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Bremer Komponist
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Don Jaffé wird 85 Jahre alt

Sebastian Krüger 23.01.2018 0 Kommentare

Don Jaffé ist ein bekannter Komponist, seine Werke werden in der ganzen Welt aufgeführt – nur in Bremen nicht. Am Mittwoch wird der Ausnahmemusiker 85 Jahre alt. Von einem bewegten Leben zu sprechen, wäre angesichts seiner Biografie eine Untertreibung. 1933 wird er als Sohn einer jüdischen Familie in Riga geboren. 1941 flieht sie vor den Nazis nach Sibirien, 1944 kehrt sie zurück. Keines der 70 Mitglieder seiner Großfamilie überlebte den faschistischen Völkermord.

Als Junge schwänzt Don Jaffé häufig die Schule und vernachlässigt seine Hausaufgaben. Der Unterricht ist ihm „wahnsinnig langweilig“, erzählt er mit einem Lächeln. Um ihn „auf den rechten Weg zu bringen“, meldet sein Vater ihn mit 14 Jahren an einer Musikschule für besonders begabte Kinder an. Ursprünglich möchte er Pianist werden, ist dafür in den Augen der Schule bereits zu alt. Ihm wird vorgeschlagen, das Cello zu erlernen. Da weiß er nicht einmal, wie das Instrument aussieht.

"Plötzlich waren wir Feinde der Sowjetunion"

Eigentlich nimmt die Ausbildung zum professionellen Cellisten zehn Jahre in Anspruch, er schließt sie in nur vier Jahren ab. Da er schneller ist als seine Mitschüler, ist er 1951 der einzige Absolvent des Konservatoriums – und der erste nach Kriegsende. Das Theater in Riga bietet ihm direkt im Anschluss eine Position im Orchester an, obwohl es keine offenen Stellen gibt. Neben den Proben und Vorstellungen lehrt er an der Hochschule.

In der Sowjetunion grassiert ein virulenter Antisemitismus, der 1952 in der sogenannten Ärzteverschwörung seinen traurigen Höhepunkt findet. Vorwiegend jüdische Mediziner werden von höchster Stelle beschuldigt, Stalin und weitere sowjetische Führungspersönlichkeiten ermorden zu wollen. Die Folge der unheilvollen Anschuldigungen sind zahlreiche Verhaftungen und Hinrichtungen. „Plötzlich waren wir Feinde der Sowjetunion“, erzählt Jaffé, noch immer sichtlich betroffen. Dass er nie Parteimitglied ist, erschwert seinen Stand im stalinistischen Apparat zusätzlich. Als einziger Lehrer der Rigaer Hochschule wird ihm nie eine Professur angeboten, obwohl keiner seiner Kollegen so viele Absolventen vorweisen kann, die als Musiker Karriere machen.

1971 siedelt er mit seiner Frau Elza und seinen Kindern Ramon und Diana nach Israel über. Don unterrichtet an der Jerusalemer Hochschule und verdient gutes Geld, eine Professur steht in Aussicht. Antisemitische Anfeindungen gehören der Vergangenheit an, Angst und Gewalt nicht. Den Jom-Kippur-Krieg 1973 erlebt er als Panzerfahrer. „Dort wird immer Krieg sein“, denkt er über das gelobte Land. Seinen Kindern möchte er ein anderes Schicksal ermöglichen.

"Kompositionen müssen einen Inhalt haben"

Auch wenn in seiner Familie seit 1938 nicht mehr Deutsch gesprochen wird, fühlt er sich dem Kulturkreis stets zugehörig. Ab 1974 spielt er als Solo-Cellist bei den Berliner Symphonikern, ein Jahr später erhält er eine Einladung zum Vorspiel bei den Bremer Philharmonikern. Als er sein Hotel verlässt und über den Marktplatz spaziert, ist ihm klar, sein neues Zuhause gefunden zu haben. Neben seiner Anstellung als Solo-Cellist unterrichtet er an der Hochschule. Auch sein Sohn Ramon, heute ebenfalls ein gefeierter Cellist, lernt bei ihm. Seine Tochter Diana durchbricht die musikalische Familientradition und wird Wissenschaftlerin.

Die Wohnung der Jaffés ist voller Trophäen ihrer Kinder. Im Bücherschrank stehen, gut sichtbar, Dianas Veröffentlichungen. Ramons Urkunden zieren Don Jaffés Arbeitszimmer. Schon als Kind gewinnt er unzählige Preise und erreicht Erstplatzierungen bei Musikwettbewerben.

Vor 20 Jahren fängt Don Jaffé an zu komponieren. Nach einem Konzert der Philharmoniker beschwert er sich über das eben gespielte Stück. Ein Kollege fordert ihn auf, selbst zu komponieren. Dann sehe er, wie schwierig das ist. Als Don gegen 23 Uhr zu Hause ist, beginnt er gleich damit. „Kompositionen müssen einen Inhalt haben“, denkt er. Ohne Worte vertont er etwas, was er als Jude schon lange erzählen möchte. In seiner Sonate „Passionen“ geht es um Religion und Hass, Leben und Tod. Das schaurige Finale beschreibt er als Totentanz.

Bremen spielt Don Jaffé nicht

Ramon führt das Stück 1998 als Erster auf. Das Konzert beim Kammermusikfestival Usedom wird von der Fachpresse in höchsten Tönen gelobt. Ein damals formulierter Vergleich zu Dons großen Idol Schostakowitsch ist ihm bis heute unangenehm. „Ramon ist mein bester Interpret“, sagt er sichtlich stolz. Seine Frau Elza präsentiert Konzertplakate aus den Niederlanden, Österreich und Armenien der letzten Jahre. In der wichtigsten Musikzeitschrift Lettlands erscheint ein seitenlanges Interview mit Don Jaffé.

Warum wird seine Musik in Bremen nicht gespielt? „Ich weiß es nicht“, sagt er, „ich hatte nie Streit mit jemandem.“ Radio Bremen hat noch keines seiner Stücke gesendet – auch nicht, als er eine Auswahl seiner CDs zur Verfügung stellt. Die Gedenktage am 27. Januar oder 9. November wären passende Anlässe dafür, findet er. Geschehen ist bis heute nichts.

Komponist Don Jaffé
Der Komponist Don Jaffé mit einem Auszug aus seiner Partitur. Er würde sich freuen, wenn seine Werke auch in Bremen auf dem Programm ständen. (Christina Kuhaupt)

Am 9. November 2011 hält er eine Rede am Denkmal an der Dechanatstraße. „Sowjetische Shoah-Überlebende haben andere Geschichten zu erzählen, als man in der Schule lernt“, sagt er. Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar startet auch dieses Jahr eine längere Veranstaltungsreihe. Am Donnerstag, 8. März, zeigt die Landeszentrale für politische Bildung einen Mitschnitt seiner Komposition „Exodus 1971“. Darin vertont Jaffé das antisemitische Klima, dass ihn letztlich zur Emigration aus der UdSSR bewegte. Beiden Terminen gehen große Anstrengungen vonseiten der Jaffés voraus. Sie haben das Gefühl, um jedes bisschen Anerkennung kämpfen zu müssen.

Bremen solle seine Musik spielen, weil Bremen doch seine Stadt sei, beteuert er. Es sei seine Mission, für seine Stadt das Beste zu tun. „Die Bremer sollten die Möglichkeit haben, sich eine Meinung zu seiner Musik zu bilden“, fordert Elza. Wäre er kein guter Komponist, könne er die „Blockade“, wie er die ausbleibende Rezeption nennt, verstehen. Seine Kritiken in aller Welt sind jedoch hervorragend. Don Jaffé komponiert unentwegt weiter. In Anlehnung an Beethoven ist ein Tripelkonzert in Arbeit. Ein weiteres Stück ist für seinen Sohn und seiner Enkelin konzipiert. Die 19-Jährige beschreibt er als ausgezeichnete Harfenistin. Sein gemeinsames Leben mit Elza vertont er in einem Doppelkonzert. Im Februar begehen sie ihren 62. Hochzeitstag.


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