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Umstrittene Doku
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Verlorene Jugend

Katharina Frohne 10.06.2019 0 Kommentare

Der Dresdner Max
Der Dresdner Max "Adlersson" Herzberg teilt seinen Alltag auf Youtube. 300 000 Menschen wollen das regelmäßig sehen. (Glotzen Off)

Dresdner Hauptbahnhof, Sommer 2017. Vier junge Männer hängen auf dem Vorplatz rum, kippen Bier und Sekt, filmen sich mit ihren Handys. Dann ein Schnitt: WG-Küche, Wettsaufen, Wodka-Energy aus Flaschen. Einer lallt: "Wer gewinnt, ist der König des Abends."

Mit diesen Szenen beginnt die Doku "Lord of the Toys". So weit, so normal. Könnte man meinen. Halbstarke auf Sauftour – das ist nicht schön, aber auch nicht selten. Diese vier aber sind anders, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens haben sie Publikum. Alle vier sind Youtuber, die Handyvideos dieser Nacht werden sie später online stellen, Hunderttausende werden sie trinken, grölen, kotzen sehen. Die meisten Klicks wird, wie immer, Max Herzberg einheimsen. Mehr als 250 000 Menschen haben schon damals, im Juli vor zwei Jahren, seinen Kanal abonniert; heute sind es mehr als 310 000. Herzberg, der sich Adlersson nennt, ist der Anführer der Truppe, derjenige, den zwölfjährige Jungs auf der Straße um ein Selfie bitten, derjenige, in dessen Zimmer sich Fanpost stapelt.

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Zweitens tun diese vier Dinge, die nichts mehr zu tun haben mit bloß peinlichem Suffgehabe. Kurz nach der Wodka-Szene sprüht Herzberg einem Kumpel Deo ins Gesicht, ruft: "Jetzt vergas ich dich!" In Gesprächen reißen seine Freunde und er menschenverachtende Sprüche, sagen "Sieg heil", beschimpfen einander als "Jude". Auf dem Oktoberfest in München provoziert die Gruppe eine Schlägerei mit ein paar "Fidschis". Herzberg, mal wieder randvoll, brüllt: "We are Nazis and we are proud!" Wir sind Nazis und stolz drauf. Dann fliegen Fäuste, die Kamera dreht ab.

Ist Herzberg ein Nazi? Ist das, was er da so ungefiltert in die Kamera blökt, pseudoironischer Slang oder Ausdruck rechtsextremer Ideologie? Auch das interessierte die Macher der Doku, die an diesem Dienstag im Cinema Ostertor anläuft. Einen Sommer lang, von Juli bis Oktober, haben Pablo Ben Yakov und André Krummel den Youtuber mit der Kamera begleitet. Vor allem aber wollten sie herausfinden, warum das alles. Warum filmen diese Typen alles, was sie tun? Und warum interessiert es andere, wie irgendwelche Dresdner Jungs Pfeffi trinken, Bockwürste im Wasserkocher zubereiten oder grölend durch die Straßen ziehen?

Überrascht waren Ben Yakov und Krummel davon, wie nah Herzberg und die anderen die Filmemacher an sich heranließen. "Sie haben nie gesagt, das dürft ihr jetzt nicht filmen, nicht mal in den aus unserer Perspektive peinlichsten Momenten", sagt Ben Yakov. "Wahrscheinlich", spekuliert er, "weil es für sie total normal ist, dass immer Kameras da sind. Sonst sind es die Kameras ihrer Smartphones, jetzt war es eben zusätzlich unsere."

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Herausgekommen sind anderthalb Stunden Dauereskalation. Herzberg, damals 21 Jahre alt und hauptberuflich Influencer, und seine Kumpels lungern rum, trinken Alkohol, verwüsten WG-Zimmer, sagen sehr oft "verfickt", trinken noch mehr. Als Zuschauer ist man immer dabei – und oft unerträglich nah dran. Viele Szenen sind schwer mit anzusehen, stoßen ab, machen ratlos. Wohl auch, weil der Film das Gezeigte nicht kommentiert. Es gibt keine Stimme aus dem Off, keine Interviews mit den Protagonisten, keinerlei verbale Einordnung.

