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Kommentar zur Meinungsvielfalt
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Warum Demokratie rechte Bücher in Bibliotheken aushalten muss

Iris Hetscher 26.11.2018 15 Kommentare

Zwei der vier besagten Titel werden gut nachgefragt, wie man auf der Website der Bibliothek nachvollziehen kann.
Zwei der vier besagten Titel werden gut nachgefragt, wie man auf der Website der Bibliothek nachvollziehen kann. (Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Die Stadtbibliothek Bremen verfügt nach eigenen Angaben über 550 600 Medien, 2017 besuchten rund 2,5 Millionen Menschen die acht Standorte, ausgeliehen wurden rund 3,3 Millionen Medien. Das zeigt: Die Bibliothek ist das, was man einen Publikumsmagneten nennt. Die schiere Masse an Medien verheißt eine ungeheure Anzahl von Meinungen und Erkenntnissen aller Art, links, rechts, diagonal; fiktionaler und nicht-fiktionaler Art, sachlich, polemisch, satirisch. Die Stadtbibliothek ist ein Hort der Meinungsvielfalt, eine real existierende Anti-Filterblase. Ein an- und aufregender Ort.

Und genau so sollte sie bleiben. Von daher weiß man nicht so genau, ob man lachen oder weinen soll, wenn die Bürgerschaftsfraktion der Grünen die Kulturbehörde um einen Bericht bittet, wie die Bibliothek mit den Publikationen „als rechts eingestufter Verlage“ umgeht. Denn es sind genau vier (!) Veröffentlichungen, die sich in den Beständen finden, wie in der Kulturdeputation nun ausgeführt wurde.

Diese vier, eins davon führt den Titel „Die Destabilisierung Deutschlands“, bleiben auch weiterhin im Regal. Man kann Bibliotheksdirektorin Barbara Lison nicht genug danken für ihre klare Ansage mit Bezug aufs Grundgesetz: „Eine Zensur findet nicht statt“. Auch nicht bei Schriften, die eine vermeintlich abseitige Sicht der Dinge vertreten, auch sie sind von der Meinungsfreiheit gedeckt. Es versteht sich von selbst, das Medien, die offen zu Rassenhass oder Mord an Minderheiten aufrufen, davon ausgenommen sind.

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Zwei der vier besagten Titel werden gut nachgefragt, wie man auf der Website der Bibliothek nachvollziehen kann. Von Verschwörungstheoretikern? Oder von Menschen, die sich über die krude Gedankenwelt ebendieser informieren möchten? Von Hobby-Historikerinnen, die diese Bücher für ein Referat benötigen? Man weiß es nicht, vor allem aber: Es geht niemanden etwas an. Auch die Grünen und andere Berufs-Besorgte nicht, die immer gleich den Satz „wehret den Anfängen“ im Mund führen, wenn es um Publikationen geht, die „rechts“ oder „populistisch“ sind – und diese Vokabeln werden ja immer häufiger, immer schneller, immer lauter als Urteil gesprochen. Genau definiert sind sie schon lange nicht mehr, sie sind in einen schwammartigen Zustand übergegangen.

Also: Sind Bücher von Hamed Abdel Samad, Thilo Sarrazin oder Michel Houellebeq noch genehm? Was ist mit Friedrich Nietzsche? Aber auch: Ist der DVD-Bestand an harten Actionfilmen noch vertretbar? Und warum sollten im Gegenzug nicht auch Publikationen irgendwie linksgerichteter Verlage auf den Prüfstand, und welche würden die Grünen als solche betrachten? Sowieso müssten die Texte von Karl Marx raus aus dem Haus. Der war ja auch ein großer Destabilisierer.

Weniger Anmaßung tut hier dringend not. Denn wer sich derart besorgt gibt darüber, was die Stadtbibliothek anbietet, hält deren Nutzerinnen und Nutzer offenbar für nicht besonders helle – als müssten die 74 000 Bibcard-Besitzerinnen und -Besitzer vorm bösem Wolf geschützt werden. Ein merkwürdiges Menschenbild offenbart sich da, eins, das anderen abspricht, kritisch lesen und denken zu können. Weswegen es besser zu sein scheint, vorzusortieren, was gelesen und gedacht werden soll. Hallo „1984“, guten Morgen, „Fahrenheit 451“ – um mal zwei Lektüretipps unterzubringen, die aufzeigen, wohin die Reise gehen kann, wenn man so etwas konsequent zuende treibt.

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Dabei schärft sich die eigene Sicht auf die Welt besonders effektiv in der Auseinandersetzung mit Positionen, die einem fremd sind. Man beschäftigt sich einmal mehr damit, warum man anderer Meinung ist, festigt seinen Standpunkt, vielleicht revidiert man ja auch etwas. Scheuklappen verhindern das, und anderen Scheuklappen vorschreiben zu wollen, ist mindestens mal herablassend und sowieso in einer sich als pluralistisch verstehenden Demokratie unangebracht. „Alle politische Kleingeisterei besteht im Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist“, wusste schon Ferdinand Lassalle, Urvater der SPD.

Angst haben müsste man daher auch nicht vor mehr als den vier besagten Publikationen. Das gilt nicht nur für Stadtbibliotheken, sondern auch für beide deutsche Buchmessen, bei denen rechte Verlage in dunkle Ecken abgedrängt werden. Das ist peinlich, denn solche Abschottungsaktionen sind geradezu Dünger für Verschwörungstheorien. Wer dagegen ohne Igittigitt-Attitüde mit den Schmuddelkindern umgeht, hat reale Chancen, deren oft fragile Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen. Soviel Zutrauen zur Überzeugunskraft der eigenen Argumente sollte doch wohl drin sein.


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