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Tanzpremiere im Kleinen Haus
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Herr Akika sucht das Glück

Hendrik Werner 16.03.2019 0 Kommentare

Akrobatisch (von links): Diego de la Rosa, Gabrio Gabrielli, Karl Rummel, Norá Horváth. Oben spielt die Musik (Suetzsu, jayrope).
Akrobatisch (von links): Diego de la Rosa, Gabrio Gabrielli, Karl Rummel, Norá Horváth. Oben spielt die Musik (Suetzsu, jayrope). (LANDSBERG)

Bremen. Produktionen des vormaligen Tanzspartenleiters Samir Akika erinnern bisweilen an Kindergeburtstage: Akteure wuseln und wimmeln vorwiegend ausgelassen in immer neuen Spielanordnungen; nur selten gibt es Tränen oder Mahnungen, lange für sich allein bleibt niemand, nicht mal die kühnsten Alphatierchen, nicht mal die hartleibigsten Außenseiter, unentwegt überschreiben einander vor Energie und Vitalität berstende Bilder des Festes, Wortfetzen flattern auf und verwehen, Regiescherze flackern auf und verglühen im übermütigen, manchmal auch albernen Reigen zirzensischer Zeitvertreibe.

Allenthalben flottieren Mädchen und Jungs zwischen Posen, Possen und Poussieren, Reifen und Reigen, Glitzer und Goldbärchen; manche maulen und gehen die Wände hoch, andere flirten, singen, tanzen oder erschlagen die Zeit anderweitig, hier ein bisschen Blindekuh – gern mit strafverschärfenden Seilen –, dort etwas Topf- oder Eimerschlagen, anarchische Einfälle flirren, die Partygäste skandieren „Lego“ und „Playmobil“, die Requisiten fliegen, für das leibliche Wohl ist gesorgt – beim jüngsten Streich des Choreografen gibt es Spaghetti mit Stäbchen und Quatschsoße direkt aus Mündern –, und am Ende dieser zeitlich sicherheitshalber limitierten Ausnahmeveranstaltung sieht die Bühne aus wie ein Schlachtfeld, das sich diesmal neben Klopapierrollen vor allem aus Muttererde und einigen Blümchen rekrutiert, denn auch und gerade Eltern von Geburtstagskindern gebären rittlings über den Gräbern.

Starker Schluss, kräftiger Beifall

Anschließend muss Mutti, die der Fete bereits den Boden bereitet hat, bestimmt erneut gründlich saugen, um den im Zeichen der zwar vornehmlich sinnfreien und doch schönen Feier des Daseins angerichteten Saustall zumindest wieder halbwegs zu bereinigen.

Angesichts des starken Schlussbildes, das eine chorische Prozession Aug' in Auge mit den Zuschauern vorführt, brandet nach gut 100 Minuten Budenzauber im Kleinen Haus des Theaters Bremen kräftiger Beifall auf, unter den sich wohlgesinntes Trampeln mischt. Im Publikum sitzen gewiss zahlreiche Menschen, die gute Erinnerungen an das kreative Potenzial von Kindergeburtstagen haben, denn so ein Kindergeburtstag ist, zumal rückblickend, ebenso ein Glücksversprechen und Lebendigkeitsbeweis wie sein üblicher Hauptprogrammpunkt, das Spiel, weshalb man beiden unbedingt reichlich Beifall zollen sollte. Vor allem dann, wenn die mit Kunstrasen und Krümmungen ausgestattete Bühne (Karl Rummel) zusätzlichen Freizeitaktivitäten von Minigolf über Skateboard bis Bouldering zuarbeiten könnte 

„Will happiness find me?“ fragt Samir Akika in seiner neuen bunten Arbeit, die alle nur erdenklichen Umstände des Menschseins, ja die menschliche Natur überhaupt auslotet – und das durchweg sportlich, ja akrobatisch. Man ahnt bei der bewundernden Beobachtung der athletisch unterfütterten Schwerstarbeit der acht agilen Unusual-Symptoms-Mitglieder – Nóra Horváth, Alexandra Llorens, Young-Won Song, Gabrio Gabrielli, Antonio Stella, Diego de la Rosa, Karl Rummel und Andor Rusu –, dass man sich im Leben tunlichst nicht darauf verlassen sollte, gefunden zu werden, schon gar nicht vom Glück, diesem unsicheren Kantonisten, sondern schon selbst etwas dafür tun muss – je mehr, desto besser –, um auf der sogenannten Sonnenseite zu stehen. Vor allem: immer in Bewegung bleiben, nur nicht nachlassen. Denn wer unbotmäßig lange verweilt, kann sich gleich einsargen lassen. Mit Frühsport gehen sie zu Werke, sie tänzeln und scharwenzeln, zelebrieren Sperenzchen, sie kollern und kobolzen, dass es eine kunstvolle Art hat. Freilich auch eine ephemere; was bleibt, stiftet der Wandel. Das kann selbst bei einem beglückenden Bombardement der Bilder auch dezent ermüden. Tatsächlich hat der Abend anderthalb Längen. Und ziemlich viel Störschall.

Akika hat in jüngeren Arbeiten jenseits der Spartenverantwortung offenbar zu neuer Leichtigkeit gefunden; dieser Trend setzt sich fort. Zwar knausert er nach wie vor mit Tanzeinlagen, dafür bietet er mit jayrope und der sonor gestimmten Suetzsu zwei Musiker auf, deren Elektro-Soundteppich den des enervierenden Staubsaugers vergessen macht. Merke: Glück ist wie ein Schmetterling.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

17. März, 18.30 Uhr; 21. März und 13. April,

20 Uhr; 21. April, 18.30 Uhr.


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