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Leda liegt leidend am Strand

Hendrik Werner 11.02.2019 0 Kommentare

Oh, wie schön ist Kalabrien. Dort urlaubt Ferrantes Romanheldin Leda. 
Oh, wie schön ist Kalabrien. Dort urlaubt Ferrantes Romanheldin Leda.  (Sönke Möhl)

Ein Jahr nach dem Erscheinen des Abschlussbandes ihrer gefeierten Tetralogie gibt es Lektürenachschub von Elena Ferrante. Das Phantom der italienischen Literaturszene hatte ein internationales Publikum mit der neapolitanischen Saga um die Freundinnen Elena (genannt Lenù) und Raffaela (genannt Lila oder Lina) betört, sogenannte Investigativjournalisten hingegen verstört, weil es sich der Auflösung des Rätsels um die Autorschaft konsequent verweigerte. Recht so. Denn trotz der Enthüllungshysterie einer auf Fingerabdrücke fixierten Zeichenpolizei ist es für das Verständnis ihrer autobiografisch unterfütterten Prosa „Meine geniale Freundin“ wie auch für weitere Titel belanglos, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt.

Das gilt auch für jene beiden Familiengeschichten, die wegen des großen Erfolges in dichter Folge eine Neuauflage erfahren haben. Zunächst erschien im Herbst des vergangenen Jahres „Lästige Liebe“, ein an pathologische Potenziale rührendes Psychodrama um eine heillos schuldbesetzte Mutter-Tochter-Beziehung. Am Montag nun ist „Frau im Dunkeln“ ausgeliefert worden, trotz der zeitlichen Nähe der Veröffentlichung zum Valentinstag mitnichten ein Hohelied auf die Liebe, sondern wiederum ein beklemmendes Umkreisen familiären Unheils. Erstmals erschien „La figlia oscura“ in der Übersetzung von Anja Nattefort bereits vor zwölf Jahren in deutscher Sprache. Kaum verkauft, selten besprochen.

Leda lautet der mythologisch einschlägig aufgeladene Name der Protagonistin, die auf ihren 50. Geburtstag zusteuert und darob chronisch in Bilanz-Laune zu sein scheint. Zeit dafür hat sie. Leda ist geschieden, ihre beiden erwachensen Töchter leben in Kanada beim Vater, ihr Englisch-Lehrdeputat an der Uni Florenz ist überschaubar. In einem kalabrischen Badeort verlebt sie zwischen Liege und Literatur heiße Sommerwochen mit Reflexionen über eigene Vergänglichkeit und fremdes Begehren: „Dann wurde mir klar, dass die unanständigen Blicke an mir abglitten, um an meinen Töchtern zu verweilen, ich war beunruhigt und zugleich froh, und am Ende sagte ich mir in ironischer Melancholie: Die Zeiten sind wohl vorbei.“  

Dass Vergangenheit nicht vergeht, erfährt Leda, als sich ihre Schaulust am Strand auf eine Familie heftet, die Reminiszenzen weckt. Als Leda deren jüngster Tochter in einer jähen Eingebung die geliebte Puppe klaut, ist absehbar, dass die wichtigsten Arbeiten an ihrer Lebensbilanz noch unerledigt sind. Zur Beschreibung komplexer Seelenlagen wendet Ferrante einmal mehr eine äußerst schmucklose Prosa auf, die gerade deshalb aufzuwühlen vermag.

Weitere Informationen

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln. A. d. Ital. v. Anja Nattefort. Suhrkamp, Berlin. 188 Seiten, 22 €.


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