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Sonntagskolumne „Müßiggang“
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Wetterfühligkeit, Nervenbündel, Sparflamme

Hendrik Werner 14.06.2019 0 Kommentare

Ach, wären es doch Gedankenblitze, die begeisternd und beseelend beim Müßiggänger einschlagen! Tatsächlich leidet unser Kolumnist, Chefreporter Hendrik Werner, unter der wechselhaften Witterung in diesem sogenannten Sommer.
Ach, wären es doch Gedankenblitze, die begeisternd und beseelend beim Müßiggänger einschlagen! Tatsächlich leidet unser Kolumnist, Chefreporter Hendrik Werner, unter der wechselhaften Witterung in diesem sogenannten Sommer. (Julian Stratenschulte)

Unlängst gab es in der Bremer Schwankhalle eine Lesung, die der Müßiggänger gern besucht hätte, die er aber wegen Wetterfühligkeit – in Kombination mit Kopfschmerz und Wehleidigkeit – nicht wahrnehmen konnte. Derlei geschieht ihm im sogenannten Sommer öfter, als die Kreislaufpolizei erlauben sollte. Es läuft dann nicht rund bei unserem Mann. Er eiert. Er taumelt. Ihm ist schwummrig. Ihm ist schwindelig. Er schwankt und schaukelt, schlingert und schlenkert. Kurzum: Es ist ein Jammer!

Jahrelang hat der hypochondrisch veranlagte Müßiggänger sein Seelenheil in Beschwichtigungen gesucht. Hat sich eingeredet, der ab 21 Grad Lufttemperatur auf seiner Stirn perlende Schweiß verdanke sich einer zwar argen, aber nicht lebensbedrohlichen Männergrippe. Hat sich weiszumachen versucht, sein fast flächendeckendes Phlegma sei ein Symptom anhebender Wechseljahre. Doch nun muss er sich die Wahrheit eingestehen: Er ist ein Meteoropath. Ein Patrick Bateman des Klimawandels, ein Hannibal Lecter atmosphärischer Druckschwankungen. Die wechselhafte Witterung hat aus ihm einen Halm im Wind gemacht, ein wetterwendisches Wrack, ein notorisches Nervenbündel. Wenn er sich nachts schlaflos in seiner Kemenate wälzt, schießen ihm einschlägige Nietzsche-Textfetzen in den matten Sinn: „Ein sehr ungewöhnliches und unberechenbares Wetter macht die Menschen auch gegeneinander misstrauisch; sie werden neuerungssüchtig, denn sie müssen von ihren Gewohnheiten abweichen.“ („Morgenröte“, 1873)

Müssen sie. Jetzt auf Sparflamme. So lebt er hin, der einst agile Müßiggänger – und verpasst köstliche Kulturveranstaltungen. Besagte Lesung von Lea Sauer und Özlem Özgül Dündar etwa, die eine geschlechterpolitisch korrekte Anthologie namens „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“ herausgegeben haben. Die feministisch bewegten Autorinnen weisen darauf hin, dass das Konzept des Flanierens von einem weißen, heterosexuellen Mitteleuropäer stamme – gemeint ist Walter Benjamin – und dass es Zeit sei, beim urbanen Wandeln weibliche, farbige und queere Perspektiven einzunehmen. Recht so! Findet der Müßiggänger (m, w, div.), dessen emanzipierte, aber schwächelnde Kolumnenkunstfigur sich jetzt dringend wieder hinlegen sollte. „Ist der Juni trocken und heiß, klebt dem Bauern die Hose am Steiß“, sagt meine Oma.


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