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Kulturhauptstadt 2025: Soll Bremen sich erneut bewerben?

Alexandra Knief 14.05.2018 4 Kommentare

Etablierte Institution: das Bremer Theater (Archivbild)
Etablierte Institution: das Bremer Theater (Archivbild) (Frank Thomas Koch)

Herr Strauß, wenn es nach Ihnen ginge, würde Bremen sich für 2025 erneut als Kulturhauptstadt Europas bewerben. Warum diese Idee?

Patrick Strauß: Im nationalen Kontext gibt es die Möglichkeit, dass 2025 eine deutsche Bewerberstadt Kulturhauptstadt werden kann. 2019 erfolgt der Auswahlprozess innerhalb Deutschlands, 2020 wird sie von der Bundesrepublik vorgeschlagen. Es haben bereits einige Bewerberstädte ihr Interesse angemeldet. Da Bremen eine attraktive Großstadt ist, ist mir der Gedanke gekommen, dass auch wir noch unseren Hut in den Ring werfen könnten.

Patrick Strauß will, dass Bremen sich als Kulturhauptstadt 2025 bewirbt.
Patrick Strauß will, dass Bremen sich als Kulturhauptstadt 2025 bewirbt. (Karsten Klama)

Was hat Bremen kulturell zu bieten, was andere Städte nicht haben?

Wir haben etablierte Institutionen, wie die Glocke, das Bremer Theater oder die Kunsthalle. Mit dem Musikfest Bremen, der Breminale, der freien Szene haben wir eine kreative, pulsierende Kulturlandschaft. Es geht nicht darum, zu zeigen was andere nicht haben, sondern darum, zu zeigen, dass Bremen im Vergleich zu seiner Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010 heute auf einem viel höheren Niveau ist.

Als Bremen sich 2004 um den Titel „Kulturhauptstadt 2010“ bewarb, ist die Stadt in der Vorauswahl gescheitert. Was hat sich Ihrer Meinung nach seitdem in Bremen getan?

Meine Idee für die Bewerbung geht weit über den reinen Kulturbegriff hinaus. Sie sollte eher ein Dreiklang aus Bildung, Kultur und sozialer Stadtentwicklung sein. Die Überseestadt war damals noch eine Idee mit vielen Brachflächen. Heute ist sie ein sich entwickelnder Stadtteil. Der Güterbahnhof als Ort für lokale Künstler stand damals noch am Anfang, auch da ist Bremen viel weiter als damals. Rathaus und Roland sind mittlerweile Weltkulturerbe. Wir müssen den Vergleich mit anderen deutschen Großstädten in keiner Weise scheuen.

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Also war Bremen damals einfach noch nicht so weit?

Ich glaube, Bremen hat damals eine ganz tolle Bewerbung abgeliefert. Aber die Konkurrenz war groß: Essen und das Ruhrgebiet wurden am Ende vorgeschlagen – dabei wurden 53 Städte des Ruhrgebiets mit ihrem städtischen Wandel und ihren Kulturprojekten in den Fokus genommen, das war sensationell, da hatte Bremen kaum eine Chance.

Letztes Mal hat es von der Idee bis zur Bewerbung mehrere Jahre gedauert. Wäre die Umsetzung einer Bewerbung innerhalb eines Jahres überhaupt noch realisierbar?

Ja, weil die Bewerbung auf bestehenden institutionalisierten Projekten aufsetzen sollte, anstatt das Ziel zu verfolgen, neue Leuchttürme zu schaffen. Das Ziel muss sein, die Aspekte Bildung, Kultur und Stadtentwicklung in der Bewerbung zu verknüpfen. Von aktuellen Bauprojekten, über Pläne im Bildungsbereich bis hin zur kulturellen Szene. All das muss unter der übergreifenden Klammer "Kulturhauptstadt" zusammenlaufen.

"Andere Prioritäten"
Carmen Emigholz, Kulturstaatsrätin: Wir schätzen Projekte, die die Stadt beleben und plädieren für eine Bewerbung als „City of Literature“, weil wir hier die Literaturszene der Stadt stärken können. Dies überfordert unsere wirtschaftlichen ­Möglichkeiten nicht, denn in den Jahren nach der Sanierung muss die finanzielle Stärkung der Kultureinrichtungen und der freien Akteure Priorität haben. Wir sind gehalten, nach großen Anstrengungen das Engagement der letzten Jahre nachhaltig zu würdigen und auch der jungen Szene Möglichkeiten zu bieten. Über diese und weitere Ideen diskutieren wir in unseren Perspektivgesprächen. 
 
"Zu wenig Freiheiten"
Claas Rohmeyer, CDU: Für eine Bewerbung spricht im Moment nichts – heute gibt es im Gegensatz zu damals keine Aufbruchstimmung in der Kulturszene, keine Wirtschaft und Kammern die diese befördern würden oder gar ein Kulturressort, das mutig voranschreiten würde. Heute befinden sich viele Kultureinrichtungen in einem Kampf um Ressourcen, mit denen kulturfachliche Arbeit überhaupt erst möglich werden kann. Für einen neuen Anlauf braucht es mehr als nur den Wunsch nach einer Bewerbung; es bedarf einer Kulturszene, die finanziell und personell die Freiheiten hat, diese auch auszugestalten.
"Richtig anpacken"
Ulf-Brün Drechsel, FDP: Eine erneute Bewerbung ist zu befürworten und sollte im Pflichtenheft der jeweils verantwortlich Regierenden stehen. Sie ist für einen ehrgeizigen Stadtstaat immer mehr eine Chance als ein Risiko, allerdings nur, wenn man effizient und zielorientiert vorgeht und so ein Projekt nicht halbherzig abarbeitet. Die Bewerbungsphase selbst ist schon ein verpflichtendes, aber auch bereinigendes Fitnessprogramm, und die Jahre der Vorbereitung im Erfolgsfalle können ein enorm dynamischer Identitäts- und Image prägender Prozess sein. Fazit: Machen – aber richtig anpacken!
 
"Kein Selbstläufer"
Nima Pirooznia, Die Grünen: Ich begrüße eine erneute Bewerbung, da Bremen über genug Potenzial verfügt. So eine Entscheidung muss aber mit der Kulturszene gemeinsam getroffen und von Politik und Verwaltung unterstützt werden. Eine Bewerbung würde Chancen für die Kulturszene mit sich bringen und Bremen als Kulturstadt in Europa bekannter machen. Der erste Versuch hat aber gelehrt, dass das Ganze nachhaltig aufgezogen werden muss und kein Selbstläufer ist.
 
 
Fotostrecke: Bewerbung zur Kulturhauptstadt: Stimmen aus der Bremer Politik

Wie könnte so eine Verknüpfung konkret aussehen?

Bremen ist zum Beispiel Vorreiter beim Thema Inklusion. Dass wir da besondere Leuchttürme haben, kommt nach außen zu wenig rüber, weil viel über das allgemeine Bildungsniveau diskutiert wird. Es gibt in der Behörde die Idee, den Ausbau von Ganztagsschulen zu forcieren, auch die Schulstandortplanung ist stark in der Entwicklung. Wenn wir uns den Bereich kulturelle Bildungsvermittlung angucken, sieht man, wie viele Verknüpfungen bereits bestehen. Bremen hat mit der Kooperation der deutschen Kammerphilharmonie mit der GSO ein preisgekröntes Projekt. Auch die Musikwerkstatt der Philharmoniker ist beispielgebend, weil breitflächig Schulen in einen Austausch über klassische Musik kommen.

Gehören Bildungsthemen denn überhaupt in die Bewerbung zur Kulturhauptstadt?

Die Juroren nehmen da mittlerweile eine sehr ganzheitliche Betrachtung der Kulturhauptstadtbewerbungen vor und wünschen sich Verknüpfungen, die die Gesamtgesellschaft betreffen – immer unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, das heißt, dass nicht nur kurzfristige Projekte zur Tourismussteigerung im Fokus stehen, sondern, dass sich eine Stadtgesellschaft auf den Weg macht, sich gesamtgesellschaftlich weiterzuentwickeln. 

Allzu viel Zeit bis zur Bewerbungsfrist bleibt trotzdem nicht.