Genau das sorgte im Oktober 2018 für Proteste. Als "Lord of the Toys" beim Leipziger Dok-Filmfestival Premiere feierte, gab es Buhrufe. Eine Zuschauerin fragte die Macher, warum man Typen wie Herzberg eine Bühne biete. Ähnlich der Tenor in den Wochen danach: Der Film verbreite unkritisch homophobe, rassistische, rechtsextreme Parolen, sei Werbung, mindestens aber gequirlter Unsinn, dem man keine unnötige Aufmerksamkeit verschaffen sollte.

Ben Yakov sieht das anders: "Ich glaube, dass das Publikum sehr wohl in der Lage ist, sich selbst eine Meinung zu bilden." Die Bilder seien entlarvend genug, würden automatisch eine Haltung hervorrufen. Außerdem sei es falsch, dass die Doku die Protagonisten völlig neutral zeige. "Natürlich kommentiert der Film – nur nicht mit Worten", sagt er. Es ist subtile Kritik, die Krummel und er gestreut haben: durch Kameraführung, Schnitt, Musik, Sounddesign. In einer Szene prahlt einer von Herzbergs Freunden damit, einen anderen verprügelt zu haben, die Doku zeigt ihn im Profil, schwenkt nach rechts, zoomt auf eine Postkarte an der Zimmertür. Darauf der Spruch: "Mama, ich vermisse dich."

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Er habe die vielen Widersprüche im Leben dieser Jungs zeigen wollen, sagt Ben Yakov. Widersprüche, die auch explizite Kommentare nicht hätten auflösen können. In Herzbergs Zimmer hängen Hakenkreuze neben Antifa-Aufklebern, Herzberg beschimpft einen Kumpel als "Schwuchtel", knutscht später zugedröhnt mit einem anderen. Auf seinem Youtube-Kanal rezensiert er in sogenannten Unboxing-Videos Produkte, die ihm von den Herstellern zugeschickt wurden, darunter Klappmesser, Musikalben und "die limitierte Ross-Antony-Fanbox".

Wie ernst nimmt Ben Yakov die Naziwitze? "Ich glaube nicht, dass da wirklich eine politische Überzeugung hintersteckt", sagt er. Er habe den Eindruck, die Jungen wollten aufregen, auf sich aufmerksam machen. Um jeden Preis. "Rechte Sprüche zu klopfen ist das simpelste Mittel, um so richtig zu provozieren." Beinahe klingt Ben Yakov besorgt, wenn er über die Clique um Herzberg spricht. Vielleicht, sagt er, weil die Jungs einen verlorenen Eindruck auf ihn gemacht hätten, süchtig nach Klicks, nach virtueller Anerkennung. Nach Zuwendung, die das Leben offline nicht biete. Nicht umsonst heißt die Doku "Lord of the Toys", eine Anspielung auf den Roman "Lord of the Flies" von 1954. In der Erzählung des Briten William Golding verschlägt es eine Gruppe Kinder auf eine Südseeinsel. Das Flugzeug, in dem sie vor einem Atomkrieg fliehen wollten, musste notlanden; alle Erwachsenen sind tot, die Sechs- bis Zwölfjährigen auf sich allein gestellt.

Krummel und Ben Yakov ist ein Film gelungen, der niemanden kaltlassen wird. Der Fragen aufwirft, die längst nicht nur Herzberg betreffen. Was heißt es, wenn Jugendliche keine Hemmungen haben, ihr Innerstes vor Hunderttausenden nach außen zu kehren? Wenn NS-Jargon zur Jugendsprache wird, die rechte Szene Orientierungslosen Zugehörigkeit verspricht? "Lord of the Toys" konfrontiert mit der Dringlichkeit dieser Fragen, katapultiert den Zuschauer in eine Welt, die sonst fremd bliebe, deren Dynamiken sich höchstens erahnen lassen.

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Goldings Roman "Lord of the Flies" endet im Übrigen so: Die vermeintlich unschuldigen Kinder laufen Amok, bringen einander um. Auf der Insel ohne Grenzen und Gesetze toben Chaos und Gewalt.

Weitere Informationen

"Lord of the Toys" (ab 16 J.) läuft an diesem Dienstag um 18.30 Uhr im Cinema im Ostertor. Pablo Ben Yakov und André Krummel sind anwesend und stehen für Fragen zur Verfügung. Weitere Termine: 12.06., 19 Uhr; 14.06., 17.15 Uhr; 16.06., 14.15 Uhr; 18.06., 19 Uhr.


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