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„Once Upon a Time in Hollywood“
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Eine Huldigung an die Traumfabrik

Hendrik Werner 15.08.2019 0 Kommentare

Branchen-Talk (von links): Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt), Mime Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino).
Branchen-Talk (von links): Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt), Mime Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino). (Sony Pictures Entertainment /dpa)

Als Quentin Tarantino seinen neuen Film im Mai in Cannes präsentierte und sich bei einer Pressekonferenz dazu befragen ließ, kam es zu einer bemerkenswerten Szene. Warum die Hauptdarstellerin Margot Robbie in „Once Upon a Time in Hollywood“ so wenig spreche, wollte die Journalistin Farah Nayeri wissen. „Ich weise Ihre Hypothese zurück“, lautete die pampige Antwort des Regisseurs. Nicht zum ersten Mal muss sich Tarantino des Vorwurfs erwehren, seine Filme seien frauenfeindlich. Als Grund führen Kritiker an, den weiblichen Charakteren in „Django Unchained“ (2012) und „The Hateful Eight“ (2015) werde viel zugemutet, nicht nur Gewalt. Zudem hängt dem Filmemacher nach, dass er die Protagonistin Uma Thurman bei Dreharbeiten zu „Kill Bill“ zu einer Autofahrt nötigte, die in einen schweren Unfall mündete.

Die vermeintlich zur Stummheit gedrängte Margot Robbie wurde in besagtem Pressegespräch ausführlicher als ihr Regisseur. Gerade der Mangel an Redezeit habe viel dazu beigetragen, ihre Rolle besonders intensiv gestalten zu können. Und tatsächlich: Robbie spielt ihren prächtigen Part, die Aktrice Sharon Tate, derart apart, ausdrucksstark und also beredt, dass es absurd anmutet, Tarantino ausgerechnet aus dieser formidablen Frauenrolle einen Machismo-Strick drehen zu wollen.

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Frühjahr 1969, Los Angeles. Hippie- und New-Hollywood-Aufbruchsstimmung sind im Traumfabrik-Milieu der Metropole mit Händen zu greifen. In einer der großartigsten Szenen des 160-minütigen Films steht Robbies Tate – blond, langhaarig, weiße Stiefel, Minirock – vor einem Kino, das den Film „Rollkommando“ zeigt, in dem sie Co-Star neben Dean Martin und Elke Sommer ist.

Komplexe Frauenrollen in Tarantino-Filmen

Die 26-Jährige, seit einem Jahr mit Roman Polanski verheiratet, mit dem sie 1967 „Tanz der Vampire“ gedreht hatte, gibt sich gegenüber der Kassiererin zu erkennen, der Platzanweiser bittet sie herein. Minutenlang betrachtet Tate ihr Spiel auf der Leinwand. Ihre Gesichtszüge entspannen sich erst, als andere Zuschauer ihre Darstellungskunst vernehmlich mit Zustimmung quittieren. Nicht nur dieser Auftritt zeigt, wie komplex Frauenrollen in Tarantino-Filmen sein können. Auch und gerade ohne Worte.

Szenenwechsel. An einer Ampelkreuzung begegnet Cliff Booth (Brad Pitt), Stuntman und Fahrer des abgehalfterten, daueralkoholisierten Mimen Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), zum dritten Mal in dichter Folge einer jungen Frau mit Hippie-Insignien. Diesmal nimmt er sie in Daltons Imponier-Schlitten mit, verwehrt sich gegen ihre intimen Offerten und fährt sie zu einer von obskuren Kommunarden besetzten Westernstadtkulissenbrache.

In diesen von einer unausgeführten Bedrohung umflorten Aufnahmen blitzt beispielhaft auf, woran Tarantino, Jahrgang 1963, in seinem neunten Film liegt: an einer Verdammung der Gegenkultur in Tateinheit mit einer überbordenden, in Zitatexzessen schwelgenden Stilisierung des alten Hollywood, zu dessen Nachruhm das große Kind eine gigantische Ausstattungsorgie ins Werk gesetzt hat. Allein die opulente Detailversessenheit, mit der dieser kulturkonservative 35-Millimeter-Filmformatfetischist die sein neues Werk dominierenden Dreharbeiten inszeniert hat, lohnt den Gang ins Kino. Umso mehr, als Kameramann Robert Richardson diese ästhetische Passion mit überwältigenden Bildern angereichert hat.

Untergründige Spannung 

Die sogenannte Handlung von „Once Upon a Time in Hollywood“ ist spärlich, sperrig, streckenweise sogar schleppend. Und doch geht von ihren beiden Hauptsträngen eine ungeheure Faszination aus. Da ist die skurrile Männerfreundschaft zwischen dem Sunnyboy Booth und dem Defätisten Dalton, deren gewitztes Spiel dem Film über weite Passagen Züge einer Buddy-Komödie verleiht. Und da ist die zusehends manifeste Gefährdung des sozialen Friedens in der Stadt der Engel durch Mitglieder der Manson Family, die Polanskis und Tates Bleibe am Cielo Drive ausspähen. Es ist dieser auch vom Soundtrack getragene Kontrast zwischen Lustspiel und horrenden Thriller-Elementen, der dem Film eine untergründige Spannung gibt, die sich im krassen Finale (samt blutrünstigem Pitbull und martialischem Flammenwerfer) Bahn bricht. Dramaturgisch ist das absichtlich defizitär; Dilettantismus und Liebesdienst sind bei Tarantino – wie auch etymologisch – quasi eins.  

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Apropos: Noch eine Szene, die wegen vermeintlich mangelnder politischer Korrektheit angefeindet wird, lohnt den Film (samt zäher Momente): Wenn sich Bruce Lee (Mike Moh) und Pitts hochkomischer Booth im Kampf messen, werden in wenigen grotesken Minuten so viele Martial-Arts-Klischees so virtuos aufgerufen, dass man sich unweigerlich wünscht, der zehnte und – angeblich – letzte Tarantino-Film möge noch ein „Kill Bill“-Film sein. Mitwirkung und Sicherheit von Thurman vorausgesetzt. Sondierungsgespräche gab es dem Vernehmen nach bereits.

Weitere Informationen

Gezeigt wird der Film im Cinemaxx, im Cinespace und in den Bremer Filmkunsttheatern.


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