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Saisonauftakt am Theater Bremen
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Kolossale Kolportage

Hendrik Werner 14.09.2019 0 Kommentare

Humanoide Komödianten (von links): Ferdinand Lehmann, Elmira Bahrami, Mirjam Rast, Alexander Angeletta auf der Bühne des Kleinen Hauses, in dem zum Saisonauftakt ein an aparten Anachronismen reiches Spiel gegeben wurde.
Humanoide Komödianten (von links): Ferdinand Lehmann, Elmira Bahrami, Mirjam Rast, Alexander Angeletta auf der Bühne des Kleinen Hauses, in dem zum Saisonauftakt ein an aparten Anachronismen reiches Spiel gegeben wurde.       (Jörg Landsberg)

Immerhin das Vorspiel zum Saisonauftakt des Theaters Bremen gerät lind und lauschig. Bei milder Witterung streben die Besucher nach einer langen Bühnensommerpause sichtlich frohgemut dem Kleinen Haus zu, vor dem sie, in innige Wechselreden und Wiedersehen-macht-Freude-Bekundungen vertieft, noch eine wohlige Weile verharren. Selbst Journalisten, die sonst oft erst kurz vor knapp am Akkreditierungstresen ankommen, sind an diesem Abend, der im Zeichen des Neubeginns steht, auffällig früh vor Ort, hat Diana König, Leiterin der Presseabteilung, beobachtet. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude (Volksmund), und das Wenn ist lenkbarste Reittier der Hoffnung (Honoré de Balzacs Beitrag zur Albenpoesie).

Eine praktische Annehmlichkeit für Medienvertreter – apropos! – ist der Umstand, dass die übliche Pressemappe neuerdings ein Notizheft enthält, das auf 72 Seiten viel Platz zur Niederschrift von zentralen und randständigen Eindrücken einräumt. Man hätte es angesichts des schieren Erlebniswertes dieser ersten Produktion der Schauspielsparte mühelos mit Aufzeichnungen füllen können. So viel Spektakel ist selten; so wenig Sinngehalt, der sich zu einer Synthese schürzen ließe, an der Lust- und Erkenntnisgewinn des Publikums zu bemessen wäre, allerdings auch.

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Weil naturgemäß trotz des Kurt-Hübner-Pfeils, der dem Heft aufgeprägt ist, nicht absehbar ist, ob die papierne Gabe eine Wiederholung erfährt, sollte man sich den Weißraum gut einteilen. Denn es ist durchaus denkbar, dass in nächster Zeit noch mehr Inszenierungen solche Wundertüten-Qualitäten aufweisen wie jene von Mehdi Moradpours anarchischem Assoziationsstück „Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig“, das an diesem Abend durch Pınar Karabulut seine ebenso unbändige wie unlesbare Uraufführung erfährt. Schließlich folgt in knapp zwei Wochen auf diese „humanoide Komödie“ (Untertitel) am nämlichen Ort gleich die nächste Uraufführung, die ebenfalls mit einem neuen Genre aufwartet, einer „Replikantenoper“.  Vielleicht sollte die Theaterleitung nachträglich ein eingängiges Spielzeitmotto einpflegen; „Die Androiden schlagen zurück“ böte sich an.

Hannover liegt am Meer

Moradpours Stückelwerk spielt auf mehreren Zeitebenen – unter anderem 2067 in einer von Palmen gesäumten Nordseestadt namens Hannover, 1815 beim folgenschweren Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa – und vier Jahre später in Mannheim, wo der Burschenschafter Karl Ludwig Sand erfolgreich ein Attentat auf den Dichter August von Kotzebue verübt.

Eine kolossale (und immens redselige) Kolportage – gewoben aus Namedropping, suggestiven Kontexten und höherem Blödsinn –, in der Schauerromantiker, eine Computerpionierin und ein Stadtgründer ebenso spuken wie Vertreter der Neuen Rechten mit dem Vornamen Uwe; in der die sagenhafte Geburt Europas mit dem Klimawandel und grenzwertigen Kalauern („Grokodil“) verbrämt wird. Unter anderem. (Der beträchtliche Rest ruht gut im Notizheft.) Was sich in einem Seminar für Kreatives Schreiben gut macht, birgt nicht zwingend Dramatisierungspotenzial. Umso weniger, als das Stück nicht berührt, sondern wegen seines bildungshubernden Hermetismus befremdlich und äußerlich bleibt. 

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Dieser Text überfordere die Schauspieler und das Publikum gleichermaßen, wird der Intendant später bei der Premierenfeier sagen, und es hört sich wie ein Lob an. Was Michael Börgerding auch sagen wird: dass die Inszenierung dem Text helfe. Daran immerhin sind Zweifel angebracht. Denn was Pınar Karabulut in mehr als 100 pausenlosen Minuten aus der fabulierwütigen Vorlage macht, ist kaum mehr als eine bizarr, bisweilen einprägsam illustrierte Dopplung durch vier agile, passagenweise akrobatische Darsteller, die nicht nur wegen der rasanten Regie zeitweilig nicht wissen dürften, wo ihnen der hübsch modellierte Kopf in dieser postdramatischen Versuchsanordnung steht.

Die Lull-und-lall-Orgie im schier endlosen letzten Drittel

Die Darsteller – Mirjam Rast und Elmira Bahrami, Ferdinand Lehmann und Alexander Angeletta – verdingen sich wacker als Textdeklamationsrepetiergewehre, die ihre Salven in gehöriger Lautstärke über einer Bühne abfeuern, die Bettina Pommer als Rondell konzipiert hat, das mit Champagnerkelchen übersät ist; die zugehörige Lull-und-lall-Orgie erfolgt im letzten Drittel, das schier endlos gerät. Es geht also rund, wenn auch nie so richtig los – oder gar vorwärts. Wenigstens das Auge, bekanntlich ein Mitesser, kann sich laben: neben schmucken Ausstattungsdetails – zwei Planeten, eine Kettenkarussellgondel – an futuristischen Kostümen mit Zipfel- und Federapplikationen (Tine Werner). Immerhin: Wer sich partout amüsieren will, ist in dieser interaktiven Spielshow gut aufgehoben.

Doch jenseits des hehren Ziels einer Überfrachtungstheaterpädagogik ist das Stück trotz beachtlichen Schlussbeifalls so verzichtbar wie seine L'art-pour-l'art-Inszenierung. So steh'n wir selbst enttäuscht und seh'n betroffen: keinen Vorhang und alle Fragen offen.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus: 18., 20. und 27. September sowie 9., 17. und 30. Oktober, jeweils um 20 Uhr; 1. Dezember, 18.30 Uhr.

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