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Virtual-Reality-Angebote getestet
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"Virtueller Schatz" im Auswandererhaus Bremerhaven

Alexandra Knief 08.10.2019 0 Kommentare

Mithilfe einer Virtual-Reality-Brille konnten Besucher des deutschen Auswandererhauses mehrere Monate lang in die Gedankenwelt des Kriegsgefangenen August Schlicht eintauchen.
Mithilfe einer Virtual-Reality-Brille konnten Besucher des deutschen Auswandererhauses mehrere Monate lang in die Gedankenwelt des Kriegsgefangenen August Schlicht eintauchen. (Manuel Krane)

Vergangenen Sommer starteten Sie im Deutschen Auswandererhaus das Experiment „Kriegsgefangen. Ohnmacht. Sehnsucht“, in dem Sie Virtual Reality (VR) und analoge Vermittlungsangebote nebeneinander stellten. Wie wurde das Projekt von den Teilnehmern aufgenommen?

Simone Eick: Sehr begeistert. Wir hatten über 700 Studienteilnehmer. Es war sowohl Jung als auch Alt vertreten, tendenziell aber natürlich eher museumsaffine Besucher. Die Leute waren am Ende selbst neugierig, was bei der Studie herauskommt.

Vier Fragen standen im Mittelpunkt der Studie. Unter anderem sollte getestet werden, wie sich VR im Vergleich zur herkömmlichen Darstellung von Objekten im Museum auf die Emotionen der Besucher auswirkt. Was ist das Ergebnis?

Wir haben zwei Sachen herausgefunden. Die eine ist, dass die Museumsbesucher das Erlebnis, im Museum zu sein, durch Virtual Reality als besser und spannender empfinden. Das zweite Ergebnis zeigt allerdings, dass die Originale etwas schaffen, das VR nicht schafft: Sie erzeugen mehr Empathie als das virtuelle Angebot. Die Besucher sollten zum Beispiel nach dem Experiment ankreuzen, was eine Haarlocke in ihnen ausgelöst hat, die August Schlicht von seiner Tochter dabei hatte, als er in Kriegsgefangenschaft war. Die originale Locke im Schaukasten hat größere Emotionen ausgelöst als die digitale Reproduktion in der VR-Anwendung.

Eine andere Forschungsfrage war der Lerneffekt beim Einsatz von VR-Elementen. Zu welchen Ergebnissen kommt die Studie? Kann die Technik hier wenigstens mehr?

Nein, kann sie nicht. Wir haben digital und analog die gleichen Inhalte präsentiert und den Teilnehmern sowohl direkt nach der Teilnahme als auch ein paar Wochen später telefonisch Fragen gestellt. Dabei zeigte sich, dass Inhalte, die über die Originale vermittelt wurden, besser in Erinnerung geblieben sind.

Simone Eick, Direktorin des deutschen Auswandererhauses.
Simone Eick, Direktorin des deutschen Auswandererhauses. (Ilka Seer)

Woran liegt das? Lenkt die neue Technik die Menschen einfach noch zu sehr von den Inhalten ab?

Diese Frage würden wir sehr gern tiefergehend untersuchen. Bisher konnten wir ja nur erste Tendenzen erkennen. In unserem Experiment ging es um Emotionen und Empathie für andere Menschen. Was wir aber nicht abgefragt haben, ist, wie es sich eigentlich mit abstrakten Inhalten – Statistiken oder Gesetzestexten – verhält, die ja beim Thema Migration auch eine große Rolle spielen. Vielleicht ist da die Technik im Vorteil, wenn es um die Vermittlung geht.

Es gibt allerdings noch weitere Ergebnisse, die gegen den verstärkten Einsatz neuer Technologien sprechen. Bei der Frage, warum sie ins Museum gehen, war die zweithäufigste Antwort der Befragten, dass Sie Originale sehen wollen. Also doch so weitermachen wie bisher?

Die Kernkompetenz des Museums sind die Originale, aber unsere Besucher sind zum Glück nicht alle gleich. Es gibt einige, die nicht so gerne lesen, die lieber sehen. Es gibt andere, die besonders viel mitnehmen, wenn sie sich viel im Raum bewegen können. Und es gibt wieder andere, die vor allem das Erlebnis suchen, Spaß haben wollen. Genau deshalb sollten wir die Bandbreite groß aufstellen, ohne unsere Kernkompetenz zu vergessen.

Spielt das Alter der Museumsbesucher eine Rolle bei der Bewertung der neuen Technologien?

Nein, und das fand ich persönlich besonders erfreulich. Es spielte überhaupt keine Rolle, wie alt die Studienteilnehmer waren. Durch alle Altersstufen hindurch fanden die Probanden das Erleben von VR spannend. Das stellen wir aber bei uns im Deutschen Auswandererhaus sowieso immer wieder fest: Wenn die Technologien einfach und unkompliziert anzuwenden sind, ist das Alter egal. Diese Erkenntnis gibt uns auch für zukünftige Planungen ganz viel mit.

Bisher überwiegen aber – vom Spaßfaktor mal abgesehen – die Vorteile der analogen Darbietungsformen. VR muss doch noch weitere Mehrwerte haben?

Wir hatten zwei Arten von VR angeboten. Bei der einen konnten die Besucher interaktiv eingreifen, bei der anderen nicht. Das Ergebnis: Die Besucher möchten interaktiv teilhaben. Partizipation im Museum ist ja aktuell ein viel besprochenes Thema. Hier bietet Virtual Reality durchaus interessante Möglichkeiten.

