Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Frei.Wild treten in Bremer ÖVB-Arena auf
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Pogo-Abend für völkisch Fortgeschrittene

Hendrik Werner 14.04.2018 8 Kommentare

Früher Fan der Zillertaler Schürzenjäger, Zimmerer, Skin und Kopf der Rechtsrock-Band Kaiserjäger: Frei.Wild-Sänger Fips Burger.
Früher Fan der Zillertaler Schürzenjäger, Zimmerer, Skin und Kopf der Rechtsrock-Band Kaiserjäger: Frei.Wild-Sänger Fips Burger. (Dustin Weiss)

Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Die blonde Verkäuferin beim "Brez'n Bäcker" hat geflochtene Zöpfe. Aber in der ÖVB-Arena gibt es auch rustikales Bier und fesche Bratwurst (oder war es andersrum?). Ein Bursche trägt auf der sozusagen rückwärts gewandten Seite seines Shirts die subversiv gemeinte "Frei.Wild"-Parole "Wir bleiben das Gegengift" zur Schau. Der Merchandising-Stand ist dicht umlagert, während in der Halle bereits eine der beiden Vorgruppen lärmt. An den Pissoirs der Herrentoilette skandiert ein ausgelassenes Rudel junger Männer "Hinsetzen, hinsetzen!". Der Bierabsatz ist ähnlich treibend wie zuletzt bei den Toten Hosen.

Die zweite Vorgruppe, Goitzsche Front aus dem sachsen-anhaltinischen Bitterfeld, kokettiert nicht nur namentlich mit Deutschrocktum und Oi-Musik. Mit ihrem Album "Deines Glückes Schmied", erschienen im Frühjahr, stürmte der Trupp die Chartsspitze. Dem Habitus des Sängers Bocki, der so martialisch brüllt, dass es zulasten des Textverständnisses geht, ist anzumerken, dass hier ein Fan der Böhsen Onkelz lauthals Sendungsbewusstsein demonstriert. Die Mehrheit des Publikums in der bestens besetzten Arena rekrutiert sich aus Männern. Die meisten von ihnen tragen schwarze Frei.Wild-Shirts. Auch eine beachtliche Anzahl von gepflegten Herren mit Skin-Insignien ist zu sehen. Zur zusehends steigenden Betriebstemperatur in der ÖVB-Kampfstätte passen einschlägige Polo-Shirts.

Markiges Selbstverständnis

Gegen 21 Uhr wird die Bühne von Displays flankiert, deren Mahnungen sich keiner linken Gegendemonstration verdanken. "Achtung", steht darauf geschrieben, "es werden Stroboskop- und pyrotechnische Effekte während dem Konzert verwendet und es besteht eine hohe Lärmbelastung". Rührende Warnung, wenn auch in bedenklicher Orthografie und Interpunktion. Wohl ein Hinweis darauf, dass die reschen Burschen, derer die Halle harrt, aus dem schönen Südtirol stammen, wo man des Deutschen womöglich weniger mächtig ist als in, sagen wir mal, Wolfratshausen. Gleichwohl lässt sich der Rat zur Ohrstöpselnutzung im infernalisch lauten Rund hören, das ab dem umjubelten Beginn des Auftritts gleißendes, blendendes Licht illuminiert.

Mehr zum Thema
Demo gegen Konzert: Umstrittener Auftritt von Frei.Wild in Bremen
Demo gegen Konzert
Umstrittener Auftritt von Frei.Wild in Bremen

Gegen ein Konzert der umstrittenen Band Frei.Wild am Freitag in Bremen haben rund 200 Menschen ...

 mehr »

Los geht es bei sattem Sound mit "Rivalen und Rebellen", Titellied des jüngsten Albums. Ein markiges Selbstverständnismanifest: "Die Evolution hat nach uns verlangt/Wollte keine Speichellecker/Sie wollte Rock 'n' Roll Vollstrecker/Die Evolution/Und so wir kämpften uns nach vorn." Sänger Philipp "Fips" Burger, zwei Gitarristen und ein Drummer starten druckvoll. Musikalisch erinnert die Band, deren Namen Virilität ebenso eingeschrieben ist wie die notorische Opferrolle, mal an die Onkelz, mal an Extrabreit oder – in besseren Passagen – an Rammstein. Die Grenzen zwischen Oi-Punk und Kraftklub, Neuer Deutscher Härte und einem Volksrock'n'Roller auf Speed sind schmal. Burgers kräftige Stimme liegt songabhängig zwischen Campino und Der Graf, Santiano und Joachim Witt. Der Mann bölkt und spöttelt, wettert und raunt, dass es eine rechte Art hat. Zum frühen Höhepunkt des strammen Programms gerät "Yeah Yeah Yeah", eine pathosdralle Hymne für gekränkte Zukurzgekommene. 

Die Menge quittiert das rhetorische Ringen der "Grauzonenband" (Kai Wargalla, Grüne) um Heimat und Kameradschaft mit frenetischem Jubel. In einer Halle, deren Träger Bremen ist. Bald pogen vor der Bühne die ersten Männerbündchen, derweil hinten einige Südtirol-Flaggen mit rotem Adler durch den Saal gleiten. Aber auch auf leisere, ja empfindsame Töne versteht sich die Feiergemeinde: Zu "Herz schlägt Herz", einem überraschend melodischen Erbauungslied, das auch von Pur stammen könnte, sich weltanschaulich indes bei Carl Schmitts zackigem Konzept des inneren Feindes bedient, hissen die Fans erleuchtete Handys und analoge Feuerzeuge. 

Völkisch fortgeschritten

Danach ist wieder Paarungszeit für kernige Kerle, die sich mit barem Oberkörper durch die Halle stoßen. Verhohlene Homosexualität ist – übrigens! – ein großes Thema in der historischen Psychoanalyse martialischer Männerbünde (vgl. Klaus Theweleit: "Männerphantasien", 1977). Leider fordert das Rudelrummsen bald erste Versehrte: Bei "Allein nach vorn", einem Song, der Holz auf Stolz reimt und die aus Hetze und Verkennung gewobene Opfer-Hagiographie der Band verdichtet, ist ein Mann trotz tätowierter Heldenbrust gestrauchelt und hat sich den Fuß verknackst. Gestützt von seiner Freundin humpelt er hinaus.

Gesprungen wird selbstredend auch bei dem programmatischen Song "Antiwillkommen", einem weiteren Höhepunkt dieses Pogo-Abends für völkisch Fortgeschrittene: "Sind und bleiben unangenehm/Hart an der Grenze und unbequem", skandieren entfesselte Fans mit Burger im Chor. Aber immer schön auf die Bierlachen achten. Sonst kann das böse enden. So wie der Durchmarsch extremer Milieus – ob es sich dabei nun um Musiker oder Politiker handelt – in den Mainstream zwischen Echo-Verleihung und Parlament.

(Dieser Artikel wurde am 15. April um 11.34 Uhr aktualisiert.) 


Party- und Freizeit-Bilder

Hier sind die Ermittler
Die große Vorschau: Das bringt die neue "Tatort"-Saison
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 16 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Nebel.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %