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Gerhard-Marcks-Haus Bremen
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Ganzkörperverschleierung als Kunstwerk

Iris Hetscher 05.07.2019

Überlebensgroß: Die Figuren der Werkgruppe
Überlebensgroß: Die Figuren der Werkgruppe "Ihr langes Haar war aufgelöst". (GERHARD-MARCKS-HAUS)

Sie sind zu acht, und jede ist 2,80 Meter groß. Wer das Gerhard-Marcks-Haus betritt, läuft direkt auf sie zu und in sie hinein. Doch möchte man das? Jedes Mitglied dieser Gruppe überlebensgroßer Gestalten ist komplett verhüllt, schwarze Ganzkörperschleier sind alles, was man von ihnen wahrnimmt. Es gibt keine Gesichter, an denen man Stimmungen ablesen könnte, keine Hände, die sich einem entgegenstrecken. Die Farbe schwarz wirkt nie besonders einladend, in der Potenzierung, in der sie im Gerhard-Marcks-Haus den Raum okkupiert, fühlt der Betrachter sich abgewiesen. Vielleicht könnte ihm sogar Unheil drohen.

Wer sich nähert, bemerkt allerdings eine gewisse Fragilität und sogar Offenheit bei den Figuren der Werkgruppe mit dem Titel „Ihr langes Haar war aufgelöst“. Die Künstlerin Sabine Emmerich hat die Umhänge, die Niqabs und Burkas nachempfunden sind, aus Papier gestaltet und ihnen damit alles Schaufensterpuppenhafte genommen. Sie will nicht mit dem Finger zeigen, sondern hinter den Schleier dieser somit ins Abstrakte gehobenen Kunstfiguren schlüpfen.

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Das ist auch ganz konkret gemeint, denn jede der Acht ist begehbar, der Schleier kann wie ein Vorhang beiseitegezogen werden, dann tritt man ins hohle Innere und lauscht. Sabine Emmerich hat jeder Figur eine Tonspur zugeordnet, das Rauschen des Meeres oder das Spektakel eines Gewitters sind zu hören, aber auch Alltagsgeräusche: Da wäscht, kocht, spricht oder singt eine.

Nachdenken über den Freiheitsbegriff

Sie habe lange darüber nachgedacht, wie sich der Thematik nähern könne, erzählt Sabine Emmerich, die an der Universität Bremen lehrt, im Gespräch: „Ich habe mich schon gefragt, darf ich das überhaupt?“ Immerhin kommentiere sie mit ihrer Arbeit eine uralte Kultur, mit der sie erst einmal nichts verbinde.

Sie las viel, „ventilierte“ alles und wählte schließlich folgenden Ansatz: Was ist Freiheit für mich? Und welchen Unfreiheiten sind Frauen in aller Welt durch Zwangsehe, Beschneidung oder Todesstrafe ausgesetzt? Oder durch den Zwang, den kompletten Körper verhüllen zu müssen und so, im übertragenen Sinn gesprochen, ihr Haus nie verlassen zu können, wie Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, bei der Vernissage am Donnerstagabend anmerkte.

Die verschleierten Frauen sind eingeschlossen und gleichzeitig ausgeschlossen von jeglicher Kommunikation und Empathie, die ihnen ihre Umwelt entgegenbringen könnte. Ihr Haar dürfen sie nicht, wie im Titel der Werkgruppe, offen tragen. Wann und wo das möglich ist, bestimmen nicht sie, sondern ein Vater, ein Bruder, ein Ehemann. Sabine Emmerich lädt mit ihrer Arbeit ein, sich diesen Frauen zu nähern, sie wahrzunehmen in dieser ganzen Fremdheit, die sie verströmen. Einzutreten in ihre Welten und ein wenig zu partizipieren. Denn wenn man sich das traut, könnte es passieren, dass man diese monolithisch wirkenden schwarzen Gestalten auf einmal nicht mehr als wandelnde Zelte wahrnimmt. Sondern als Frauen, die beim Gemüseputzen ähnlich schief singen wie man selbst.

Weitere Informationen

Sabine Emmerich: „Ihr langes Haar war aufgelöst“, Gerhard-Marcks-Haus, bis 11. August.


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