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Interview
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„Erinnerungen sind keine Last, sie sind ein Gewinn“

Katharina Frohne 23.01.2019 0 Kommentare

Für ihr Buch "Die Gedächtnislosen" wurde die Journalistin Géraldine Schwarz mit dem European Book Prize geehrt.
Für ihr Buch "Die Gedächtnislosen" wurde die Journalistin Géraldine Schwarz mit dem European Book Prize geehrt. (Secession-Verlag)
Frau Schwarz, in Ihrem Buch „Die Gedächtnislosen“ stellen Sie eine spannende These auf. Sie schreiben, die Erinnerungsarbeit nach dem Holocaust sei eine wichtige Waffe gegen den Rechtspopulismus. Können Sie das erläutern?

Géraldine Schwarz: Ich glaube, dass die Fähigkeiten, sich zu erinnern und Verantwortung zu übernehmen, das Fundament einer fest in der Gesellschaft verankerten Demokratie bilden. Ich bin in Deutschland und Frankreich aufgewachsen, und dieser Sinn für die individuelle Verantwortung der Menschen ist mir in Deutschland besonders aufgefallen. Bis es soweit war, hat es lange gedauert. Nach dem Krieg herrschte Gedächtnislosigkeit, niemand wollte Verantwortung übernehmen. Erst ab den 60er-Jahren hat sich das langsam geändert. Die Entwicklung danach war geradezu beispielhaft – weil die Deutschen anerkannt haben, dass ein Großteil der Gesellschaft das Dritte Reich unterstützt oder zumindest geduldet hat. Sich das einzugestehen, hat dazu beigetragen, Fragen zu stellen: Wie wird man zum Täter? Wie zum Mitläufer? Diese Reflexion fördert die Wachsamkeit.

Was droht, wenn eine solche Vergangenheitsbewältigung ausbleibt?

Da, wo diese Aufarbeitung nicht oder erst sehr spät stattgefunden hat, haben die Populisten heute mehr Erfolg. In Italien oder in Österreich zum Beispiel – zwei Länder, in denen Rechtspopulisten an der Regierung sind. Das ist kein Zufall.

Die Waffe, von der Sie sprechen, ist also ein kritischer Geist?

Ja. Ich glaube, eine Demokratie ist nur reif, wenn sie auf der Konfrontation mit der Vergangenheit beruht. Wenn sie die Fakten anerkennt und akzeptiert. Eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit glorifiziert, lernt nicht dazu; sie darf nicht nur das Gute, sie muss auch die Schatten sehen. Es ist absurd zu sagen, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit eine Last ist. Ganz im Gegenteil, sie ist ein Gewinn; ein Gewinn an Erfahrung, die uns dabei hilft, in zukünftigen Krisen besser zu reagieren.

Ist Ihr Buch eine Warnung?

Auf jeden Fall. Den Anstoß gegeben hat der wachsende Erfolg von autoritären Modellen, auch außerhalb Europas: in Russland, in den USA, in Brasilien. Das immer größere Misstrauen gegenüber der Demokratie. Ich hatte den starken Drang, mich zu äußern. Ich habe den Eindruck, dass wir dabei sind zu vergessen, wie es vorher war, vor der Demokratie. Da war nicht alles besser, wie so oft gesagt wird – da war alles schlimmer. Ich möchte diesen Gedächtnisschwund aufhalten. Als Deutsch-Französin bin ich in einem aufgeklärten Europa aufgewachsen. Mir war immer klar, dass die Errungenschaften und Werte, von denen wir so sehr profitieren – Frieden, Demokratie, Freiheit – ganz stark davon abhängen, ob wir uns erinnern können. Und wie gut wir das können.

Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland nannte den Nationalsozialismus einen Vogelschiss in der deutschen Geschichte. Müssen wir uns schon allein deshalb erinnern, damit niemand die Chance hat, die Vergangenheit zu seinen Gunsten zu verdrehen?

Populistische Parteien wollen mit geschichtsrevisionistischen Aussagen wie dieser ein Vakuum schaffen, eine neue Identität erzwingen und die Menschen desorientieren. Auch hier ist es wichtig, die Fakten lebendig zu halten. Man lässt sich eher manipulieren, wenn man sich seiner Identität nicht sicher ist. Und seine Identität kennt nur, wer seine Geschichte kennt. Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, woher sie kommen, und wie die Gesellschaft, in der sie leben, aufgebaut wurde. Denn ja, sie musste aufgebaut werden. Sie ist keine Selbstverständlichkeit.

Sie verarbeiten in Ihrem Buch auch Ihre persönliche Familiengeschichte. 

Ja. Mir war wichtig, verschiedenen Spuren zu folgen. Es gibt die kollektive Erinnerung, die wir in der Schule kennen lernen, in Büchern oder Filmen. Aber es gibt auch persönliche Erinnerungen, Familienerinnerungen. Ich wollte diese Fäden zusammenweben, weil ich glaube, dass man sich immer eher mit Menschen und ihren Gedanken identifizieren kann. Meine persönliche Geschichte erschien mir deshalb interessant, weil meine deutschen Großeltern weder Verbrecher noch Helden des Widerstands waren. Sie waren Mitläufer. Mein Großvater aus Opportunismus, meine Großmutter wohl aus Konformismus. Ich glaube, dieses Mitlaufen spiegelt viel eher die Gesellschaft wider, als es Extremfälle tun. Und weil sie, meine Großeltern, in gewisser Weise so menschlich sind, kann man sich auch heute noch mit ihnen identifizieren. Und das wiederum bietet die Chance, sich zu fragen, wie man selbst heute handeln würde.

Sie schreiben, es sei wichtig, den Europäern wieder Stolz zu vermitteln. Worauf sollten wir stolz sein?

Wenn wir an den Holocaust erinnern, gedenken wir vor allem der Opfer. Und natürlich ist das sehr wichtig. Wir sollten uns aber auch immer wieder selbst daran erinnern, dass wir es geschafft haben, totalitäre Regime zu besiegen und Demokratien aufzubauen, im Westen wie im Osten. Ich weiß nicht, was positiver ist als das.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

Zur Person

Géraldine Schwarz (44)

ist eine deutsch-französische Journalistin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Für ihr Buch „Die Gedächtnislosen“ erhielt sie im Dezember den European Book Prize. Die gebürtige Straßburgerin lebt in Berlin.

Weitere Informationen

Géraldine Schwarz liest am 23. Januar um 19 Uhr im Institut français auf Deutsch aus ihrem Buch. Der Eintritt ist frei.


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