Wetter: bedeckt, 9 bis 15 °C
Interview mit einem Sprayer
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Je älter der Sprayer, desto gefährlicher“

Alexandra Knief 08.09.2018 2 Kommentare

Der Graffitikünstler ReskOne besprüht seit über 20 Jahren illegal Hauswände und Zuglinien. Im Interview spricht er über sein gefährliches Hobby.
Der Graffitikünstler ReskOne besprüht seit über 20 Jahren illegal Hauswände und Zuglinien. Im Interview spricht er über sein gefährliches Hobby. (Shirin Abedi)

Wie bist du zum Sprayen gekommen?

ReskOne: Das liegt schon 23 Jahre zurück. Das war 1995 und ich war zwölf. Es fängt immer damit an, dass ein Freund das bei einem anderen Freund aufgeschnappt hat und dir zeigt. Mich hat das damals direkt angezogen.

Und dann habt ihr euch eine Dose geschnappt und alles vollgeschmiert?

Die Dose war am Anfang noch gar nicht da. Erst lief alles nur auf Papier. Aus der Schule kannten wir ja nur Druck- und Schreibschrift. Graffitischrift war cooler, das wollte ich auch ausprobieren. So hab ich mich dann reingefuchst. Und eines Nachts haben wir dann Dosen aus einem Keller geklaut und sind zum ersten Mal losgezogen.

Dein Künstlername ist ReskOne. Was bedeutet er?

Eine Bedeutung hat der Name eigentlich nicht. Man sucht nach einer Buchstabenkombination, bei der die Buchstaben gut zu malen sind. Es gibt einfache Buchstaben, die findet man fast jeden Tag. Selbst in Bremen gab es im Laufe der Jahre mehrere Leute mit dem Namen. Es gibt so viele Sprayer, da kommt es auch mal zu Überschneidungen.

Mehr zum Thema
Unterwegs mit dem Graffiticleaner: Der Kampf gegen Schmierereien
Unterwegs mit dem Graffiticleaner
Der Kampf gegen Schmierereien

Immer wieder müssen sich Städte und Bahnunternehmen mit illegalen Graffiti herumschlagen. ...

 mehr »

Was genau sprühst du?

Anfangs habe ich natürlich erst mal alles Mögliche gemacht, was mir eingefallen ist. Da hatte ich auch meinen Namen noch nicht. Jemand der malt, aber in dem Medium noch nicht drin ist, schreibt Dinge wie „ich war hier“, das kennt man aus Bussen oder von Klotüren. Mittlerweile sprühe ich sowohl Buchstaben als auch Figuren, sogenannte Charaktere, klassische Figuren aus der Hip-Hop-Szene zum Beispiel.

Wo in Bremen sind deine Werke zu finden?

Größtenteils an der Zuglinie – da wird viel gemalt, da musst du immer gucken, dass du aktuell bleibst – und in Bremen-Nord. Da kann man sich richtig austoben, weil da nicht so viele Leute unterwegs sind. Die Szene dort ist nicht groß und hat innerhalb der letzten zehn Jahre massiv abgebaut.

Mehr zum Thema
Von Graffiti bis Urban Knitting: Streetart und Graffiti in Bremen
Von Graffiti bis Urban Knitting
Streetart und Graffiti in Bremen

Streetart in jeder ihrer Formen findet sich überall in Bremen. Doch wieso ziehen Sprayer überhaupt ...

 mehr »

Ist das eine allgemeine Entwicklung? Die Polizei berichtet von weniger Anzeigen wegen Sachbeschädigung durch Graffiti.

Früher konntest du davon ausgehen, dass jedes Wochenende irgendwo neue Sachen aufpoppen. Da habe ich schon das Gefühl, dass das abgenommen hat. Vielleicht hat es sich aber auch nur verlagert. In den 90ern zum Beispiel waren Autobahnen der Renner, in den letzten fünf Jahren kann man die jährlichen Aktionen da fast an zwei Händen abzählen. Das wechselt immer mal.

Gibt es Regeln innerhalb der Szene?

Es gibt diesen Kodex, dass man Sachen von anderen nicht übermalt, der wird aber von jedem ganz individuell ausgelegt. Die Regeln bröckeln. Es gibt Städte, in denen das gar nicht mehr funktioniert. In Berlin hat man kaum noch eine Chance – egal, was du da machst, du musst damit rechnen, dass es innerhalb von ein paar Wochen wieder überarbeitet ist. Da spielen auch diese ganzen Ego-Sachen eine große Rolle, dass einer denkt, er sei besser als der andere.

Macht dich das wütend?

Natürlich ist man da wütend. Das ist ja eine Form von Eigenwerbung. Wenn du zulässt, dass dich jemand übermalt und du nichts dagegen machst, denken die Leute: Okay, das kannst du beim zweiten und dritten Bild auch machen. Es kommt aber auch darauf an, aus welchem Grund das passiert. Man sieht ja, ob das jemand ist, der zur Szene gehört und malen kann, oder jemand, der gerade erst anfängt und gewisse Regeln nicht kennt. Stilistisch haben einige Leute natürlich eine spezielle Handschrift, die man sofort erkennt. Das ist schon eine eingeschworene Gemeinde, auch wenn es mal Zwist gibt. Das ist wie in der normalen Gesellschaft, nur im Kleinformat. Es gibt die Konservativen, die Freizügigen, die Rechten, die Linken.

