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Günter Grass und Bremen
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Literaturnobelpreisträger mit Pfeife und App

Hendrik Werner 26.09.2017 0 Kommentare

Günter Grass
„Hommage an Günter Grass“ hat die Bremer Künstlerin Marietta Armena dieses Bild genannt. Es ist jener Fotografie nachempfunden, die am 10. Mai 2015 bei der Trauerfeier für den Dichter in Lübeck aufgestellt worden war. (Marietta Armena, Marietta Armena / fr)

Bremen. Günter Grass (1927-2015) hatte viele Gesichter und weite Betätigungsfelder: Messdiener, Wehrmachtsfreiwilliger, Kunststudent, Karnevalswagendekorateur, gewitzter Grafiker und Werbetexter, empfindsamer Lyriker, rigoroser Romancier, filigraner Maler, stupender Steinmetz, polternder Politikanalytiker. Diesem wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller deutscher Sprache widmet die Bremische Bürgerschaft vom 29. September bis 10. November unter dem Leitwort „Günter Grass – grafisch / poetisch / politisch“ eine Ausstellung mit mehr als 100 Exponaten. Äußerer Anlass dieser wohlwollenden Retrospektive im Haus der Bürgerschaft ist der 90. Geburtstag des Danziger Dichters am 16. Oktober.

Es ist zugleich sinnig und tröstlich, dass Bremen auch an anderen Fronten Nachlasspflege und Nachruhmhege in Sachen Nobelpreisträger (1999) betreibt: Bis in das Jahr 1955 reichen jene Dokumente zurück, die das Medienarchiv der Günter-Grass-Stiftung Bremen in einer verdienstvollen Forschungsstelle an der Jacobs University in Bremen-Grohn bewahrt. Als Stiftungsvorstand traf Bürgerschaftspräsident Christian Weber wiederholt auf diese Jahrhundertfigur, die als Wahlkampfhelfer von Willy Brandt eine neue Form des Engagements etablierte, indem sie die Trennung von Kunst und Politik strikt ablehnte.

Das schnurrbärtige Gewissen der Nation, das nach seiner Waffen-SS-Konfession (2006) seinerseits zum Zweifelsfall wurde und mit dem israelkritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2012) selbst treue Fans irritierte, ist mannigfach mit Bremen verbandelt. Dabei darf die Gründung der Grass-Stiftung im Jahr 2001 als später Akt der Wiedergutmachung interpretiert werden, genauer: als verdruckste Entschuldigung für die Verkennung des Romanciers und jenes Werks, das seinen Ruhm begründete. Grass war 1960 für „Die Blechtrommel“ der Bremer Literaturpreis zuerkannt worden. Doch der Bremer Senat verweigerte seine damals noch nötige Zustimmung – aus zweifelhaften Gründen, die mehr mit Moralinsäure als mit Argumenten zu tun hatten. So wurde der Vorschlag der Jury abgelehnt, den Dichter für den 1959 erschienenen Auftaktband der „Danziger Trilogie“ zu ehren, wegen „der literarischen Beschreibung (...) von Ekel und Sexualität, Tod und Blasphemie“ abgelehnt. Mit der fatalen Folge, dass in den Jahren 1960 und 1961 kein Bremer Literaturpreis vergeben wurde – und die Stadt für ihre Ignoranz erst Jahrzehnte später Abbitte leistete, indem sie neben der Stiftung deren Albatros-Preis ins Leben rief, mit dem alle zwei Jahre engagierte Literatur in Grass' Sinne ausgezeichnet wird.

Ästhetisch reizvoll

Drei Schwerpunkte setzt die Schau, die an diesem Donnerstagabend mit einer Rede des Publizisten Johano Strasser unter dem Titel „Günter Grass – Ein deutscher Sisyphos“ eröffnet wird und zu der sich auch Grass' Witwe Ute angekündigt hat, laut Bürgerschaftssprecher Horst Monsees: Zum einen zeigt sie Trouvaillen, die Grass' wechselvolle Beziehung zur Gruppe 47 verdeutlichen, einer wirkungsmächtigen Schriftstellervereinigung, zum anderen Dokumente, die sein Wirken für die politische Vierteljahreszeitschrift „L 76“ zeigen. In den entsprechenden Beiträgen geht es vor allem um Grass' Verhältnis zum demokratischen Sozialismus und sein rhetorisches Talent als Wahlkämpfer. Weltanschaulich ergiebig und ästhetisch besonders reizvoll ist die dritte Abteilung der Ausstellung, die Leihgaben der Lübecker Günter-und-Ute-Grass-Stiftung versammelt. Darunter sind Aquarelle zum umstrittenen Wenderoman „Ein weites Feld“ (1995), Radierungen aus „Hundejahre“ (1963), dem Abschlussband der „Danziger Trilogie“ – und weitere Kunstwerke, die von der immensen Wandelbarkeit und Stilsicherheit des Multitalents zeugen.

Neben diesen drei klassischen Ausstellungssegmenten verheißt Horst Monsees ein zeitgemäßes Extra: eine an einem Lübecker Universitätsinstitut entwickelte App, die Nutzern sogar Artefakte erläutert, die gar nicht vor Ort sind. Darunter: die bekannte Butt-Skulptur des begnadeten Bildhauers, die gleichfalls in Lübeck ansässig ist.


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