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Verglühender Star

Hendrik Werner 17.07.2018 0 Kommentare

Bravouröse Leistung: Die Dänin Trine Dyrholm verkörpert die deutsche Sängerin und Schauspielerin Nico auf anrührende Weise.
Bravouröse Leistung: Die Dänin Trine Dyrholm verkörpert die deutsche Sängerin und Schauspielerin Nico auf anrührende Weise. (DPA)

Bremen. Dass die Frau, die sie Nico nennen, ziemlich durch sein muss, legt die Sonnenbrille nahe, die sie ungern absetzt. Es sei denn, sie setzt sich gerade einen Schuss. Heroin, harter Stoff. Heimlich, hastig, in höchster Not geht sie dann vor. Zunächst ist Augenmaß gefragt, dann Augen zu und durch den Rausch. Heroisch sieht das nicht aus, sondern traurig, ja erbärmlich. Und einmal mehr ahnt der an Künstler-Biopics gewöhnte Zuschauer, dass Berühmtheit ein ähnlich scharfes Schwert wie Abschied sein dürfte. Mindestens.

Immerhin mit dem Abschied vom Ruhm kennt sich diese Endvierzigerin, die dem Zuschauer im Jahr 1986 zugeschaltet wird, bestens aus. Christa Päffgen heißt die Frau, die sie bei ihrem Musikerinnen-Alias Nico nennen, mit bürgerlichem Namen. Geboren in Köln, aufgewachsen in Berlin. Früh, sehr früh avanciert sie zur Bewohnerin einer glamourösen Parallelwelt; ihre späteren seriellen Abstürze geraten umso heftiger.

Zunächst reüssiert die hochgewachsene Frau mit dem an Brigitte Bardot gemahnenden Schmollmund als Model in der Modeszene, dann erobert sie auch noch den Kunstfilm. Federico Fellini verpflichtet sie für ihre erste größere Rolle; in „La dolce vita“ (1960) spielt sie sich sozusagen selbst. Da ist sie gerade 20. Mittlerweile hat sich Christa, die nun zwischen Paris und London pendelt, den Rufnamen Nico zugelegt; er ist dem griechischen Regisseur Papatakis abgelauscht, mit dem sie zeitweilig liiert ist. Wie mit anderen Kulturschaffenden auch. Denn Nico hungert nach kreativer Atmosphäre. Nach Anerkennung und Liebe sowieso.

Staunenswerte Stimme    

Nico mag Film, und die Kamera liebt sie. Noch mehr aber steht diese mit einer staunenswerten Stimme gesegnete Frau auf die coolen Jungs der Musikszene: Bob Dylan, Brian Jones, Led Zeppelin. Als sie nach New York zieht, um bei Lee Strasberg Schauspiel zu studieren, macht sie Bekanntschaft mit Andy Warhol, zu dessen kreativem Factory-Kreis sie rasch zählt und in dessen untergründigen Filmen sie bald tragende Rollen spielt. Warhol ist es auch, der das experimentelle Debüt der sendungsbewussten Herren Lou Reed und John Cale produziert, das im März 1967 erscheint. Die Deutsche ist maßgeblich mit von der Partie auf „The Velvet Underground und Nico“. Die Themen der Texte sind heftig. Es geht – unter anderem – um Drogen („Heroin“) und Sadomasochismus („Venus in Furs“). Nico singt auf dem legendären Album (nur echt mit dem Bananen-Cover) nur drei Lieder, die aber eminent kraftvoll. Ansonsten ist es ihr Job, das Tamburin zu schlagen und eine gute Figur zu machen. Das ändert sich mit Beginn ihrer wechselvollen Sololaufbahn, in der sie Genres wie Punk und Gothic prägt, dass es eine Art hat.

All diese zeitgeschichtlichen Themen verhandelt der Film „Nico, 1988“, der an diesem Mittwoch – Christa Päffgens 30. Todestag – im Bremer Programmkino Schauburg anläuft, mehrheitlich als sporadische Andeutung, flüchtiges Zitat, psychedelisch gepimpte Rückschau, flackerndes Doku-Fragment. Diese absichtsvolle Reduktion mag daran liegen, dass Nico in ihrer vergleichsweise kurzen Daseinsspanne weit mehr als nur ein Leben absolviert hat. Und doch fehlt es dem ästhetisch ambitionierten Werk der italienischen Regisseurin Susanna Niccharelli bisweilen an historisch fundierter Vermittlungsarbeit für Nicht-Zeitzeugen. So muss sich der Betrachter selbst erarbeiten, dass Nicos halbwüchsiger Sohn Ari aus einer Liaison mit dem französischen Akteur, Beau und Herzensbrecher Alain Delon stammt (der das Kind freilich nie als seines anerkannte).

Doch das vermeintliche Manko entpuppt sich im Lauf des gelungenen 93-Minüters insofern als lässliche Sünde, als das Charisma der Hauptdarstellerin dramaturgische Defizite spielerisch wettmacht. Die grandiose dänische Schauspielerin Trine Dyrholm, die vor zwei Jahren für ihre Rolle in Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ mit dem Silbernen Bären geehrt wurde, macht sich den Part der blonden Deutschen, die erst cool den Rockzirkus aufmischt und sich später als kaputte Brünette von Krise zu Krise hangelt, ganz und gar zu eigen. Bin ich hässlich?“, fragt Nico, Konsens-Schönheit der 60er-Jahre gegen Ende ihres exzessiven Lebens. „Ja, sehr“, sagt ihr Gegenüber. „Gut“, sagt Nico. „Denn ich war nicht glücklich, als ich schön war.“

Melancholisches Liedgut

Glücklich freilich ist sie auch nicht, als sie 1986 gescheitert, verlebt und desillusioniert durch Kleinstädte tingelt, um Auftritte zu bestreiten, die – je nach Tagesform und Cannabis-Konsum (ansonsten ist sie in ihren letzten beiden Lebensjahren dank eines gelungenen Methadon-Programms clean) – mal an ihre beste Zeit erinnern, mal peinlich berühren. Und doch ist diese Frau, die sie "Priesterin der Finsternis" nennen, sich selbst am nächsten, wenn sie ihr maßlos melancholisches Liedgut intoniert. Überhaupt sind die Bühnenszenen das Herzstück des Films. Trine Dyrholm empfindet in eindrucksvoller Manier jenes Beben nach, das Nico mit tiefer Stimme und schwerem Akzent allen Gesangsdarbietungen auf oft erschütternde Weise unterlegt.

Als Nico im Juli 1988 auf Ibiza den Folgen eines Fahrradunfalls erliegt, ist ihre Bilanz durchwachsen: Ex-Junkie, Ex-Muse, Ex-Künstlerin. Der ihr gewidmete Film betont Brüche ihres Lebens. Das macht ihn zwar nicht gefällig, wohl aber realitätsnah und berührend.

Weitere Informationen

Im Filmkunsttheater Schauburg, Vor dem Steintor 114, läuft "Nico, 1988" erstmals an diesem Mittwoch um 21 Uhr.


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