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„Tel Aviv on Fire“ zeigt den Nahost-Konflikt als Soap

Iris Hetscher 03.07.2019 0 Kommentare

Stelldichein am Schießstand: Manal (Lubna Azabal) und General Yehuda (Yousef Sweid) in der fiktiven Soap
Stelldichein am Schießstand: Manal (Lubna Azabal) und General Yehuda (Yousef Sweid) in der fiktiven Soap "Tel Aviv on Fire". (MFA/dpa)

Bremen. Tel Aviv im Juni 1967. Im Leben der palästinensischen Widerstandskämpferin Manal gibt es zwei Männer. Marwan, ebenfalls schwer engagiert gegen die israelische Besatzungsmacht, ist ihr Geliebter. Dann ist da noch der israelische General Yehuda Edelman, dem sie die Pläne für das entlocken soll, was später als Sechs-Tage-Krieg in die Geschichte eingeht. Manal gibt sich als französische Immigrantin aus und bezirzt den General mit süßem Gebäck. Doch, und das war nicht vorgesehen, sie entwickelt tatsächlich Gefühle für ihn.

Die Händel zwischen Manal, Marwan und Yehuda verfolgen 50 Jahre später jeden Abend Tausende Palästinenser im West-Jordanland. Aber auch mindestens genauso viele Israelis hängen vor ihren Fernsehgeräten, um zu erfahren, wie es weitergeht. Die schnulzige Soap „Tel Aviv on Fire“ schlägt ziemlich anti-zionistische Töne an, doch was soll's, „da geht es um Romantik und du redest wieder nur von Politik“. Sagt die Frau des israelischen Offiziers Assi (Yanif Biton), der an der Grenze zum Westjordanland Dienst schiebt. Und der per Zufall zum Drehbuchautor von „Tel Aviv on Fire“ werden soll, gemeinsam mit dem jungen Palästinenser Salam (Kais Nashif), der jeden Tag zu den Dreharbeiten in Ramallah über die Grenze fahren muss. Salam ist eigentlich als Praktikant auf dem Set der Fernsehproduktionsgesellschaft eingestellt.

Vom Kaffeeholer zum Autor

Das klingt verwickelt? Ist es auch. Regisseur Sameh Zoabi, der in einem palästinensischen Dorf in der Nähe von Nazareth aufgewachsen ist, hat seine mit viel absurdem Humor gespickte Komödie über die Dreharbeiten zu der fiktiven Serie ebenfalls „Tel Aviv on Fire“ genannt. Sein Film nimmt Vorurteile der Israelis über die Palästinenser und umgekehrt rotzfrech und mit viel Leichtigkeit aufs Korn. Zu den Filmfestivals in Toronto und Venedig war der Film im vergangenen Jahr eingeladen, vom Jüdischen Filmfestival Wien in diesem Jahr nahm er den Publikumspreis mit.

Die Hauptfigur in „Tel Aviv on Fire“ ist der schon erwähnte Salam, ein Tagträumer, der noch bei seiner Mutter wohnt, und der eher aus Zufall in die Dreharbeiten hineingeraten ist. Sein Onkel ist der Regisseur der Soap, Salam soll die hebräische Aussprache der französischen Hauptdarstellerin der Manal, Tala (Lubna Azabal), korrigieren. Manchmal missfallen ihm die wenig poetischen Dialoge, dann macht er alternative Vorschläge – was Tala, dem Star, sehr gut gefällt, der Drehbuchautorin aber weniger. Sie wirft hin und Salam wird schwuppdiwupp vom Kaffeeholer zum Autor befördert.

Regisseur Sameh Zoabi verfällt dankenswerterweise nicht in das Klischee, Salam als bisher verkanntes Genie zu inszenieren, das nun mit Begeisterung seine Chance nutzt und alle mit seinen brillanten Texten begeistert. Salam bleibt so planlos wie bisher, was Hauptdarsteller Kais Nashif mit der richtigen Dosis wuschelköpfiger Verpeiltheit spielt. 

Da ist es quasi ein Glück, dass er eines Tages in eine Grenzkontrolle gerät und den gelangweilten israelischen Grenzoffizier Assi kennenlernt. Der hat im Gegensatz zu Salam viele, teilweise abstruse Ideen, in welche Richtung sich die Serie entwickeln könnte und greift dem Neu-Autor gegen regelmäßige Lieferungen von „richtig gutem arabischen Hummus“ gerne unter die Arme. Das führt natürlich zu weiteren Verwicklungen, denn Assi möchte, dass General Yehuda viel sympathischer rüberkommt als bisher, er nennt das „realistischer“. Mit einem romantischen Schluss will er zudem seine Gemahlin beeindrucken, da gibt es kein Pardon, und um das durchzusetzen, geht es dann auch mal etwas rabiater zu.

Die Serie verliert nach und nach ihren anti-israelischen Impetus und wird immer erfolgreicher. Doch das schmeckt wiederum dem Regisseur, Salams Onkel Bassam (Nadim Sawalha), nicht. Immerhin hat er damals im Sechs-Tage-Krieg gekämpft und überhaupt nichts übrig für die Israelis. Da kommen ein Happy End oder gar eine zweite Staffel nicht in Frage. Oder doch? Sameh Zoabis Komödie braucht etwas, um in Schwung zu kommen, doch dann laufen die diversen Erzählstränge jeder für sich rund und bewegen sich auf ein durchaus überraschendes Ende zu. Ein großer Pluspunkt sind zudem die  liebevoll gestalteten Charaktere. Keine Seite wird denunziert, alle arbeiten und leben eben irgendwie in einer einzigen großen Soap Opera.

„Tel Aviv on Fire“ ist ein weiterer Beweis für die Quirligkeit der kleinen israelischen Filmszene, die zuletzt im Februar durch die Vergabe des Goldenen Bären der Internationalen Filmfestspiele Berlin an das Migranten-Drama „Synonymes“ von Nadaf Lapid auf sich aufmerksam machte. „Synonymes“ soll voraussichtlich Anfang September in den deutschen Kinos anlaufen.


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