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Auszeichnung für ein Lebenswerk
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Karikaturistin der Frauenbewegung

Julia Giertz 07.07.2019 0 Kommentare

Karikaturistin Franziska Becker: Die Comic-Künstlerin ist gerade für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden.
Karikaturistin Franziska Becker: Die Comic-Künstlerin ist gerade für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. (Berg/DPA)

Ein dicker Foliant mit Karikaturen von Wilhelm Busch ist für die junge Franziska Becker die Bibel. Der „Urvater des modernen Comic“ weckt ihre lebenslange Leidenschaft für bissige Kommentierungen mit Feder und Tusche. Mit Busch verbindet die in Mannheim geborene Cartoonistin der Blick für das Abstruse, das unfreiwillig Komische im Alltag, insbesondere im Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Beckers Markenzeichen sind Figuren mit Knollennasen und großen Füßen, die sich in Sprechblasen austauschen. Eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne feiert am 10. Juli ihren 70. Geburtstag.

Die politische Künstlerin erhielt zahlreiche Preise, unter anderem als erste Frau 2013 den nach ihrem Vorbild benannten Wilhelm Busch Preis. Quasi als Geburtstagsgeschenk hat die Comic-Zeichnerin jüngst die Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes für ihr „spitzfedriges und scharfzüngiges“ Lebenswerk bekommen. Das freut sie besonders: „Denn ich sehe mich als zeichnende Journalistin.“ Doch die Freude wird ihr vergällt durch jüngste Anfeindungen einer deutsch-türkischen Bloggerin, die ihr Rassismus und Islamfeindlichkeit unterstellt; insbesondere ihre Kopftuch-Comics diskriminierten muslimische Frauen.

Die Karikatur des Tages von Paolo Calleri, erschienen am 22. Oktober.
Die Karikatur des Tages von Marian Kamensky, erschienen am 21. Oktober.
Die Karikatur des Tages von Til Mette, erschienen am 20. Oktober.
Die Karikatur des Tages von Harm Bengen, erschienen am 19. Oktober.
Fotostrecke: Die Karikaturen im WESER-KURIER

Der Vorwurf sei empörend, sagt „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer. Bei den Zeichnungen der Hauscartoonistin des feministischen Frauenmagazins gehe es um politische Radikalisierung und den Missbrauch des Islam, nicht um den Glauben selbst. Gibt es Grenzen für Satire? Nein, meinen Becker und Schwarzer unisono. Becker: „Beleidigte ohne Humor wird es immer geben.“

Vom zeichnenden Kind bis zu Hauscartoonistin von „Emma“ war es ein weiter Weg. Zwar fördern die liberalen Eltern die Begabung der Tochter, aber als Beruf kommt das Zeichnen für sie nicht in Frage. Becker studiert Ägyptologie, bricht das Studium aber ab. „Zu trocken“, erklärt sie. Da erscheint ihr eine schnelle medizinisch-technische Ausbildung der leichtere Weg.

Aber die Liebe zur Kunst bricht sich schließlich doch Bahn: 1972 findet sie zur Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo sie unter anderem bei Markus Lüpertz studiert. „Ich war da nicht sehr glücklich. Die Akademie war eine verstaubte Männer-Angelegenheit. Die Kommilitonen imitierten Lüpertz’ Macho-Gehabe.“ Immerhin habe sie dort das genaue Hinschauen und die Arbeit mit Farben gelernt. „Und das Aushalten von Kritik“, fügt sie hinzu. Im Jahr 1976 – kurz vor dem Staatsexamen – wirft sie hin. Zu tief ist die Kluft zwischen ihrem Engagement in der Frauenbewegung und dem Studium an der männerdominierten Akademie. Einschneidend ist die Begegnung Beckers mit Alice Schwarzer 1975. Die Journalistin besucht in Heidelberg Frauenzentren.

Fotostrecke: Deutscher Karikaturenpreis in Bremen

Ein Jahr später gründet sie die „Emma“ und sucht via Frauenzentren nach kreativen Köpfen. Becker bewirbt sich und erhält den Zuschlag. Schwarzer schätzt an ihr „die Qualität – des Strichs wie der Haltung“. Von da an zieren zweiseitige Bildgeschichten das Magazin. Sie nehmen das alternative Leben und esoterische Auswüchse der Frauenbewegung auf die Schippe. Die „Emma“ ermutigt sie zur Schärfe. „Ich sollte nicht so lieb sein“, erinnert sich die große schlanke Frau mit der braunen Löwenmähne. Neben „Emma“ gehören „Titanic“, „Stern“ oder „Psychologie heute“ zu ihren Kunden.

In ihrem ersten von bislang 18 Büchern, „Mein feministischer Alltag“, verarbeitet sie persönliche Erfahrungen. „Den Slang und die Kapriolen kann man sich nicht anlesen.“ Ihr 1985 erschienenes viertes Werk „Männer“ widmet sie ganz dem anderen Geschlecht und dessen Reaktion auf die Frauenbefreiung. Da ist das „Prachtexemplar“, das der Partnerin unterwürfig den Haushalt führt, der „neue Vater“, der eine Vater-Baby-Gruppe gründet, „um die neuen Identitätsprobleme emotional zu verarbeiten“, und der Prolet mit Kippe im Mundwinkel, der seine viel jüngere asiatische Lebensgefährtin als sauberer, anspruchsloser und dankbarer als die deutschen Frauen preist.

In dieser Zeit zieht sie von Heidelberg nach Köln, wo sie zwölf Jahre mit dem Karikaturisten papan (Manfred von Papen) zusammenlebt. Vor sechs Jahren heiratete sie einen US-Amerikaner, mit dem sie zeitweise in den Vereinigten Staaten lebt. Keim der langjährigen Beziehung war die Fanpost des Soziologen für Beckers Buch „New York, New York“. Auch in ihrem neuesten Projekt beschäftigt sie sich mit den Vereinigten Staaten. Sie will die Lage des Landes skizzieren – zeigen, wie Präsident Donald Trump das Land spaltet, wie Verschuldung und Obdachlosigkeit um sich greifen und wie groß das Elend in den kleinen Städten auf dem Land ist.


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