Es passt zeitlich dennoch. Ich würde die Bewerbung auch unter einem Gesichtspunkt der hanseatischen Bescheidenheit sehen. Damals gab es ein sehr marketingorientiertes Konzept und viele Ideen der längerfristigen Entwicklung. Heute sind wir auf einem anderen Stand. Ich denke, es könnte ein Überraschungsmoment darstellen, zu zeigen, wie toll Bremen sich in den letzten Jahren entwickelt hat, anstatt darauf zu setzen, neue Leuchttürme zu finanzieren.

Sie sind mit Ihrer Idee bereits an die Bremer Politik herangetreten. Wie soll es weitergehen? Stellen Sie sich hin und sagen: Ich nehm das Ganze in die Hand, wir machen das?

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Genau. Ich bin durchaus bereit mein ehrenamtliches Engagement zu investieren und würde mich freuen, wenn es weitere Menschen aus der Stadtgesellschaft gäbe, die das Projekt mit unterstützen und sich dafür begeistern können. Ich will das Ganze aus der Stadtgesellschaft für die Stadtgesellschaft entwickeln und dann auch in die politischen Prozesse einbringen. Es ist aber ganz klar ein überparteilicher Ansatz, den ich verfolge, um eine möglichst breite Schar von Menschen für die Idee zu begeistern.

Die Kulturbehörde würde Bremen lieber als „City of Literature“ ins Rennen schicken. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ich finde es toll, dass in der Kulturbehörde solche Ideen entwickelt werden. Bremen ist ja mit der Zukunftskommission gerade dabei, Perspektiven bis 2035 zu entwickeln. Ich finde, auch verschiedene Ideen wie die "City of Literature" und eben die Kulturhauptstadtbewerbung passen durchaus zueinander. Aus meiner Sicht würde die eine Bewerbung die andere überhaupt nicht ausschließen.

Damals wurde extra ein großes Planungsbüro für die Bewerbung eingerichtet, das natürlich auch einiges an Geld gekostet hat. Bräuchten wir das alles wieder?

Genau das glaube ich eben nicht. Wir haben viele Konzepte die bereits in Gang sind. Diese müssen wie gesagt nur verknüpft werden und dafür ist kein großes Budget notwendig.

Das bedeutet aber ja nicht, dass die Sache ganz ohne Geld funktionieren würde.

Natürlich nicht. Aber es handelt sich dabei um Mittel, die wir sowieso ausgeben müssen. Viele Prozesse finden bereits statt. Was es braucht, ist eine gemeinsame Vision, Kulturhauptstadt 2025 zu werden.

Frei nach dem Motto: Wenn alle mit anpacken, geht das auch ohne Geld?

Genau. Jeder ist eingeladen, sich mit guten Ideen einzubringen. Ich bin gerne bereit, mit jedem kreativ darüber nachzudenken, wie wir mit möglichst geringem Kostenaufwand eine knackige, schöne Bewerbung abgeben können. Das entscheidende ist, dem Prozess jetzt mal eine Struktur zu geben. Zuallererst liegt mir daran, die Debatte um eine Bewerbung anzustoßen, Begeisterung zu wecken und gemeinsam mit den Bremern und Bremerinnen voranzuschreiten.

Was genau würde es der Stadt denn bringen Kulturhauptstadt zu sein?

Bremen könnte sich mit dem Titel zum einen bei der EU bedanken, denn die Schlachte ist mit Mitteln der Europäischen Union entstanden. Den Europahafen würde es ohne die Unterstützung europäischer Regionalfördermittel nicht geben und wenn wir in die Stadtteile gucken, haben wir auch viele Projekte, die mit EU-Mitteln gefördert werden. Eine Bewerbung wäre die Geste eines Dankeschöns, nach dem Motto: Wir zeigen euch, was wir mit diesen Geldern gemacht haben. Zum anderen erreichen wir eine überregionale Ausstrahlung und können unseren Gästen Vorzeigeprojekte einer inklusiven, innovativen und nachhaltigen Stadtentwicklung präsentieren.

Die Fragen stellte Alexandra Knief

Zur Person

Patrick Strauß (42)

ist Kommunikationsberater im Bereich strategische Markenentwicklung. Außerdem ist der gebürtige Bremer Mitglied der SPD. Eine Debatte zum Thema Kulturhauptstadt möchte er aber überparteilich als engagierter Bürger anregen.


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