Für das Experiment wurde im Rahmen von „museum4punkt0“ Geld zur Verfügung gestellt. VR-Angebote kosten aber viel und brauchen Personal, das sie betreut. Ist das im normalen Museumsalltag ohne gesonderte Förderung überhaupt umsetzbar?

Wenn man die Technik noch ein bisschen weiter denkt und sie sich in einem normalen Dauerausstellungsrundgang vorstellt, wo ja auch immer Mitarbeiter rumlaufen und schauen, ob alles in Ordnung ist, ist VR schon etwas, das man einsetzen kann. Nicht vorstellen könnte ich mir aktuell allerdings Führungen mit größeren Gruppen, in denen dann alle gleichzeitig VR-Brillen aufhaben. Aber es ist ein gutes Zusatzangebot für jede Ausstellung.

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Das Projekt „museum4punkt0“ läuft noch bis 2020. Wie wird es danach im Auswandererhaus weitergehen?

Wie auch die anderen Projektpartner sind wir gerade dabei, alle laufenden Projekte zu Ende zu bringen. Zu konkreten Plänen für die Zeit nach dem Projekt kann ich zum aktuellen Zeitpunkt leider noch nichts sagen. Da stehen noch Entscheidungen aus. So oder so stehen am Ende des Projekts alle Ergebnisse allen Museen zur Verfügung. In den vergangenen Jahren ist so ein unglaublich wertvoller Schatz entstanden.

Sind die Erkenntnisse auch für Museen interessant, die ganz anders funktionieren als das Auswandererhaus?

In dem Verbund waren sehr unterschiedliche Museen, zum Beispiel das Senckenberg-Museum für Naturkunde Görlitz, das Humboldt-Forum in Berlin oder das Deutsche Museum in München, ein Technikmuseum. Für jeden Museumstyp gibt es ganz verschiedene Potenziale und Möglichkeiten.

Fassen wir noch einmal zusammen: Neue Technologien sind schön und gut, können Originale im kulturhistorischen Museum aber nicht ersetzen?

Definitiv! Wirklich erfreulich ist, dass das, was der Philosoph Walter Benjamin gesagt hat, zutrifft: Die Aura des Originals ist unverzichtbar, um ein Gefühl für Geschichte zu bekommen. Virtuelle Realitäten werden dies nie komplett ersetzen können.

Das Gespräch führte Alexandra Knief. 

Zur Person

Simone Eick ist Historikerin und Migrationsforscherin. Seit 2006 ist sie Direktorin des Deutschen Auswandererhauses in Bremer­haven, das vergangenes Jahr ein Experiment zum Einsatz von Virtual Reality im Museum gestartet hat.

Zur Sache

Das Verbundprojekt „museum4punkt0“

Im Mai 2017 startete das bundesweite Projekt „museum4punkt0 – Digitale Strategien für das Museum der Zukunft“, das von Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien bis 2020 mit 15 Millionen Euro gefördert wird. Ziel des Projekts ist es, digitale Angebote zu entwickeln, die es ermöglichen, mit den Museumsbesuchern in Austausch zu treten. Das können Angebote sein, die den Museumsbesuch erweitern, ihn zu einem neuen Erlebnis machen und neue Zielgruppen ansprechen. Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven ist eine von sieben Kulturinstitutionen verschiedener Sparten und Größen, die an dem Projekt beteiligt sind. Die Institutionen erarbeiten neue Formate, die das (digitale) Lernen, Entdecken und Partizipieren im Museum unterstützen sollen und testen diese mit Hilfe der Besucher. Die Erkenntnisse sollen anschließend auch anderen Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Außer anderen, kleineren Teilprojekten stellte das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven in seinem Ausstellungs-Experiment „Kriegsgefangen. Ohnmacht. Sehnsucht. 1914-1921“ virtuelle und analoge Vermittlungsangebote nebeneinander und befragte anschließend die Besucher zu ihren Erfahrungen. Ziel war es zu erforschen, ob Virtual-Reality-Angebote dabei helfen können, historische und emotionale Aspekte von Migration zu vermitteln. Oder ob sich herkömmliche Methoden wie Hörstationen oder das Ausstellen originaler Anschauungsobjekte besser eignen. Konkret lernte der Besucher bei dem Projekt die Hamburger Familie Schlicht kennen, deren Geschichte mithilfe Virtueller Realität (VR) sowie anhand realer Fotografien und von Besitztümern erzählt wurde. August Schlicht geriet kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft. Es vergingen fast sieben Jahre, bevor er wieder nach Hause reisen durfte. Was bedeutete es für Schlicht, so lange von seiner Familie getrennt zu sein? Dieser und anderen Fragen ging die Ausstellung auf den Grund und erzählte von einem Lebensabschnitt voller Ohnmacht und Sehnsucht.

Neben dem Deutschen Auswandererhaus sind noch die Stiftung Humboldt-Forum im Berliner Schloss, die Staatlichen Museen Berlin, das Deutsche Museum in München, die Fastnachtsmuseen Langenstein und Bad Dürrheim sowie das Senckenberg-Museum für Naturkunde Görlitz an dem Verbundprojekt beteiligt. „museum4punkt0“ läuft noch bis April 2020.


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