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Künstler starten erstes Onlinetheater

Alexandra Knief 11.04.2017 0 Kommentare

Onlinetheater Werther
Ausschnitt aus der geplanten Online-Inszenierung "Werther", die im Mai Premiere feiern soll. (FR)

Tickets fürs Theater kaufen, sich vielleicht sogar hübsch anziehen, im Foyer noch ein Glas Wein trinken und dann im Theatersessel zusehen, wie der Vorhang sich hebt. So oder so ähnlich sah ein Theaterbesuch bisher aus. Eine Gruppe junger Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz will dies in Zukunft ändern – beziehungsweise das Theater um eine ganz neue Form erweitern: Vorstellungen via Livestream im Internet.

Die Vision der Gruppe ist gleichzeitig simpel wie neu: Der Zuschauer muss nicht mehr ins Theater gehen, das Theater kommt zu ihm – auf sein Smartphone oder seinen Rechner. „Technik wird zunehmend ins Theater geholt“, sagt Caspar Weimann, Pressesprecher, Schauspieler und künstlerischer Leiter bei Onlinetheater.Live. „Wir gehen den anderen Weg und holen das Theater in die technische Welt.“ Die Homepage wird zum Schauspielhaus, die Livestream-Plattform zur Bühne.

Kunst in der digitalen Welt etablieren

Für die Künstler war der erste Anreiz, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie der Mensch sich im System Internet verhält und welche Rolle er darin einnimmt. „Es gibt diese Parallelwelt jetzt schon seit Jahren. Dort gibt es eigene Definitionen von Nähe, und jeder hat dort eine Art zweite Persönlichkeit, ob er will oder nicht,“ sagt Weimann. Die Gruppe will ihre Kunst in der digitalen Welt etablieren, als Gegenstück zur amerikanischen Unterhaltungsindustrie.

Ziel des Theaters ist nicht, ein Stück auf einer Bühne zu filmen und online zu stellen. Das Team will Stücke zeigen, die extra fürs Internet konzipiert wurden, live und ohne Aufzeichnung. Das Publikum soll interaktiv am Stück beteiligt sein. „Man muss als Publikum aktiv sein, wach sein, muss mitklicken“, sagt Weimann. „Teile der Inszenierung finden eventuell live auf Facebook statt, wir senden Dateien, Playlisten, die Leute können in den Chat schreiben. Zu viel will ich aber noch gar nicht verraten. Es ist ein Experiment, aber ein ernst gemeintes.“

Initiiert wurde das Onlinetheater von der Schweizer Künstlerplattform NUU. Initiator ist neben Caspar Weimann der Schweizer Schauspieler Saladin Dellers. Gemeinsam mit fünf weiteren Protagonisten aus verschiedenen Kunstbereichen wollen sie die Idee Onlinetheater im Mai zum Leben erwecken. Als beratender Unterstützer fungiert Ed. Hauswirth, künstlerischer Leiter des Grazer Theaters im Bahnhof. Finanziert wird das Projekt durch Fördergelder. Für Zuschauer soll das Angebot kostenlos sein.

Onlinetheater feiert mit „Werther“ Premiere

Mit „Werther“ will das Onlinetheater Premiere feiern. Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ reloaded – so bezeichnen die Künstler selbst ihre Online-Inszenierung. „Wir nehmen die Motive von Goethe und übertragen sie ins Jetzt“, sagt Weimann. „Wir schreiben den Text größtenteils selbst, zum Teil bedienen wir uns aber bei Goethe und anderen.“ Im Mittelpunkt der Webcam-Abhandlung steht ein junger Mann, der in einem Youtube-Video, gesendet aus seinem Zimmer, seinen Suizid ankündigt.

Als weitere Inszenierung ist für Juni „Follower“ geplant. Die grobe Vorlage hierfür stellt Igor Bauersimas „Norway.Today“ dar, das von zwei jungen Erwachsenen handelt, die sich im Chatroom zum gemeinsamen Selbstmord verabreden. Bei „Follower“ wird diese Geschichte mit dem Fall eines russischen Teenager-Paares angereichert, das 2016 mit geklauten Waffen via Livestream Amok lief. „Wir planen eine Art live Roadmovie-Theater durch die Stadt Bern“, verrät Weimann.

Dass beide Stücke Suizide thematisieren, ist dabei eher Zufall, sagt Weimann. „Tatsächlich interessieren uns an beiden Stoffen viel mehr die anderen Themen“, so der Künstler. „Bei Werther ist das ganz viel: Der Rückzug des Menschen ins Netz oder der scheinbar utopische Freiheitsraum, den das Netz bietet und der gleichzeitig auch Dystopie ist.“

Ein Angebot für alle

Grundsätzlich soll das Onlinetheater ein Angebot für alle sein. Es soll sich aber auch an Schulklassen richten, die mithilfe der Stücke aktuelle Themen der Digitalisierung, wie die Entwicklung hin zum gläsernen Menschen oder das Thema digitale Identität, im Unterricht aufgreifen können.

Bremer Theaterschaffende haben unterschiedliche Meinungen zum neuen Angebot (siehe unten). Das Theater Bremen fehlt in der Aufzählung; man wolle dazu keine Stellungnahme abgeben, hieß es auf Anfrage.

Als Konkurrenz zum herkömmlichen Theater sehen sich die Online-Künstler grundsätzlich nicht, sondern vielmehr als eine Erweiterung der Ausläufe theatraler Formen mit einer Win-Win-Situation für alle Seiten. „Wir senden zu einer anderen Zeit als andere Theater, wir arbeiten in anderen Formen.

Es geht uns keinesfalls darum, Stadt-, Staats-, Landes- und Privattheater obsolet zu machen“, betont Caspar Weimann. „Ganz im Gegenteil, wir wollen zum einen den Zuschauern Lust machen, wieder ins Theater zu gehen, und zum anderen im besten Fall den Theatern Mut machen, offen zu sein oder zu bleiben für die Strömungen der Zeit.“

„Werther“ soll am 24. Mai, um 22 Uhr auf www.onlinetheater.live Premiere feiern. Der Stream ist kostenlos.
 

Das halten Bremer Theaterschaffende von Onlinetheater.Live:

Renate Heitmann (Bremer Shakespeare Company):

"Ich finde, es ist eine wunderbare Idee. Das Netz ist unbestreitbar ein wichtiger öffentlicher Ort. Wenn das Theater hier einen eigenen Ort findet, begrüße ich das, insbesondere wenn die Künstler die Bühne des Internets mit ihren dramaturgischen und ästhetischen Mitteln nutzen, also ihr Theater für das Netz konzipieren und gestalten. So ist es noch eine Möglichkeit mehr für das Publikum, eine Theatererfahrung zu machen."

Anja Hinrichs (Schnürschuh-Theater):

"Die Idee, Theater über einen Live-Stream online in die Wohnzimmer der Zuschauer zu bringen, hört sich zunächst nach einem interessanten Projekt an. Theater darf sich der digitalen Welt nicht verschließen und mit Sicherheit eröffnet es neue, zusätzliche Inszenierungsformen, insbesondere durch interaktive Handlungsmöglichkeiten. Doch darf und kann es Theater, wie wir es kennen, nicht ersetzen. Theater lebt von der sinnlichen Erfahrung, die die Zuschauer in unmittelbarer Nähe zur Inszenierung erleben. Ins „Theater gehen“ ist viel mehr als Konsum und Handlung: Es ist das aktive Eintauchen in eine andere Welt, heraus aus dem eigenen Alltag und den eignen vier Wänden. Das ist vom heimischen Sofa aus oder auch in einem Klassenzimmer wohl nicht erfahrbar."

Christopher Kotoucek (Fritz-Theater):

"Einerseits finde ich natürlich jegliches Theater per se immer gut. Jedoch bin ich ein Verfechter des: 'Runter von der Couch, raus ins Theater' - also Kunst, Kultur, Unterhaltung live zu genießen. Wir sind selbst schon alle überschwemmt von Smartphone, PC, Youtube und On-Demand-Angeboten. Wenn ich mir die Seite so ansehe, macht mir das Sorgen. Ist das der Weg, sind das die Themen, die wir anstreben? Wir als 'Fritz' beschäftigen uns mit Unterhaltungstheater – wir wollen die Menschen ablenken, ihnen Freude bereiten, sie für ein paar Stunden vergessen lassen, was draußen in der Welt sonst so los ist. Nein, ich sehe das Onlinetheater nicht als Konkurrenz. Wenn dies der neue Weg des Theaters sein soll, geht die wahre Schauspiel- und darstellende Kunst 'flöten' denke ich."

Knut Schakinnis (Theaterschiff und Packhaustheater):

„Ich bin etwas überrascht, das ein Genre so aus dem Kontext genommen wird, oder besser, eine Bezeichnung ge- oder erfunden wird, welche mit der eigentlichen Kunstgattung nichts zu tun hat. Theater heißt Live, heißt sich mit den Darstellern in einen Raum begeben. Diese Idee, irgendein Thema Online zu bearbeiten, ist natürlich eine der Zeit und dem Medium entsprechende Darstellungsform. Aber dies Theater zu nennen ist eher Effekthascherei als überdachte Bestimmung. Grundsätzlich finde ich den Ansatz gut, neue Wege zu beschreiten und sich neuen Medien in welcher Form auch immer zu öffnen. Ein Konkurrieren mit dem eigentlichen Theater ist hier aber nicht zu bewerten, aus o.g. Gründen. Ich wünsche den Kollegen viel Erfolg.“

Ulrich Möllmann (Haven-Revue-Theater):

"Das ist sehr kritisch zu betrachten. Im Grunde ist ein Onlinetheater das Gegenteil davon, was Theater ausmacht, und das ist das Gemeinschaftserlebnis. Es ist auch das Gegenteil davon, was ich mir für die Zukunft der Theater wünsche. Theater ist zwar eine Form von Unterhaltung, aber das Erleben mit allen Sinnen steht im Vordergrund, da gehört tatsächliche Anwesenheit dazu."

Perdita Krämer (Bremer Kriminal-Theater):

"Ich finde dies als neue Form interessant. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sich das Konzept durchsetzt. Es handelt sich bei dem Onlinetheater um ein 'Live-Projekt', und somit um eine Mischung aus Film und Theater. Aber sowohl vom Medium Film als auch vom Theater übernimmt man die Nachteile und lässt die Vorteile auf der Strecke. Beim Theater ist es die Direktheit des Mediums, die dadurch, dass man die Inszenierung am Bildschirm erlebt, verloren geht. Was bleibt, ist die 'Schwäche', dass Pannen passieren können. Der Vorteil des Films ist, dass man mit Schnitt und Kameraführung gezielt einen Fokus setzen kann. Auch das fällt beim Online-Theater weg. Ich glaube nicht, dass diese Erweiterung theatraler Möglichkeitsräume eine Konkurrenz darstellt. Aber ich bin sehr neugierig, wie sich das Projekt entwickeln wird."


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