Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Inszenierung von Alize Zandwijk
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Vögel“ am Theater Bremen

Iris Hetscher 06.10.2019 0 Kommentare

Wahida (Deniz Orta) lauscht Etgar (Martin Baum), Eitans Großvater, der von seiner Ankunft auf dem überfüllten Tel Aviver Flughafen berichtet.  
Wahida (Deniz Orta) lauscht Etgar (Martin Baum), Eitans Großvater, der von seiner Ankunft auf dem überfüllten Tel Aviver Flughafen berichtet.   (joerg landsberg)

„Seit zwei Jahren liebe ich eine Frau, und diese Frau heißt Wahida“. Diesen einfachen Satz spricht der 20-jährige Eitan am Festtagstisch seiner Familie aus. Ein schöner Satz eigentlich. Ein junger Mann hat in New York seine erste große Liebe getroffen, sein Gefühl wird erwidert, nun könnte man gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Der Genforscher Eitan ist Jude, die Islamwissenschaftlerin Wahida stammt aus einer arabischen Familie. Sein Bekenntnis zu ihr wird zum Sprengsatz: Alles, was bisher war und auf das sich alle verlassen haben, ist infrage gestellt.

Wajdi Mouawads Drama „Vögel“ (Tous des oiseaux) erlebte vor eineinhalb Jahren in Paris seine Uraufführung. Von den ursprünglich vier Stunden sind in der Fassung, die am Theater Bremen zu sehen ist (Übersetzung: Uli Menke, Dramaturgie: Viktorie Knotkova), zwei Stunden und zwanzig Minuten geblieben, die ohne Pause gespielt werden. Das ist richtig so, denn das Publikum erlebt einen ungeheuer intensiven und auf den Punkt getakteten Theaterabend, ein Paradebeispiel für die große Könnerschaft, die Regisseurin Alize Zandwijk und das überragend agierende Ensemble auszeichnet. 

Ein gut gehütetes Geheimnis

Wie also geht es weiter nach Eitans fatalem Satz? Der junge Mann (Emil Borgeest) prallt auf eine betonharte Wand an Ablehnung durch seinen streng-jüdischen Vater David (Guido Gallmann) und – etwas abgeschwächter – seine Mutter Nora (Fania Sorel). Das jüdische Volk habe nach Auschwitz eine „Verantwortung zu überleben“, ereifert sich David; der Naturwissenschaftler Eitan hält dagegen: Traumata und „Leid vererben sich nicht genetisch“. Nur Großvater Etgar (Martin Baum), der den Vernichtungslagern der Nazis entkommen ist, mag sich der Verteufelung Wahidas (Deniz Orta) als personifizierter Todfeindin des jüdischen Volkes nicht anschließen. Aber er scheint etwas zu verschweigen.

Mehr zum Thema
Theater Bremen: Neue Ensemblemitglieder stellen sich vor
Theater Bremen
Neue Ensemblemitglieder stellen sich vor

Das Theater Bremen startet in die Spielzeit 2019/2020 und begrüßt vier neue Ensemblemitglieder. Wir ...

 mehr »

Eitan und Wahida beschließen, nach Israel zu reisen, zu Eitans Großmutter Leah (Verena Reichhardt), um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Doch dann wird Eitan bei einem Attentat schwer verletzt. Die gesamte Familie findet sich ein und ist gezwungen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was lange in allen geschlummert hat: Erschütterte Gewissheiten über die Frage, wer man ist, wer man sein kann, und wie wichtig es ist, woher man kommt. Und welche Rolle die „Vögel des Zufalls, die uns zusammenführen“ eigentlich spielen. Mouawads Text zeugt dabei von geradezu schmerzhaft genauer Reflexion dieser Fragen, die längst nicht nur den Nahost-Konflikt berühren. Nur selten ist ihm etwas zu viel Sentiment hineingerutscht.

Alize Zandwijk und ihr Regieteam haben gar nicht erst versucht, dieses komplexe Spiel um Identität und Herkunft in einem realistischen Kontext anzusiedeln. Die Bühne ist weiß und minimalistisch (verantwortlich: Thomas Rupert). Ein kahler Baum mit schlangenartigen Ästen bestimmt die Szenerie, verborgene Zweige prägen die weiße Wandbespannung. Sophie Klenk-Wulff hat das Ensemble überwiegend in dunkle Kostüme gesteckt. Nur die roten Luftballons als Zeichen der (flüchtigen) Liebe zwischen Wahida und Eitan sind ein Farbfleck in dieser schwarz-weißen Welt. Maartje Teussink sorgt einmal mehr für eine sensible wie nachdrückliche musikalische Untermalung.

Mehr zum Thema
Tag der offenen Tür: Ein toller Tag am Theater Bremen
Tag der offenen Tür
Ein toller Tag am Theater Bremen

Das Theater Bremen fuhr beim Tag der offenen Tür ein opulentes Programm quer durch alle Sparten ...

 mehr »

Erzählt wird die Geschichte sehr filmisch als Montage aus Rückblenden und in der Gegenwart angesiedelten Szenen, unterstützt von poetischen Videoprojektionen (Thomas Rupert, Wim Bechthold). Dreh- und Angelpunkt ist der mit großer Dynamik inszenierte, meist dialogische Schlagabtausch aller Beteiligten. Die enorme Textmenge, die die Schauspieler zu bewältigen haben, wirkt auch deshalb nicht wie ein monolithischer Klotz, weil Zandwijk wie immer sehr körperbetont, manchmal fragmentarisch und tänzerisch spielen lässt. Deniz Orta entwickelt ihre Wahida von der leicht-spöttischen New Yorker Intellektuellen in eine von Zitteranfällen geplagte Frau, die merkt, dass es ihr nicht gutgetan hat, ihre arabischen Wurzeln zu verleugnen.

Und die sich nun neu zu erfinden hofft. Emil Borgeest spielt die zunehmende Verzweiflung an seiner zerfallenden Familie mit ähnlicher, auf eine stillere Ebene verlagerten, großen Präsenz – was für ein Debüt! Geradezu toxisch aufeinander reagieren Martin Baum und Verena Reichhardt als Großelternpaar. Fania Sorel lotet mit viel unterdrückter Wut ihre innerlich zerrissene Nora aus. Und vor Guido Gallmann mit seinen anti-arabischen Hetztiraden kann einem zunächst angst und bange werden. Bis dieser selbstherrliche Mann erfährt, dass er ein palästinensisches Findelkind ist und wortwörtlich an dieser Wahrheit zerbricht.

Am Ende steht Eitan auf einem von Ascheflocken übersäten Trümmerfeld. Von der Liebe ist keine Rede mehr, Trost ist das, was er sucht. Doch den gibt es hier nicht. 

Mehr zum Thema
Schauspiel, Oper und Tanz: Theater Bremen mit abwechslungsreicher Spielzeit 2019/2020
Schauspiel, Oper und Tanz
Theater Bremen mit abwechslungsreicher Spielzeit 2019/2020

Im Musiktheater geht es Ende September mit dem „Rosenkavalier“ los, das Schauspiel startet mit ...

 mehr »

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 10. Oktober, 19.30 Uhr; 31. Oktober, 18 Uhr; 9. November, 13. und 30. November, 19.30 Uhr.


Party- und Freizeit-Bilder

Hier sind die Ermittler
Die große Vorschau: Das bringt die neue "Tatort"-Saison
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 16 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Nebel.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %