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Shakespeare Company
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Theaterstück "Angela I." ist ohne jegliche Relevanz

Iris Hetscher 01.03.2019 0 Kommentare

Silke Buchholz als Angela Merkel und Markus Seuss als ihr Fahrer inmitten der Klötzchenlandschaft von
Silke Buchholz als Angela Merkel und Markus Seuss als ihr Fahrer inmitten der Klötzchenlandschaft von "Angela I.". (Marianne Menke)

Da steht sie nun, die Ex-Kanzlerin, in den Trümmern einer Bauklötzchenlandschaft, vor einem mit Gläsern bestückten Tisch, an den sich kein Gast setzen will. Angela Merkel versteht das nicht. Sie hat sich für die Demokratie eingesetzt, sie hatte doch einen Plan für Deutschland. Jetzt aber ist sie enttäuscht von den Ostdeutschen, die nie so recht angekommen sind in dem System, und noch mehr von den Westdeutschen, die die Demokratie nicht verteidigen. Denn Demokratie „ist kein Brieffreund“. Da ist er, einer der starken Momente in Katja Hensels Stück „Angela I.“, das am Donnerstag in der Bremer Shakespeare Company seine Uraufführung erlebte. Die Sätze sitzen, und Silke Buchholz als Angela Merkel hat die Chance, ihrer Figur so etwas wie Tiefe verleihen.

Doch diese Momente sind rar. Katja Hensel setzt dem Publikum kein an den klassischen Shakespeare'schen Königsdramen orientiertes Stück vor, sondern hat ein beliebig wirkendes Szenen-Konglomerat entworfen. Als roter Faden dient die These, Angela Merkel habe Deutschland in den Jahren ihrer Regierungszeit – die in der realen Welt ja noch nicht einmal zu Ende ist – zu einem moralisch und auch ansonsten degenerierten, orientierungslos dahindümpelnden Staat gemacht. Die Bürger sind davon so verwirrt, dass sie die omnipräsente Ex-Kanzlerin schließlich zur Monarchin Angela I. krönen. Diesen Faden kann man spinnen, dann aber muss der Text kratzen und beißen, die Szenen müssen mit Esprit aufgeladen sein, und, mit Verlaub, das Ende darf nicht so vorhersehbar sein.

Was soll das eigentlich?

Katja Hensel dagegen jongliert mit vielen sprachlichen und inhaltlichen Ebenen, breitet Klischees und Vorurteile aus, ohne sie zu brechen, und lässt nicht erkennen, was das alles eigentlich soll. Da gibt es naseweise Kinder, die sich mit Selbsterfahrungs- und Gendersprech traktieren und zu plappermäuligen, profillosen Erwachsenen werden (Generation Praktikum!). Eine Truppe von Politikern ist verunsichert, denn Angela Merkel ist verschwunden, das Land führungslos. Ihre Partei ist es auch. Für Wählerstimmen und sowieso die Macht tun Politiker ja alles, da wird nicht nur zynisch und in Phrasen daher geredet, sondern auch mal eine Niere gespendet. Sowieso regiert die Wirtschaft das Land und nicht der Wähler, das weiß man ja, daher wird das gleich mehrfach betont. So etwas ist exemplarisch für Hensels Bemühen, möglichst wohlfeil sein – solche Sentenzen führen im Publikum dann auch wie bestellt zu Lachern.

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Anspielungen auf Shakespeare-Tragödien hat Hensel gleich mehrfach eingebaut, sie gelingen ab und an, wenn ein verzweifelter Politiker (Michael Meyer) sich wie Gloucester in „King Lear“ von einer Klippe stürzen will und tatsächlich Tragik zu spüren ist. Auch die drei Ex-Kanzlergattinnen Hannelore Kohl, Doris Schröder-Köpf und Loki Schmidt als Skat spielende „Macbeth“-Hexen auftreten zu lassen, ist ein netter Einfall. Doch auch diese Szene löst sich wie so viele in peinliches Wortgeplänkel auf. Mal wird das Publikum als „King ihr“ bezeichnet, mal fallen Sätze wie der von der Tischdecke, die da liege wie der westfälische Frieden, und auf der sich „hervorragend reiner Wein einschenken“ lasse. Aua. Merkel taucht wieder auf, dazu wird Wagner gespielt, sie verschwindet, taucht erneut auf, es gibt wieder Wagner. Schließlich wird sie im Fundus des Bundestags verstaut, bevor sie final gekrönt wird.

Mehr Mut nötig

Immer, wenn Hensel ihrer Hauptfigur ein paar Monolog-Minuten zugesteht, ahnt man, was aus diesem Stück hätte werden können. Die Autorin hätte nur den Ehrgeiz haben müssen, mehr als ein Abziehbild auf die Bühne zu bringen. Doch dafür bleibt auch in zweieinhalb Stunden keine Zeit, wenn man sämtliche gesellschaftlichen Trends der vergangenen 16 Jahre durchhecheln will. Oder sich als völlig funktionslose Nebenhandlung das Getändel des Merkel-Chauffeurs (Markus Seuss) mit der Stylistin (Petra-Janina Schultz) leistet, bei dem in Versform (Shakespeare!) gesprochen wird.

Regisseur Stefan Otteni hat diesen Text- und Handlungswust durchaus flott inszeniert, Ayse Gülsüm Özel hat ein kluges Klötzchen-Bühnenbild dazu entworfen. Auch die Schauspieler, allen voran Silke Buchholz, sind engagiert bei der Sache. Das ist allerdings vergebliche Liebesmüh, wenn ein Text so belanglos ist wie „Angela I.“ von Katja Hensel.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 9. und 15. März, 6. und 18. April, jeweils 19.30 Uhr.


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