Mehr zum Thema
Streetart-Führung: Bunt, bunter, Viertel
Streetart-Führung
Bunt, bunter, Viertel

Seit zehn Jahren bietet Katharina Rosen Führungen in Bremen an. Eine widmet sich dem Thema Graffiti ...

 mehr »

Hast du künstlerische Vorbilder?

Es gibt Leute, deren Arbeit ich richtig cool finde, aber es ist nicht so, wie man es aus einer klassischen Fankultur kennt, in der man Dingen nacheifert. Zumindest war das bei mir nie der Fall. Mittlerweile weiß ich, dass viele Graffiti-Einflüsse aus der Architektur oder dem Design stammen – Jugendstil ist ein gutes Beispiel. Wenn man zum Beispiel verschnörkelte Formen mag, liegt es nah, das Ganze auch in Buchstaben umzuwandeln.

Was willst du mit deiner Kunst zum Ausdruck bringen?

Als ich angefangen habe, fühlte ich mich der Gesellschaft nicht wirklich zugehörig. Generell ist es natürlich eine Form von Protest. Es ist ein Sprachrohr. Man drückt über seine Kunst aus, was man sprachlich nicht ausdrücken kann. Man kann das kategorisieren in politische Botschaften und in Arbeiten, bei denen die Botschaft an sich ist, dass die Arbeit überhaupt existiert – unabhängig davon, was eigentlich gesprüht wird. Es ist immer Aussage oder Eigenwerbung.

Ein Schriftzug von 2007.
Ein Schriftzug von 2007.

Was ist für dich der Hauptanreiz?

Man kann das gar nicht ausdrücken. Das ist etwas, das in dir ist und raus muss. Das kriegst du auch nicht einfach weg. Ich habe mal versucht, Abstand davon zu nehmen, aber das verlässt einfach deinen Kopf nicht. Es gibt immer diese Floskeln, dass viele das wegen des Kicks machen. Im Prinzip könnte ich aber genauso gut fragen: Warum fährst du Fahrrad? Manche Dinge macht man eben, weil man einfach Bock drauf hat. Bei mir ist es nicht so, dass ich Dinge gezielt beschädigen will. Wenn ich den richtigen Platz sehe, ist das für mich, als hätte jemand eine Wand gestrichen, aber einen Teil vergessen, das muss ich dann fertig machen, das ist wie eine kranke Art von Ordnung.

Wurdest du schon einmal erwischt?

Ja. Aber das ist zum Glück schon länger her. In einem gewissen Alter denkst du nicht weiter als fünf Meter. Je älter der Sprayer, desto gefährlicher quasi. Man lernt aus Unachtsamkeit, bewegt sich zum Beispiel nicht mehr mit den Dosen, sondern platziert sie bereits zuvor und lässt sie hinterher da. Denn der Verdacht alleine reicht nicht aus, um jemanden dranzukriegen.

Gibt es Grenzen? Dinge, die du nicht besprühen würdest?

Ich würde nicht unbedingt über einen Gartenzaun klettern und Privatgebäude bemalen oder Autos besprühen. Das A und O ist immer die Ästhetik. Man guckt, ob das Gebäude durch das Graffito einen Mehrwert bekommen würde oder nicht. Wenn man zum Beispiel ein schönes historisches Gebäude hat, dann passen Graffiti da meiner Ansicht nach auch einfach nicht drauf.

Fotostrecke: Das sind die schönsten Graffiti in Bremen

Wenn es mehr legale Flächen zum Sprayen gäbe, denkst du, es würde dann weniger illegal besprühte Flächen geben?

Dass das Legale das Illegale ablöst? Ne. Das Problem bei den legalen Flächen ist meist, dass es immer einen Initiator gibt, der oft selber als Sprayer die Fläche klargemacht hat. Dementsprechend holt man dann wieder woanders die Erlaubnis ein und oft sind die Flächen auch schon besetzt oder durchkonzipiert.

Auftragsarbeiten erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, auch um ungewollte Werke von Hauswänden fernzuhalten. Was hältst du davon?

Wenn man illegal eine Wand bemalt hat und da eine Auftragsarbeit drüber gemalt wird, dann ist die Wand natürlich erst einmal weg. Aber wenn du kreativ genug bist, dann weißt du, dass es in der Stadt auch noch genug andere Flächen gibt. Vielleicht nicht mehr die Filetstücke, aber es gibt sie, und manchmal bringen neue kreative Orte auch mehr Anerkennung. Zum Beispiel wie vor ein paar Jahren, als jemand was auf das Dach vom Hauptbahnhof gemalt hat. Aber ein Großteil der Szene genießt einfacher. Und die sind dann natürlich sauer, wenn immer mehr durch Auftragsarbeiten belegt ist. Aber auch da beginnt der Kodex, nicht überzusprühen, zu bröckeln, weil die Szene angepisst ist.

Denkst du, mit 90 treibst du dich noch immer an Bahngleisen rum?

Ja, ich glaube schon. Solange ich nicht tatsächlich irgendwann mal keinen Bock mehr darauf habe, kann ich mir nicht vorstellen, aufzuhören. Sicher variieren die Zeiten und man ist nicht mehr so exzessiv unterwegs wie am Anfang – das wäre auch fahrlässig. Mittlerweile bin ich manchmal wöchentlich, aber mindestens einmal im Monat unterwegs. Und wenn es nur ein kleines Signe irgendwo ist.

Die Fragen stellte Alexandra Knief.


Party- und Freizeit-Bilder

Hier sind die Ermittler
Die große Vorschau: Das bringt die neue "Tatort"-Saison
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %