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Sexismus in der Literaturkritik

Hendrik Werner 12.08.2019 0 Kommentare

Martin Walser verfasse erotische Werke, in denen er den Verlust seiner jugendlichen Libido betrauere, schreibt Sibylle Berg.
Martin Walser verfasse erotische Werke, in denen er den Verlust seiner jugendlichen Libido betrauere, schreibt Sibylle Berg. (FELIX KÄSTLE)

Als die Wochenzeitung „Die Zeit“ vor einem Jahr einen Bildungskanon veröffentlichte, der mehrheitlich Werke europäischer Männer berücksichtigte, ließ die aus Unmut und Esprit gewobene Antwort nicht lange auf sich warten: Binnen weniger Tage erarbeiteten zehn Frauen – darunter die Autorinnen Sibylle Berg, Simone Meier und Margarete Stokowski sowie die Historikerin Hedwig Richter – einen Gegenentwurf, den sie absichtsvoll plakativ #DieKanon nannten und auf den Nachrichtenplattformen Spiegel online und Watson.ch veröffentlichten. Mit der Nennung von 148 Frauen konterten sie den von „Zeit“-Redakteur Thomas Kerstan lancierten Kanon, der unter 100 Nominierten sage und schreibe 91 Männer auflistet.

Der weibliche Gegenvorschlag zu dem von Männern dominierten Kanon reicht von der Computerpionierin Ada Lovelace über die Verhaltensforscherin Jane Goodall bis zum Aktivistinnenkollektiv Pussy Riot. Selbst für bewegte Frauen hält er Überraschungen bereit. So äußerte die am Gegen-Ranking beteiligte Filmemacherin Theresia Reinhold in einem Interview ihr Erstaunen darüber, dass in Gestalt der US-Werkzeugmacherin Tabitha Babbitt eine Frau als Erfinderin der Kreissäge gehandelt wird.

Erweiterung des Bildungsbegriffes

Dabei geht es Theresa Reinhold zufolge weniger darum, dem ohnedies problematischen Kanon-Konzept zu einem neuen Aufschwung zu verhelfen, als vielmehr um eine Erweiterung des Bildungsbegriffs: #DieKanon ziele darauf, „die Neugier von Menschen wieder aufzuwecken und zu sagen: Schaut euch das einfach an, scrollt euch durch, lernt was Neues – mit dem Ziel, einfach das Weltbild zu erweitern.“

„Wenn alte System versagen, ist es an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren“, schreibt Sibylle Berg im Vorwort zum weiblich grundierten Kanon. Den bezeichnet das Findungskomitee zwar als notgedrungen unvollständig und subjektiv, wertet ihn aber zugleich als bedeutsamen Ordnungs- und Orientierungsfaktor im Rang einer Sozialutopie: „Neue Namen mit Ideen und der Kompetenz, die vielleicht etwas zu einem freundlicheren Miteinander in der Welt beitragen können. Oder die auch einfach nur für mindestens die Hälfte der Bevölkerung etwas mehr Relevanz haben.“

Blick auf weibliche Schöpfungen

Dass die durch die anhängige #MeToo-Debatte beförderte Kanon-Initiative mehr sein soll als bloß ein punktueller Aufschrei gegen männliche Kulturgeschichtsschreibung, sondern einen dauerhaft erweiterten Blick auf weibliche Schöpfungen etablieren will, ist schon daran ablesbar, dass der Bewegung in sozialen Netzwerken wie Twitter beständig mehr Unterstützerinnen und für #DieKanon nominierte Kulturschaffende zuwachsen – Ende Januar waren es bereits 678.

Dieses Engagement dürfte Ermunterung, ja Ermutigung für ein weiteres Projekt gewesen sein, das derzeit eine bemerkenswerte Beteiligung beim Microblogging-Dienst Twitter erfährt: eine Kampagne unter dem Hashtag „dichterdran“, die Sexismus in der Literaturkritik aufzudecken versucht. Mitinitiatorin ist die Schweizer Schriftstellerin Simone Meier, die auch an der Begründung des weiblichen Kulturkanons beteiligt war. Ihre These: Die überwiegend männlichen Literaturkritiker schreiben grundsätzlich anders über Schriftstellerinnen als über Schriftsteller. Dies insofern, als im Zentrum von Buchkritiken und Porträts, die Autorinnen gelten, oft äußerliche Charakteristika der Literaturproduzentin mehr Raum einnehmen als die Auseinandersetzung mit deren Schaffen.

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Als aktueller Aufhänger für ihre Entrüstung dient Meier eine Anfang August erschienene Rezension im Schweizer „Tagesanzeiger“: Literatur-Redaktor Martin Ebel hatte „Gespräche mit Freunden“, das Romandebüt der Irin Sally Rooney, zwar wohlwollend gewürdigt („der literarische Hype des Sommers“), die 27-Jährige Urheberin zudem aber mit der Beschreibung bedacht, sie sehe aus „wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“. Mit der Schweizer Germanistik-Doktorandin Nadia Brügger und der Regisseurin Güzin Kar konzipierte Simone Meier als Antwort auf diese sexistische Aufwallung #dichterdran. 

Die beteiligten Frauen setzen sich gegen ihre Beschränkung auf literaturferne Attribute und Aspekte polemisch-ironisch zur Wehr, indem sie ihrerseits männliche Schriftsteller auf bloße Äußerlichkeiten reduzieren, um für das Thema zu sensibilisieren. Ein Beispiel Simone Meiers gilt dem Literaturnobelpreisträger des Jahres 1929: „Während die beeindruckende Katja Mann erfolgreich die Fabriken ihres Vaters leitete, kümmerte sich Gatte Thomas liebevoll um die Kinder, daneben schrieb er Bücher.“

Überfällige Debatte 

Meier hat selbst einschlägige Erfahrungen mit verknappten, ja entstellten Lesarten ihres Werkes gemacht: Teile der Kritik, gibt sie zu Protokoll, hätten ihren 2017 veröffentlichten Roman „Fleisch“ reduziert als eine Auseinandersetzung mit den Wechseljahren gelesen, die ein Mann womöglich präziser hätte formulieren können.

Tatsächlich ist Sexismus im deutschsprachigen Raum literatursalonfähig. Sibylle Berg über Martin Walser: „walser, der heute als erfinder der statement-braue bekannt ist, verfasste nach der geburt seiner fünf Kinder erotische Werke, in denen er vornehmlich den Verlust seiner jugendlichen libido betrauerte und mit denen er dem einfachen mann seiner generation eine stimme gab.“

Eine nachhaltige Debatte über Sexismus in der Literaturkritik ist hierzulande überfällig. Ein Auslöser dafür hätte die 67. Folge des ZDF-Kulturformats „Das literarische Quartett“ am 2. Juni 2000 sein können. Damals stritten die Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler über Haruki Murakamis just auf Deutsch veröffentlichten Roman „Gefährliche Geliebte“. Darin heißt es: „Ich wollte sie bis zur Hirnerweichung vögeln.“ Löffler schmähte das Buch als „Männerfantasie“, Reich-Ranicki warf ihr vor, jedes „hocherotische Buch“ brüsk abzulehnen. Löffler kündigte daraufhin die Mitwirkung an der Sendung auf. Zwar rauschte es ob ihres Abgangs noch eine Weile in den Feuilletons. Eine gesellschaftliche Diskussion, die diesen Namen verdient hätte, fand aber nicht statt. 

Das soll nun besser werden. Mit Twitter-Preziosen wie dieser: „Daniel Kehlmanns fantasievolle Romane entführen in entlegenste Psychen. Kaum zu glauben, dass der süße Schmollmund seit einigen Jahren von einer Dozentur zur nächsten gereicht wird.“


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