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Domfestspiele Verden
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Kirchenmann unter Ketzereiverdacht

Hendrik Werner 15.07.2017 0 Kommentare

Premierenaufführung Domfestspiele 2017 in Verden
Premierenaufführung Domfestspiele 2017 in Verden (Björn Hake)

Verden. Vorspiel unweit des Theaters: Während die Verdener munter dem Festivalgelände zuströmen wie die Weser der Nordsee, bleibt der Blick des ortsfremden Besuchers halb ungläubig, halb fasziniert an einem Schild hängen, das lokale und regionale Sponsoren verzeichnet. So viele Namen sind dort zu lesen, dass die Domfestspiele als eine nachhaltig etablierte Marke gelten dürften, die ihresgleichen im kulturellen Beritt weit über die Reiterstadt hinaus sucht. Bereits dieser Umstand ringt dem Theatertouristen reichlich Respekt ab.

Um ihn herum plaudern und scherzen Honoratioren und Festspielfunktionäre, nahe und ferne Gäste sowie nahe und ferne Verwandte und Bekannte der Mitwirkenden an diesem Bühnenhochamt, das seit 1997 alle drei Jahre im Schatten des altehrwürdigen Doms zu Verden zelebriert wird. Hauptgesprächsthema neben Spekulationen über den historischen Stoff: das Wetter.

Premierenaufführung Domfestspiele 2017 in Verden
Premierenaufführung Domfestspiele 2017 in Verden (Björn Hake)

Zwingendes Thema, möchte man meinen. Pladderte es doch bei der Anreise auf der A 27 aus Bremen zeitweilig so sehr, dass der Scheibenwischer selbst auf höchster Stufe überfordert war. Doch am Premierenabend bleibt es im Herzen der Domstadt wundersamerweise trocken. „Allen Wetter-Apps zum Trotz“, wie Organisatorin Gabriele Müller im Anschluss an die nicht nur klimatisch gelungene Erstaufführung stoßseufzt.

Trockenheit ist hingegen kein Thema im großen Gastronomiezelt, das die Theatergänger vor dem Betreten des eigentlichen Festivalgeländes durchqueren dürfen. Bier- und Weißweinwolken wabern darin sozusagen unüberriechbar. „Immer schön durstig bleiben“ besagt ein programmatischer Slogan, der unübersehbar am Ausschank prangt. Ganz hinten rechts haben die Betreiber eines ortsansässigen Restaurants mit klingendem Namen ein italienisches Büffet aufgebaut. Wer ihm zuspricht, tut das aus Hungergefühlen – oder aus Erfahrung. Denn Domfestspielinszenierungen gehen – inklusive einer großzügig bemessenen Pause – selten bis nie unter drei Stunden Dauer ab. Das begründet ihren Nimbus, aber auch die Notwendigkeit, eine solide Grundlage zu schaffen, wie schon der sinnenfreudige Theatermacher (und Agnostiker) Bertolt Brecht wusste („Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“). Wohl bekomm‘s.

Auf der mit sakralen Relikten gesegneten Wiese zwischen dem Festzelt und den Publikumstribünen A und B tummeln sich bereits etliche Laienschauspieler. Manche sind mit vorletzten Handgriffen befasst, manche meditativ gestimmt. Es dominiert eine aus Konzentration und Vorfreude gewobene Atmosphäre. Einzig ein linker Hand angebundenes Pferd, das den Besuchern den Allerwertesten zuwendet, futtert ungerührt vom menschlichen Aufgalopp – nein, keine Italo-Spezialitäten – heimische Heukost.

Wer hingegen nach Fanartikeln hungert, wird im Kramerhäuschen fündig. Neben T-Shirts und anderen Devotionalien werden Sitzkissen und Decken angeboten, die ob der kühlen Temperaturen sozusagen eine sichere Bank für das Wohlbefinden sind. Bereits eingemummt ist Gabriele Müller, Ideengeberin und guter Geist der Festspiele. Aus ihrer Allwetterkleidung lugt eine Stoffratte namens Lenka. Das Maskottchen macht wie sein Frauchen am Premierenabend einen guten Job. Nicht nur wegen der stabilen Witterung, sondern auch und gerade wegen der großartigen Ensembleleistung, die in den kommenden Stunden zu bestaunen ist.

Das von Hans König geschriebene und inszenierte Stück „Der brennende Mönch“ hebt sinnigerweise an, als die schlagkräftigen Kirchenglocken acht Mal Laut geben. Auftritt Familie Bornemacher – Tochter, Mutter, Vater –, mit deren (konfessionellem) Los der Regisseur einen Religionsthriller illustriert, der trefflich zum Reformationsjubiläum des Jahres 2017 passt. König erzählt die anno 1526 in Bremen und Verden angesiedelte Geschichte des frommen, aber reformfreudigen Mönchs Johannes Bornemacher (Gabriel Stohler Mauch), den seine Begeisterung für Luthers Thesen in einen lebensgefährlichen Konflikt mit dem kruden Verdener Erzbischof Christoph (Bernd Maas) bringt. Um nicht zu sagen: in Teufels Küche.

Apropos: Zu den betörenden Kabinettstückchen zählt der Auftritt von vier Teufeln, deren Zischeln an die Hexen in Shakespeares „Macbeth“ gemahnt. Ein weiterer Clou ist eine Szene, die Badehuren und bigotte Freier in dampfenden Zubern vereint. Dramatische Musik (Hans König), hohe Sprechkultur, ein trotz Neun-Uhr-Glockenschlags anrührend dargebotenes „Ave Maria“ (Christiane Artisi), besagtes Pferd und eine exzellent choreografierte Prozession machen die Premiere zum Freilufttheaterereignis erster Güte. Harald Michaelis hat in Gestalt zweier hoher und zweier niedriger Holzpodeste ein Bühnenbild geschaffen, das sich exzellent an den Dom schmiegt.  

Zum Gelingen trägt auch die Naturnähe des Szenarios bei: Wenn das Bühnengetümmel zwischen einzelnen Szenen aussetzt, sind Krähen, Tauben und anderes Getier zu vernehmen. Als sich die Dunkelheit senkt, trägt eine ausgefeilte Illumination zur Stimmungsfülle bei. Der größte Verdienst freilich gehört den rührigen Akteuren, Laien wie Profis, die vom Publikum ein ums andere Mal mit Szenenapplaus bedacht werden.

Weitere Aufführungen bis zum 29. Juli: jeweils dienstags, mittwochs, freitags sowie sonnabends um 20 Uhr (Restkarten gibt es an der Abendkasse).
„Allen Wetter-Apps zum Trotz ist es diesmal gottlob trocken geblieben.“ Organisatorin Gabriele Müller

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