so eine Sprecherin der Bahn. Und auch die Nordwest-Bahn hat stark mit illegalen Graffiti zu kämpfen. „Pro Woche finden wir etwa 400 bis 500 Quadratmeter voll mit Graffiti an den Regio-S-Bahnen in Bremen“, sagt Steffen Högemann, Pressesprecher des Unternehmens für Niedersachsen und Bremen. „Es ist ein enorm hoher Aufwand, diese Graffiti zu entfernen – logistisch, personell und finanziell.“

Nach aktuellem Stand prognostiziere das Unternehmen für die Entfernung von Graffiti im laufenden Jahr einen finanziellen Aufwand von rund 350.000 Euro. Die Polizei Bremen hingegen konnte im Drei-Jahres-Vergleich einen deutlichen Rückgang an Meldungen von durch Graffiti verursachter Sachbeschädigung verzeichnen. Waren es 2015 noch 846 Strafanzeigen, sank die Zahl 2016 auf 703 Meldungen und 2017 weiter auf 583 Anzeigen. Wer erwischt wird, muss laut Polizei mit Geldstrafen und sogar mit Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren rechnen.

Privateigentümer muss selbst aufkommen

Und wer denkt, seine Jugendsünden von früher könnten ihn nicht mehr einholen, der irrt: „Wer mit 16 Jahren beim illegalen Sprayen erwischt wird, läuft Gefahr, bis zu seinem 46. Lebensjahr für den von ihm verursachten Schaden zur Kasse gebeten zu werden“, sagt ein Sprecher der Polizei. Denn so lange gelten die zivilrechtlichen Ansprüche des Geschädigten gegenüber dem Täter.

Um ungewollten Graffiti vorzubeugen, führt die Polizei unter anderem auch Gespräche an Schulen durch. Taucht ein Graffito an einem Privatgebäude auf, kommt der Eigentümer selbst für die Entfernung auf, wenn der Täter unbekannt ist und er das unliebsame Kunstwerk loswerden will. Immobilienunternehmen kümmern sich um ihre Gebäude, vieles fällt auch in den Zuständigkeitsbereich der Stadt.

Um einige öffentliche Gebäude kümmert sich Immobilien Bremen. Das Unternehmen ist für rund 2000 Immobilien der Freien Hansestadt zuständig und muss unter anderem auch dafür sorgen, dass diese gut aussehen. Doch nicht immer, wenn eines dieser Gebäude besprayt wird, wird auch sofort gehandelt, sagt Peter Schulz, Pressesprecher von Immobilien Bremen.

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„Wir entfernen Graffiti nicht systematisch, sondern nur, wenn sie die Bausubstanz angreifen oder sexistische, rassistische oder andere schlimme Botschaften beinhalten.“ Mit allem anderen müsse man sich in der Regel leider erst einmal abfinden. Um immer alles zu entfernen sei einfach auch nicht genügend Geld da. Die Entfernung von Graffiti werde aus dem Etat „Laufender Bauunterhalt“ bezahlt und der habe seine Grenzen.

Zum Glück komme es aber auch nicht allzu oft vor, dass Immobilien Bremen sofort eingreifen muss, gerade vor historischen Gebäuden schrecken viele Sprayer glücklicherweise zurück. „Aber wenn es doch zu einem Vorfall kommt, dann macht uns das immer traurig und ärgert uns“, sagt Schulz. Ein Beispiel sei das Torhaus in den Wallanlagen an der Bischofsnadel. „Kaum war es aufwendig saniert, war es schon wieder besprüht.“

Um den Schaden in Grenzen zu halten, versucht Immobilien Bremen – wenn möglich – vorzusorgen. „Wir verwenden oft graffitiabweisende Farbe als Anstrich bei Sanierungen“, so Schulz. In Abstimmung mit den Gebäudenutzern habe das Unternehmen in der Vergangenheit auch immer häufiger Auftragsarbeiten zugestimmt. Die sehen weitaus schöner aus als im Vorbeigehen hin gesprühte Tags, werden seltener gecrosst und sind laut Schulz „zielführender als permanentes Hinterherputzen“.

"Wir kriegen alles weg"

Die Polizei empfiehlt Immobilieneigentümern außerdem für eine gute Beleuchtung, zum Beispiel in Form eines Bewegungsmelders, zu sorgen, da diese Sprayer oft abschrecken. Auch begrünte Fassaden sowie Flächen mit grobem, unebenem oder an sich schon farbenfrohem Untergrund stellen eher ungünstige Gegebenheiten für Sprayer dar.

Der Sprayer vom Staatsarchiv ist vor der unebenen Waschbetonmauer trotzdem nicht zurückgeschreckt. Doch lange währt seine Kunst nicht mehr. Henning Jäger hat bereits zur zweiten Waffe gegriffen. Ein Hochdruckreiniger mit Heißwasser kommt zum Einsatz. Diesen kann er auf einen Druck von 30 bis 300 Bar einstellen, und das Wasser erreicht eine Temperatur bis 100 Grad.

Kurz gesagt: Trifft dieser Strahl auf ein Graffito, bleibt von der Farbe in der Regel nicht mehr viel übrig. „Wir kriegen alles weg““, sagt Gilberg und lacht. „Na ja, sagen wir 95 Prozent. Man soll ja nicht zu hoch greifen.“ Der „Wezy 2018“-Schriftzug jedenfalls ist nach rund einer halben Stunde schon halb verschwunden.

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„Ein bisschen wehrt er sich noch“, sagt Jäger kopfschüttelnd mit Blick auf die Mauer und zückt erneut Eimer und Pinsel. „Mit diesem Mittel, dem Schattenentferner, gehen wir jetzt auf die Pigmente“, erklärt Gilberg. Und tatsächlich, die leichten Überreste der schwarzen Farbe werden heller. Noch einmal mit dem Hochdruckreiniger drüber und nach weniger als einer Stunde ist Jäger etwas nasser als am Anfang, dafür sieht die Wand aus wie neu.

In seinen 22 Jahren als Graffiticleaner hat Gilberg viel gesehen. Mal witzige Sprüche, mal wirklich schlimmes Geschmiere. Irgendwann, so Gilberg, achte man aber gar nicht mehr so genau darauf, was man eigentlich entfernt. „Hauptsache“, so der Experte, „am Ende ist alles weg.“


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