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Schriftsteller Zülfü Livaneli im Interview
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"Erdogan ist das Resultat eines großen Kampfes um Identität"

Iris Hetscher 07.08.2018 0 Kommentare

Zülfü Livaneli war am Sonntag im Bremer Focke-Museum zum Abschluss der 68er-Ausstellung zu Besuch.
Zülfü Livaneli war am Sonntag im Bremer Focke-Museum zum Abschluss der 68er-Ausstellung zu Besuch. (Frank Thomas Koch)

Herr Livaneli, in Ihrem neuen Roman „Unruhe“ schreiben Sie über den Journalisten Ibrahim, der in Istanbul lebt und wegen des Todes seines  Freundes Hüseyin in seine Heimatstadt Mardin an der Mittelmeerküste zurückkehrt. Dort ergreift ihn eine fast schon besessene Suche nach einer jungen Jesidin, die mit Hüseyin verlobt war und jetzt verschwunden ist. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Zülfü Livaneli: Diese Geschichte habe nicht ich gefunden, sie hat mich gefunden. Ich bin wie alle Menschen umgeben von Medien und allen möglichen Einflüssen und Geschichten. Ich habe viel über das Schicksal der Jesiden nachgedacht und dann beschlossen, das zu einem Thema des Buches zu machen. Ich habe eine große Sympathie für dieses Volk, sie leiden seit Jahrhunderten, sie sind Opfer sehr vieler Genozide geworden, weil sie in einigen Religionen als Teufelsanbeter gelten. In der Türkei hat sich ihre Zahl durch die Flüchtlinge aus Syrien noch mal gesteigert.

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Im Buch taucht Ibrahim in diese Geschichte erst ein, als er nach Mardin reist, vorher hat er sich keine Gedanken darüber gemacht.

In den großen Städten, in Istanbul, Izmir oder Ankara interessiert sich niemand für das Schicksal dieser Menschen. Von daher steht Ibrahim stellvertretend für diese Stadtbewohner, die ich mit diesem Buch auf die Jesiden aufmerksam machen möchte. Eigentlich gibt es drei Hauptfiguren in dem Buch: Ibrahim, seinen ermordeten Freund Hüseyin und dessen verschwundene Braut Meleknaz, die vom IS verschleppt wurde und die er in einem Flüchtlingscamp kennengelernt hat. Auf gewisse Weise verschmelzen die drei miteinander, weil es mir immer um die Geschichte hinter den Schicksalen geht.

Wie meinen Sie das?

Beim Schreiben musste ich meine Gefühle abstellen. Die Geschichte ist an sich schon so aufgeladen mit Hass, Grausamkeit, Ablehnung und Liebe, das wäre ansonsten zu melodramatisch geworden. Also habe ich versucht, das so heruntergekühlt wie möglich aufzuschreiben, die drei Figuren sind daher Symbole für bestimmte Entwicklungen. Ich wollte vor allem Meleknaz und ihrem großen Leid gerecht werden, daher musste ich zur ihr die größte Distanz aufbauen. Mir geht es nicht um billige orientalische Gefühligkeit, das ist ja einfach zu haben. Mir geht es um Reflektion.

Die Leser sollen sich selbst ein Bild machen.

Genau. Die großen Schriftsteller, die meine Vorbilder sind, erzählen Tragödien, ohne zu dramatisieren. Das ist auch mein Ansatz. Meleknaz bleibt daher ein Rätsel, und sie beharrt auf ihrem Stolz. Sie will kein Mitleid.

Wie geht es mit all den Frauen, für die Meleknaz steht, nach dem Ende des Buches weiter? Sie verschwindet ja einfach – aber wohin?

Es gibt Flüchtlinge, die nach Europa wollen und die von der türkischen Polizei an der Grenze zu Bulgarien gestoppt werden, vielleicht ist Meleknaz eine von ihnen. Diese Flüchtlinge leben im Niemandsland. Europa will sie nicht, zurückzugehen ist zu gefährlich für sie. Also: Was sollen sie tun? Ich möchte, dass der Leser darüber nachdenkt.

Ibrahim entwickelt, je länger er aus dem modernen Istanbul weg ist, geradezu einen Abscheu gegenüber dem westlich geprägten Lebensstil der Menschen dort. Er glorifiziert seine orientalischen Wurzeln. Warum war Ihnen das wichtig?

Das Problem in der Türkei ist, es gibt keine Standardtürken. Das liegt an unserer Geschichte. Nachdem das osmanische Reich zusammengebrochen war, siedelten sich die Menschen vom Balkan, aus dem mittleren Osten und aus dem Kaukasus in Anatolien an. Jemand aus Belgrad und jemand aus Aleppo haben durch ihre unterschiedlichen Traditionen nicht viel gemeinsam. In der modernen türkischen Gesellschaft haben wir Millionen Menschen, die sehr fortschrittlich denken und leben. In den Gegenden, aus denen viele von ihnen stammen, leben die Bewohner aber noch im alt herbrachten Stil des Mittleren Ostens. Das alles bedeutet ein Zusammenstoß von Kulturen, weil die modern Lebenden sich oft komplett von ihren Wurzeln entfremden.

Der Journalist Ibrahim findet sich in einem Zwiespalt wieder.

Er durchlebt eine Identitätskrise. Dabei kann man seine Wurzeln ja behalten und trotzdem modern leben. Aber Ibrahim reagiert eher verwirrt und sogar wütend auf diesen Zwiespalt, und versucht sich an dieser seltsamen Liebe zu Meleknaz festzuhalten, die für ihn die Tradition symbolisiert.

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Am Sonntag waren Sie zu Gast bei der Finissage der Ausstellung „Protest + Neuanfang – Bremen nach 1968“ im Focke-Museum. Wie kam es zu der Einladung?

Ich habe viele Freunde in Bremen seit dem Ende der 1970er-Jahre, als ich im Exil lebte und eine Zeit lang hier gewohnt habe. Der Bremer Professor Klaus Liebe-Harkort hat meinen ersten Erzählband auf Deutsch übersetzt, „Ein Kind im Fegefeuer“, der dann auch vom deutschen Fernsehen verfilmt worden ist. Ich bin grundsätzlich gerne in Deutschland, Deutschland ist ein Land, das liest, von daher ist es für mich als Schriftsteller ein wichtiges Land. Und vor allem bin ich gerne in Bremen, weil ich hier so viele gute Freunde habe, vor allem Peter Schulze von den Freunden des Sendesaals. Und da ich auch ein 68er bin, fanden es meine Bremer Freunde passend, dass ich bei der Finissage dabei bin.

Was unterscheidet die türkische 68er-Bewegung von der deutschen?

Es gab eine sehr starke 68er-Bewegung in der Türkei, eine der mächtigsten weltweit. Inspiriert wurde sie vor allem von der Studentenbewegung in Frankreich. Doch während man dort eine friedliche Lösung hinbekommen hat, ist die 68er-Bewegung in der Türkei blutig niedergeschlagen worden. Die Polizei hat demonstrierende Studenten getötet, daraufhin haben sich viele Kommilitonen bewaffnet und sind in die Illegalität gegangen. Teilweise bis heute.

Welche Rolle haben Sie in der 68er-Bewegung gespielt?

1968 war für mich und andere Künstler ein großes Leuchten, wir haben auf mehr Liberalität gehofft. Doch dann kam 1971 der Militärputsch, und ich musste für ein Jahr ins ­Gefängnis und bin danach ins Exil gegangen. Dieser Militärputsch hat unsere Generation weitgehend zerstört. Ich habe überlebt, viele meiner Freunde wurden getötet. Anders als beispielsweise in Deutschland, Frankreich oder auch Griechenland konnten wir keinen politischen Einfluss in den Parlamenten ­gewinnen, auch wechselnde Regierungen und weitere Militärputsche haben unsere Leute stets verfolgt. Einige von den ehemaligen 68ern sind daraufhin in die Wirtschaft ­gewechselt und sehr erfolgreich geworden.

Ist das Regime Erdogan letztlich eine Spätfolge dieser Entwicklung?

Erdogan ist das Resultat des großen Kampfes um Identität in der türkischen Geschichte: Osten gegen Westen. Das islamische, rückständige Element hat derzeit die Oberhand gewonnen, aber nur für eine gewisse Zeit.

Sie haben vor Jahren gesagt: „Derzeit durchleben wir ein dunkles Kapitel, aber wir werden es überleben“. Sind Sie immer noch so optimistisch?

Aber ja. In unserer Geschichte gab es immer schon Progressive und Reaktionäre, schon unter Sultan Mehmet II., der im 15. Jahrhundert Konstantinopel erobert hat. Er war sehr fortschrittlich, sein Vater und seine Ehefrau waren ursprünglich Christen, die zum Islam konvertierten. Er lud Wissenschaftler und berühmte italienische Maler ein, damit sie Bilder für ihn anfertigten. Sein Sohn war dann wieder ein Reaktionär, der all diese Bilder auf den Müll werfen ließ. Die Türkei ist dieses Hin- und Herpendeln bis heute gewohnt, Atatürk mit seinen Reformen war bisher die größte Rache der Progressiven an der rückständigen Gesellschaft. Nun leben wir im Moment mit diesem Rückschlag. Doch: Das Pendel wird wieder in die andere Richtung ausschlagen, da bin ich sicher. 50 Prozent der Türken haben Erdogan nicht gewählt, sie repräsentieren die helle, intelligente und übrigens auch wohlhabende Türkei. Und sie werden zurückkommen.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Zur Person

Zülfü Livaneli

ist ein Multitalent. Der 72-Jährige, der in Konya geboren wurde, ist Sänger, Komponist, Autor, Filmemacher. Außerdem saß Livaneli, der von 1971 bis 1984 im Exil lebte, für die türkischen Sozialdemokraten, die CHP, im Parlament und hat 1994 als Bürgermeister Istanbuls kandidiert. Er verlor knapp gegen den damals noch völlig unbekannten Recep Tayyip Erdogan.

Weitere Informationen

Zülfü Livaneli: Unruhe. A. d. Trk. v. Gerhard Meier. Klett-Cotta, Stuttgart. 169 Seiten, 18 €.


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