Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Kurt-Hübner-Preis
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Rampensau aus Leidenschaft

Iris Hetscher 26.06.2019 0 Kommentare

Simon Zigah vorm Kleinen Haus des Theaters Bremen.
Simon Zigah vorm Kleinen Haus des Theaters Bremen. (Christina Kuhaupt)

Kaum sitzt man mit Simon Zigah gemütlich vorm Kleinen Haus des Theaters Bremen in der Sonne, kommt auch schon jemand vorbei und fällt ihm um den Hals. „Mensch, Simon, Glückwunsch“. Und Simon Zigah strahlt, wie er es oft tut, und freut sich unbändig. Der 36-Jährige ist der diesjährige Kurt-Hübner-Preisträger. Mit dieser Auszeichnung, die mit 5000 Euro dotiert ist, ehren die Bremer Theaterfreunde künstlerisch herausragende Leistungen.

Davon hat Zigah eine ganze Menge im Angebot, er kann sich unfassbar glaubwürdig in seine Charaktere hineindenken und -fühlen, kann singen, tanzen, moderieren. In der zu Ende gehenden Saison war er zu sehen in „Bang Bang“, in „Der gute Mensch von Sezuan“, „Dickie Dick Dickens“, „Huckleberry Finn“, „Die Ratten“, „Love you, Dragonfly“, „Lulu – ein Rock-Vaudeville“. Immer mit viel Präsenz und überzeugend sogar in Inszenierungen, die ansonsten als misslungen gelten können. Kürzlich erst wieder: Seine Version einer singenden, tanzenden und lässig an der Bar herumlungernden Perserkatze in „Shirin und Leif“ schwirrt auch dann noch im Kopf herum, wenn man kaum mehr weiß, wie das Stück heißt.

Mehr zum Thema
Theater Bremen: Hübner-Preis an Simon Zigah
Theater Bremen
Hübner-Preis an Simon Zigah

Der Kurt-Hübner-Preis der Bremer Theaterfreunde wird dieses Jahr dem Schauspieler Simon Zigah ...

 mehr »

Vor 26 Jahren wäre so etwas für Zigah noch unvorstellbar gewesen. Er sei daher „überrascht und geschockt oder umgekehrt“ gewesen, als Intendant Michael Börgerding ihm am Telefon von der Ehrung erzählte. „Ich musste an den zehnjährigen Simon denken, der als Kind im Theater sitzt, ehrfürchtig auf die Bühne guckt und sich fragt, ob er auch stattfinden darf.“ Denn die, die da oben agieren, sind alle weiß. Zigah ist schwarz, er stammt aus einer Familie, deren Wurzeln in Ghana liegen. „Ich war mir nicht sicher, ob das Theater Themen verhandelt, die mich auch angehen“, erinnert er sich.

Kann es, tut es. Das stellte Zigah zunächst nicht im Schauspiel, sondern in der Oper fest. Sein älterer Bruder nimmt ihn mit zu einer Aufführung von Puccinis „Madama Butterfly“. Keine zarte, weiße Cio-Cio-San kommt da als Geisha auf die Bühne, so wie Simon Zigah das erwartet. Sondern: „Eine große, schwarze Frau“. Geht doch, denkt er sich von da an, lässt das Theater nicht mehr los und umgekehrt. Bis zum Abitur, auf das die Eltern bestehen, sammelt er erste Erfahrungen an einer Theaterschule für Jugendliche, dann folgt die Schauspielschule. Mit 17 Jahren steht er auf der Bühne des Thalia-Theaters, wechselt ans Landestheater Tübingen, entscheidet sich, lieber frei zu arbeiten. „Ich hatte dieses Bild im Kopf von beamtenähnlichen Zuständen im Stadttheater, da sah ich mich nicht“, sagt er.

Simon Zigah kommt viel rum. Renaissance-Theater Berlin, Staatstheater Nürnberg, Landesbühne Hannover, Vereinigte Bühnen Krefeld Mönchengladbach, Landestheater Tübingen, Théatre des Capucine Luxembourg. Von 2006 bis 2009 ist er Mitglied des Ensembles der Bad Hersfelder Festspiele, einen Preis heimst er dort ein für seine Darstellung des Polyphem in Torsten Fischers „Odyssee“. Er wechselt ans Schauspiel Frankfurt. Doch es passt nicht, so derart nicht, dass er krank wird. Simon Zigah trifft eine Entscheidung: „Ich arbeite nur noch dort, wo ich mich wohlfühle“. Da ruft Rebecca Hohmann vom Moks an.

Mehr zum Thema
Schauspiel, Oper und Tanz: Theater Bremen mit abwechslungsreicher Spielzeit 2019/2020
Schauspiel, Oper und Tanz
Theater Bremen mit abwechslungsreicher Spielzeit 2019/2020

Im Musiktheater geht es Ende September mit dem „Rosenkavalier“ los, das Schauspiel startet mit ...

 mehr »

Zigah war schon mal am Moks für eine Produktion engagiert, nun will sie ihn für eine weitere. Oder für zwei. Oder drei. Oder ob er sich vorstellen könnte, Ensemblemitglied zu werden? Er überlegt. Vom Schauspiel Frankfurt ans Bremer Jugendtheater zu wechseln, ist nicht unbedingt ein logischer Karriereschritt. Aber in solchen Kategorien denkt Zigah nicht. Ausschlagggebend ist für ihn: „Es fühlte sich richtig an.“

Das war vor zehn Jahren. Drei Jahre lang wirbelt er im Moks, dann wechselt er ins Schauspielensemble, „weil man da noch mal anders erzählen kann“. Eine seiner ersten Rollen ist ein kraftvoller Woyzeck, davon sprechen sie heute noch am Haus. Mittlerweile ist Simon Zigah so etwas wie ein alter Hase, doch wenn er von seiner Passion fürs Schauspielen erzählt, wird seine Stimme ganz weich. „Ich kann alles sein, kann ausprobieren, wie sich unterschiedliche Charaktere anfühlen und damit die Leute erreichen“. Das ist wichtig für ihn; da sein, wirken, „manchmal ist das Kollegen vielleicht auch zu viel“. Er ist eben keiner für den Hintergrund. Eine Rampensau? „Natürlich, auf jeden Fall“. Zigah nickt einmal, dann ein weiteres Mal.

Die Geschichte einer Freundschaft

Mit dieser Direktheit und Leidenschaft mischt sich Simon Zigah zudem immer ein, wenn es um das Thema Rassismus geht: „Ich bin ein sehr politischer Mensch.“ Er erarbeitet mit flinnworks das dokumentarische Musiktheater „Kosa la Vita“ über den Völkermord in Ruanda. Als er erfährt, dass „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain als Familienstück ins Programm soll, ist ihm zunächst unwohl. Kurzerhand klinkt er sich ein, schafft es, dass die Rolle des Schwarzen Jim so gleichberechtigt angelegt wird, „dass alle Kinder mitgenommen werden“. Das Stück erzählt nun die Geschichte einer Freundschaft.

Das sei „harte Arbeit“ gewesen, sagt er, man spürt, wie sehr ihn das mitgenommen und wie lange ihn das beschäftigt hat. Diese Erfahrung habe dazu geführt, dass es am Theater seither Workshops unter dem Motto „Rassismus kritisch denken“ gebe, ergänzt er. Simon Zigah ist eben auch ein großer Sensibilisierer. „Kunststück, ich bin ja selbst Betroffener und zwar jeden Tag“, kommentiert er. Raushalten sollen sich doch andere.

Weitere Informationen

Verleihung des Kurt-Hübner-Preises, Montag, 1. Juli, 20 Uhr, Kleines Haus des Theaters Bremen. Der Eintritt ist frei.


Party- und Freizeit-Bilder

Hier sind die Ermittler
Die große Vorschau: Das bringt die neue "Tatort"-Saison
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %