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Alligatoah in der ÖVB-Arena
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Völlige Selbstinszenierung

Alexandra Knief 26.01.2019 0 Kommentare

Bringt sein eigenes Hotel mit auf die Bühne: Alligatoah singt und rappt in der ÖVB-Arena ganz in gelb und mir viel Ironie.
Bringt sein eigenes Hotel mit auf die Bühne: Alligatoah singt und rappt in der ÖVB-Arena ganz in gelb und mit viel Ironie. (Christina Kuhaupt)

Auf der Bühne tickt eine riesengroße Bombe. In warnendem Rot läuft ein Countdown herunter. Als er die Null erreicht, verdunkelt sich der Raum und Rapper Dazzle und sein DJ Cratzmeister Calle entern die Bühne. Der Timer startet in diesem Moment erneut, immerhin weiß Dazzle so, wann Schluss für ihn ist und der Hauptact dran ist. Da nutzt es auch nichts, dass er fünf Minuten vor Ablauf der Uhr noch versucht, einen der Drähte durchzuschneiden. Trotz erkennbarer Nervosität gelingt es dem Duo, mit schnellen Raps und geschickt platzierten Housebeats der Menge etwas einzuheizen. Doch die Bombe tickt gnadenlos weiter. Die letzten Sekunden werden runtergezählt, dann ein Knall und das Geräusch von splitterndem Glas.

Konzert mit rotem Faden

Und dann? Licht an, Umbauarbeiten. Da hat man als Zuschauer etwas mehr erwartet, zum Beispiel einen nahtlosen Übergang zum Auftritt von dem Mann, auf den am Freitagabend in der ÖVB-Arena alle gewartet haben: Alligatoah, beziehungsweise Lukas Strobel, wie der in der Nähe von Bremerhaven aufgewachsene Künstler eigentlich heißt. Aber auch er lässt nicht lange auf sich warten, startet mit einem kleinen Medley, vor allem mit Titeln aus seinem 2008 erschienen Album „In Gottes Namen“, konzentriert sich dann den Rest des Abends aber hauptsächlich auf sein Erfolgsalbum „Triebwerke“ von 2013 und seinen neuesten Streich „Schlaftabletten, Rotwein V“.

Fotostrecke: Alligatoah: Die Fotos vom Konzert in Bremen

Doch bei der Show, die Alligatoah und seine Band auf die Bühne bringen, wird die Musik schon fast zur Nebensache: Der Musiker lädt sein Publikum ein, auf einen Abend mit ihm im „Hotel Kalliforniah“. Seinem Lieblingshotel, wie er sagt, denn hier gäbe es „Frühstück ab 18 Uhr“. Das Hotel steht als riesige Kulisse auf der Bühne, ein drehender Bereich in der Mitte ermöglicht, dass das Publikum Einblicke in die unterschiedlichsten Räume erhält – vom Fitnessraum bis zum privaten Hotelzimmer.

Kunstfigur in Gelb

Alligatoah selbst präsentiert sich exzentrisch-theatralisch in einem übergroßen, gelben Frack aus labbrigem Stoff und mit einem Hut, den ein kleiner grüner Plastikvogel ziert. Seine komödiantischen Ansagen und seine Mimik lassen hier und da an Helge Schneider denken. Sein treuer Begleiter, der Backgroundsänger und Bühnenclown Basti, trägt ein farblich passendes Liftboy-Outfit. Die Band spielt in gelben Bademänteln.

Alligatoah ist nicht nur ein Musiker und weitaus mehr als ein herkömmlicher Rapper. Er ist eine Kunstfigur. Die ganze Show wird zu einer Geschichte mit rotem Faden, in die die Songs mit teilweise bewusst schlechten Überleitungen eingebaut werden. Das Lied „Ein Problem mit Alkohol“ wird in der Hotelbar inszeniert, der Song „Lass liegen“ – eine Kritik an der wenig umweltbewussten Wegwerfgesellschaft – spielt bei den Mülltonnen im schmuddeligen Hinterhof des Hotels.

Gesellschaftskritik verpackt in Ironie

Bei „Du bist schön“, einer Kritik an der Oberflächlichkeit vieler Menschen („Du bist schön, aber dafür kannst du nichts. Weder lesen, noch schreiben, noch was anderes.“), wird dem Publikum wortwörtlich der Spiegel vorgehalten. Beim Song „Freie Liebe“ verwandelt sich die Bühnenmitte in ein Hippie-Zimmer mit bunten Tüchern. „Ich hoffe, ihr habt euren Partner im Getümmel dieses Liedes nicht verloren?“, fragt der Musiker nach der Nummer. „Wenn doch, lasst ihn ziehen, er muss seine eigenen Erfahrungen sammeln.“ 

Insgesamt hält Alligatoah sich an diesem Abend eher an seine sanfteren Lieder. Es gibt auf den bisher fünf Studioalben durchaus auch viele Nummern, bei denen er härtere Worte findet. Diese finden allerdings nur am Rande einen Platz. Klug, so viel ist sicher, sind die Texte alle.

Doppelter Applaus

Und so kritisiert Alligatoah fröhlich vor sich hin. Schießt gegen Selbstpräsentation im Internet („Namen machen“), die verbreitete Kultur der Unverbindlichkeit („Beinebrechen“), die Konsumgesellschaft („Wo kann man das kaufen“). In „Meine Hoe“ hält er sogar auf seine Weise ein Plädoyer auf die Gleichberechtigung. Seinen bekanntesten Hit „Willst Du“ und den titelgebenden Song seiner Tour „Wie Zuhause“ hebt Alligatoah sich bis zum Schluss auf.

Alligatoahs Waffen gegen die Probleme der Gesellschaft sind Wortwitz und jede Menge Ironie. Und die Bremer hatten Glück: Am Sonnabend gab er bekannt, dass die Konzerte in Köln und Leipzig aus gesundheitlichen Gründen ausfallen müssen. Schon die vorherigen zwei Shows habe er „am Rande seiner Kräfte und nur unter Medikamenteneinfluss“ spielen können. Davon hat man in Bremen nichts bemerkt. Also doppelter Applaus für einen außergewöhnlichen Konzertabend.


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