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Neuer Fortsetzungsroman im WESER-KURIER
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Gleiche Wurzeln, ungleiche Wege

Frieda Ahrens 11.10.2019 0 Kommentare

Jackie Thomae, geboren 1972 in Halle (Saale), lebt seit 1989 in Berlin. Ihr Roman
Jackie Thomae, geboren 1972 in Halle (Saale), lebt seit 1989 in Berlin. Ihr Roman "Brüder" steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. (Frank Rumpenhorst)

Bremen. Sie sind Brüder, die sich auf der Straße nicht erkennen würden. Aufgezogen von unterschiedlichen Müttern in unterschiedlichen Kreisen, geboren im gleichen Jahr im noch geteilten Deutschland. Beide haben einen gemeinsamen Vater, einander aber nie zu Gesicht bekommen: Mick und Gabriel – der eine ein kindlich-naiver Hedonist, der in den Tag hinein lebt und damit meistens äußerst gut durchkommt, der andere ein Planer, der ehrgeiziger ist, als ihm gut tut.

„Brüder“ heißt der neue Roman der 1972 geborenen Journalistin und Schriftstellerin Jackie Thomae schlicht; aktuell ist er für den Deutschen Buchpreis nominiert. Für ihre 430 Seiten umfassende Erzählung hat Thomae eine interessante Form gewählt: In der Mitte ist sie geteilt, erst geht es um den partywütigen Mick, dann den ernsthaften Gabriel. Verbunden sind die Teile – wie auch die Brüder – durch den Vater, den Senegalesen Idris, der nur für die kurze Dauer seines Studiums in Deutschland lebte. Nachdem der Leser Mick kennengelernt hat, übernimmt Idris; danach erzählt Gabriel – interessanterweise nicht als personaler, sondern als Ich-Erzähler. Ergänzt wird Gabriels Part durch Kapitel, die aus Sicht seiner Freundin Fleur erzählt sind.

Thomae erzählt von zwei ungleichen Leben, die aber von den gleichen Problemen und Fragen durchzogen sind – denn während die Brüder sonst kaum etwas verbindet, teilen sie ihre dunkle Hautfarbe. „Ich war unter Weißen aufgewachsen, aber es war klar, dass ich nicht weiß war“, denkt Gabriel, als er beim Arzt einen Fragebogen ausfüllen und seine ethnische Herkunft angeben muss. Ein Gedanke, der auch von Mick stammen könnte. Die Autorin weiß, wovon sie schreibt: Auch sie ist in der DDR aufgewachsen, als Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, den sie erst spät kennenlernte.

Micks Geschichte spielt vorwiegend im Berlin nach dem Mauerfall. Mick lebt diese neue Freiheit in allen ihren Formen aus: Einen geregelten Alltag hat er nicht, er geht viel feiern und nimmt Drogen. So hält er auch die Beziehung zu seiner Freundin Delia sehr frei und betrügt sie regelmäßig, während diese so tut, als wüsste sie von nichts. Erst, als ein Kinderwunsch im Raum steht, zerbricht das Paar an seinen verschiedenen Vorstellungen vom Leben.

Andersherum verhält es sich bei Gabriel: Die Schwangerschaft seiner Freundin Fleur sorgt dafür, dass er die Beziehung ernster nimmt als zuvor. Gabriel und Fleur leben mit ihrem Sohn Albert in London, Gabriel ist ein erfolgreicher Architekt. Doch der perfekte Schein trügt, der Leser merkt schnell, dass auch Gabriel mit seinem Leben zu kämpfen hat.

Jackie Thomae bedient sich einer poetischen Sprache, formuliert Sätze, die einen so berühren, dass man sie herausschreiben und für schlechte Zeiten aufbewahren möchte. Es gelingt ihr, mit Leichtigkeit ihre beiden verkorksten Charaktere lebendig werden zu lassen – immer wieder auch mit Witz. „Im Westen benotete man nicht nur bis Fünf, sondern bis Sechs, was Mick neue Möglichkeiten nach unten eröffnete, die er direkt ergriff“, heißt es als Mick als Kind gerade einen Umzug hinter sich gebracht hat.

Vor allem aber geht es Thomae darum, was die Menschen zu denen macht, die sie sind. Ist es Herkunft oder Hautfarbe? Ist es die Gesellschaft? Oder liegt es an jedem Einzelnen selbst? Klare Antworten liefert Thomae nicht, stattdessen regt sie ihre Leser dazu an, die konventionelle Auffassung von Gesellschaft zu hinterfragen. Wie nebenbei verhandelt Thomae so große Themen: Rassismus, Identitätssuche, kulturelle Prägung.

Zur Sache

Fortsetzungsroman ab Montag

Jackie Thomaes „Brüder“ steht zusammen mit fünf weiteren Romanen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Der Gewinner wird am Montag, 14. Oktober, auf der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben. Ebenfalls ab Montag ist Thomaes Buch im WESER-KURIER als neuer Fortsetzungsroman zu lesen. Teil eins finden Sie dann an gewohnter Stelle. 

Jackie Thomae: Brüder. Hanser, München. 430 Seiten, 23€.


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