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Deutscher Oscar-Kandidat im Kino
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Kind außer Kontrolle

Hendrik Werner 18.09.2019 0 Kommentare

Nicht zu bändigen: Am explosiven Potenzial des Mädchens Benni (Helena Zengel) scheitern alle Besänftigungsversuche.
Nicht zu bändigen: Am explosiven Potenzial des Mädchens Benni (Helena Zengel) scheitern alle Besänftigungsversuche. (Yunus Roy Imer)

Bremen. Das Mädchen, zetert und schreit, bockt und boxt, weint und wütet. Meist mehr oder minder gleichzeitig, oft ohne ersichtlichen Anlass. Neun Jahre alt ist die kaum je zu beruhigende, selten zu bändigende Benni, die auf keinen Fall bei ihrem Vornamen, Bernadette, genannt werden will, weil ihr das „zu tussig“ klingt. Wenn Benni wieder mal ausrastet – und das tut sie häufig –, sind die Filmbilder jäh in ein grelles Rot getaucht – und wechseln in ein fiebriges Staccato, als handle es sich um blitzartige Innenansichten einer Getriebenen, ja Verdammten. Dazu toben und tosen infernalisch laute Töne, die wie ein Vorspiel zur Apokalypse klingen. Doch dies ist kein effekthascherischer Horrorfilm, sondern ein bewegendes Sozialdrama. 

„Systemsprenger“ heißt das ebenso verstörende wie faszinierende Spielfilmdebüt der 1983 in Braunschweig geborenen Nora Fingscheidt, die von 2008 bis 2017 an der Filmakademie Baden-Württemberg Szenische Regie studierte. Ihr Werk, das bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde und für Deutschland ins Oscar-Rennen um den besten nicht-englischsprachigen Film gehen soll, rückt ein außer Kontrolle geratenes Kind in den Blickpunkt.

Prekäre Verhältnisse

Ein Kind, bei dem weder Erziehungsmaßnahmen noch zugewandte Ansprachen in irgendeiner Weise fruchten. Nicht von Sozialarbeitern wie dem engagierten Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch), nicht von der patenten Pflegemutter Silvia (Victoria Trautmannsdorff), nicht einmal von einer liebevoll bekümmerten Jugendamt-Sachbearbeiterin wie Frau Bafané, die einfühlsam bis in den tränenreichen Zusammenbruch von der Bremer Schauspielerin Gabriela Maria Schmeide gespielt wird. Und schon gar nicht von der eigenen Mutter, einer alleinerziehenden Frau mit zwei weiteren Kindern in prekärer Lage, zerbrechlich verkörpert von Lisa Hagmeister.

Nach ihr sehnt sich Benni zwar wiederholt beredt, zertrümmert das kurzzeitig improvisierte Familienidyll dann aber umso krachender – und gefährdet überdies ein ums andere Mal die Unversehrtheit ihrer (Pflege-)Geschwister. Benni überbietet schon deshalb den hilflosen Gemeinplatz von der tickenden Zeitbombe, weil sie jederzeit und immer wieder detonieren kann.

Helena Zengel, Jahrgang 2008 (und bei den Dreharbeiten neun Jahre alt), spielt dieses verhaltensauffällige Kind mit der zugleich staunenswerten und beängstigenden Wucht einer Naturgewalt. Schier grenzenlose Energie fügt sich in ihrem differenzierten Spiel zur Fähigkeit, instabile Gefühlslagen samt Explosionspotenzial sichtbar zu machen. Es verwundert nicht, dass die Jungschauspielerin bald in dem Western „News of the World“ an der Seite von Tom Hanks zu sehen sein wird.

Als Benni nach einem – erneut gescheiterten – Schulbesuchsversuch einmal mehr in aggressive Wallungen gerät und mit allerlei grobschlächtigem Spielgerät die Eingangstür beschmeißt, beruhigt ein Lehrer sich und seine Kollegen mit dem Hinweis, es handle sich um Sicherheitsglas. Prompt birst die Scheibe vom Aufprall des nächsten Wurfgeschosses. Ähnlich verhält es sich mit den gängigen Praktiken des sozialen Systems Kinderbetreuung, dessen Wirksamkeit durch die kategorische Unzugänglichkeit der Grenzgängerin in Frage gestellt wird.

Spezielle Klassen für spezielle Kinder, Therapien aller Art, gutes und schlechtes Zureden, stationäre Psychiatrie, Belohnungen und Waldbaden – alles vergebliche Liebesmüh' eines sozialen Apparates, der keine Lösung finden kann, weil er dem zugehörigen Problem, der vielfachen Verheerung einer Kinderseele, nicht auf den Grund zu gehen vermag.

Die mit Rasanz gepaarte Radikalität des zweistündigen Films sorgt trotz prinzipiell überschaubarer Handlung – Sisyphos-Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe in verschiedenen Spielarten – nicht nur für ein selten intensives Kinoerlebnis, sondern zudem für reichlich Gesprächsbedarf. Zur fachgerechten Nachbereitung bietet sich an diesem Donnerstag in der Schauburg die Zeit nach der 20-Uhr-Vorstellung an. Dann diskutieren, moderiert von Martina Zellmann (Jugendamt-Beratungsdienst Fremdplatzierung), Filmproduzentin Frauke Kolbmüller, Darstellerin Gabriela Maria Schmeide, Rolf Diener vom Amt für Soziale Dienste sowie Vertreter vom Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Bremen. Zellmann und Diener, die den Film bereits gesehen haben, attestieren ihm Realitätsnähe.

Auf eine pädagogische Erzählweise und entsprechende Fingerzeige hat die Regisseurin, die auch das Drehbuch verantwortet, wohlweislich verzichtet. Als Inspiration nennt sie Rebellenfilme wie François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (1959) und Alan Clarkes „Made in Britain“ (1982). Nunmehr darf ihre aparte Arbeit als Vorbild gelten.


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