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Silbermond im Bremer Schlachthof
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Eine Band zum Anfassen

Alexandra Knief 06.06.2019 0 Kommentare

Freut sich, wieder auf der Bühne zu stehen: Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß.
Freut sich, wieder auf der Bühne zu stehen: Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß. (Christina Kuhaupt)

„Wenn es zu heiß wird, sagt Bescheid, dann gehen wir alle eine Runde raus“, scherzt Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß am Mittwoch beim Konzert der Band im Kulturzentrum Schlachthof, während sie ein bisschen Wasser an die Fans in den ersten Reihen verteilt. Ganz abwegig ist ihr Vorschlag nicht, macht die Kesselhalle ihrem Namen bei den ohnehin schon sommerlichen Temperaturen alle Ehre. Die hellblaue Jeansjacke, Kloß' Markenzeichen, behält die Sängerin dennoch während des gesamten Abends tapfer an, auch wenn ihr, wie sie mit klitschnassen Haaren zugibt, der Schweiß „den Rücken runterläuft und vorne auch“.

Es sind Momente wie dieser, die verdeutlichen, warum Silbermond, die Anfang der 2000er noch als Schülerband von Musikwettbewerb zu Musikwettbewerb zogen, im Laufe ihrer Karriere mehr als sechs Millionen Tonträger verkauft haben. Der Hauptgrund ist neben ihrem eingängigen Deutsch-Pop-Rock sicher auch ihre unfassbar glaubwürdige „Wir sind wie ihr“-Attitüde. Und nahbare Bodenständigkeit kommt im Musikbusiness heutzutage gut an: Ed Sheeran statt durchchoreografierter Boyband, Songwriterqualitäten statt Bühnenspektakel und Starallüren – für genau diese Sparte sind Silbermond ein Beispiel par excellence.

Da macht es das Konzert sogar noch ein bisschen schöner, wenn Kloß während der Show ihren Ohrring verliert, ihrem Gitarristen und Partner Thomas Stolle mit der späteren Entschuldigung „Ich bin halt ein wilder Derwisch“ versehentlich in die Hacken tritt oder ein Becken von Andreas Nowaks Schlagzeug mitten im Konzert erneuert werden muss, weil es seinen Geist aufgegeben hat.

Den Rost abgeklopft

In den vergangenen Jahren war es etwas ruhiger um die Band geworden, das letzte Album erschien 2015. Weil Frontfrau Stefanie Kloß und Thomas Stolle vergangenes Jahr Eltern geworden sind, hatte die Band sich eine Bühnenpause gegönnt. Nun wagen sie mit einer kleinen Clubtour in fünf Städten den Schritt zurück ins Rampenlicht. „Wir wollen uns den Rost von den Schultern klopfen und gucken, ob darunter noch was glänzt“, betont Kloß. Im Sommer stehen einige Open-Airs an, kommendes Jahr steht eine große Arena-Tour auf dem Plan.

Im Schlachthof präsentiert Silbermond ein buntes Potpourri aus rund 17 Jahren Bandgeschichte, sorgt mit einem durchgehenden Mix aus Balladen („Das Leichteste der Welt“, „Symphonie“) und schnelleren Nummern („Nichts passiert“) für ein Wechselbad der Gefühle, welches die Fans laut und textsicher begleiten. Ein neues Album haben Silbermond bisher nicht angekündigt. Mit „Hand aufs Herz“ geben sie in der ersten Konzerthälfte aber schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was musikalisch vielleicht noch alles so unveröffentlicht in den Schubladen der Band schlummert.

Zwischendurch spielt Silbermond einige Songs direkt aus dem Zuschauerraum heraus – darunter eine berührende Akustik-Version von „Das Beste“. Stefanie Kloß schüttelt Hände, lächelt in Kameras, lehnt sich beim Singen sogar auf die Schulter eines Fans. Einige Konzertbesucher zünden Wunderkerzen an. Ein weiteres Highlight dieses abwechslungsreichen Konzertabends ist eine Coverversion des Hits „Otherside“, ursprünglich aus der Feder der Red Hot Chili Peppers.

Bei den Zugaben dürfen dann natürlich noch „Durch die Nacht“, eine der ersten Silbermond-Singles, und „Leichtes Gepäck“, eine Auskopplung vom zuletzt veröffentlichten Album, nicht fehlen. Auch hier zeigt sich das Publikum wieder textsicher. Kloß dirigiert ihre Fans von der Bühne herab, lässt mal nur die Männer, mal nur die Frauen singen, bis wieder alle zusammen laut in den Deutsch-Pop-Chor einstimmen.

Und schließlich geben Silbermond kurz vor Konzertende noch einen weiteren neuen Song zum Besten: In der melancholischen Ballade „Mein Osten“ besingt die aus Bautzen stammende Band die Lage in Ostdeutschland, wo es mittlerweile mehr über rechtsextreme Strömungen zu berichten gibt als über die schönen Seiten – eine Entwicklung, wegen der laut Kloß mittlerweile Risse durch Familien gehen. „Ich kenn' dich, ich kenn' dich gut / mein Osten, mein Osten / An deiner Schönheit kratzt die Wut / mein Osten, mein Osten“ heißt es in dem Song und weiter: „Aber was nicht hilft, sind wir uns da einig? / Ideen von 1933“. Der Titel betont, wie wichtig es ist, über politische Meinungsverschiedenheiten zu diskutieren, sich notfalls auch darüber zu streiten anstatt sie totzuschweigen.

Nach etwas mehr als zwei Stunden entlässt die durchgeschwitzte Band ihre ebenso durchgeschwitzten Fans in die Nacht. Handgemachte deutsche Musik ohne viel Schnickschnack und immer auf Augenhöhe mit den Fans – das lieferten die vier Vollblutmusiker ab, als sie Anfang der 2000er bekannt wurden. Geändert hat sich daran bis heute wenig. Und das ist im Falle von Silbermond auch gut so.


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