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Unschuld und Sühne
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Warum die neue Serie "When They See Us" so gut ist

Katharina Frohne 25.06.2019 0 Kommentare

Der 15-jährige Antron McCray (Caleel Harris) wird zu sechs Jahren Haft verurteilt. Für eine Tat, die er nie begangen hat.
Der 15-jährige Antron McCray (Caleel Harris) wird zu sechs Jahren Haft verurteilt. Für eine Tat, die er nie begangen hat. (A. Nishijima/Netflix)

Die Serie „When They See Us“ ist keine 20 Minuten alt, da will man sie schon wieder abschalten. Nicht, weil sie schlecht ist. Im Gegenteil: weil sie so verdammt nah dran ist. Nah dran an einer Katastrophe, die sich so oder sehr ähnlich zugetragen hat; deren in ihrer Ungerechtigkeit unerträgliche Handlung nicht Filmstoff ist, sondern echt.

New York City im April 1989, eine Gruppe junger schwarzer Männer läuft grölend durch die Straßen, zieht in Richtung Central Park. Im Schutz der Bäume rempelt die Horde Radfahrer an, schubst Passanten. „Wilding“ nennen die Polizisten das: „Randalieren im Rudel.“ Die Detectives kennen das Problem, immer wieder gab es Beschwerden, Diebstähle, Überfälle. Sie schwärmen aus, nehmen wahllos Jugendliche fest, verfrachten sie auf die Wache.

Es geht nicht um die Wahrheit

Am späten Abend des gleichen Tages wird der leblose Körper einer weißen Frau im Park gefunden. Die 28-jährige Joggerin wurde brutal zusammengeschlagen und vergewaltigt, ihr Schädel wurde zertrümmert, sie hat viel Blut verloren. Ob sie überlebt, ist zunächst unklar; als sie knapp zwei Wochen später aus dem Koma erwacht, hat ihr Kopf alle Erinnerungen gelöscht.

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die randalierenden Jugendlichen etwas mit dem Angriff zu tun haben. Trotzdem werden sie festgehalten. Für die zuständige Staatsanwältin steht da bereits fest: „Sie waren's; sie alle waren's.“ 48 Stunden werden die 14- bis 16-Jährigen vernommen, allein, ohne Pause, ohne Essen und Trinken. Und sofort ist klar: Diese fünf Jungen haben nicht den Hauch einer Ahnung, was passiert ist; sie wissen von keiner Joggerin, die meisten kennen nicht mal einander.

Die Polizisten interessiert das wenig. Sie suchen nicht nach der Wahrheit, sie suchen einen Schuldigen. Oder mehrere. In Einzelvernehmungen spielen sie die verängstigten Jungen gegeneinander aus, versprechen ihnen, dass sie nach Hause dürfen, wenn sie einen der anderen belasten, erzwingen so detaillierte Geständnisse.

Tiefsitzender Rassismus

Da ist längst klar, was passieren wird: Ihre Aussagen werden den Jungen zum Verhängnis, alle fünf werden schuldig gesprochen, sitzen jahrelang im Gefängnis. Entlastet werden sie erst sehr viel später: 2002 meldet sich der tatsächliche Täter, ein Mörder und Serienvergewaltiger, der damals bereits wegen anderer Verbrechen im Gefängnis sitzt.

Wie konnte es passieren, dass die Teenager verurteilt wurden? Dass weder widersprüchliche Aussagen noch die Beschuldigten entlastende DNA-Spuren die Staatsanwaltschaft daran hinderten, Anklage zu erheben? Die Miniserie geht dieser Frage in vier Folgen nach, und sie gibt eine deutliche Antwort: Die „Central Park Five“, wie die fünf Jugendlichen von der amerikanischen Presse getauft wurden, sind nicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Vor allem sind sie schwarz. Und damit von Beginn an verdächtig.

Es ist dieser tiefsitzende, das amerikanische Justizsystem des 20. Jahrhunderts bis in den letzten Winkel durchdringende Rassismus, auf den bereits der Titel anspielt. „When They See Us“, auf Deutsch: Wenn sie uns sehen. Als die fünf Jungen nach zwei Tagen Dauerbefragung erstmals aufeinander treffen, schockiert vor allem, wie apathisch sie hinnehmen, was ihnen zustößt. „Warum werden wir so behandelt?“, fragt einer. Ein anderer entgegnet: „Wann wurden wir nicht so behandelt?“ Die Jugendlichen wissen, wie die da oben sie wahrnehmen, dass sie nie eine Chance hatten. Dass für sie, nicht einmal vor Gericht, die gleichen Rechte gelten wie für andere.

Brillant gespielt

Den Zuschauer trifft diese Erkenntnis mit voller Wucht. Er sieht ungläubig dabei zu, wie Yusef Salaam, Kevin Richardson, Raymond Santana, Antron McCray und Korey Wise, fünf Jungs, fast noch Kinder, zu Monstern gemacht werden, verzweifelt geradezu, wenn Polizei und Justiz ungebremst an ihrer Version der Wahrheit schrauben.

Dass die Serie dabei so sehr packt, sich oft am Rande des Aushaltbaren bewegt, ist dabei nicht nur der Tatsache geschuldet, dass der gezeigte Irrsinn sich wirklich so zugetragen hat. Vor allem ist es das brillante Spiel der jungen Darsteller, das es unmöglich macht, keine Empathie zu empfinden, nicht verstört zu sein von einer gesellschaftlichen Schieflage, die Leben ruiniert.

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Eine Schieflage, deren Auswirkungen allgegenwärtig sind, die sich unter der aktuellen amerikanischen Regierung eher verstärkt denn ausgleicht. „When They See Us“ macht unmittelbar spürbar, was das für die Betroffenen bedeutet, gibt den Opfern ein Gesicht, zeigt sie in Nahaufnahme.

Für Netflix ist die Produktion schon jetzt ein Erfolg. Mitte Juni gab der Streamingdienst bekannt, dass die Serie seit ihrem Erscheinen am 31. Mai jeden Tag die meistgesehene der Plattform war. Rekord. Zu Recht: „When They See Us“ ist die vielleicht wichtigste, mit Sicherheit aber bewegendste und im besten Sinne empörendste True-Crime-Serie der vergangenen Monate.

Weitere Informationen

When They See Us, eine Staffel, vier Folgen. Anbieter: Netflix.


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