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Stadt zahlt Künstler 30.000 Euro
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Wie ein Kunstwerk in Bremen verschwand

Jonas Mielke 13.06.2019 6 Kommentare

Sechs Segmente aus Stahl, etwa fünf Tonnen schwer: Die verschwundene Skulptur von Rolf Nolden im Jahr 1994.
Sechs Segmente aus Stahl, etwa fünf Tonnen schwer: Die verschwundene Skulptur von Rolf Nolden im Jahr 1994. (Helmut Wieben)

Im Spätsommer 2010 parkt Rolf Nolden sein Auto an der Hastedter Heerstraße. Der Künstler aus Münster hat Freunde in Bremen besucht. Auf dem Weg nach Hause will Nolden kurz nach seinem Kunstwerk sehen. Das macht er immer, wenn er in Bremen ist. Seine Skulptur aus Stahl liegt seit 1994 am Deich in der Nähe des Weserwehrs. Da, wo 2010 gebaut wird. Radlader, Kräne, Baucontainer: Das Wasserkraftwerk am Weserwehr steht damals ein Jahr vor der Inbetriebnahme. 

Nolden sucht sein Kunstwerk, aber er findet nur eine Kuhle. Er sucht weiter, vielleicht liegen die sechs flachen Stahlsegmente seiner Arbeit woanders. Doch er findet nichts. Nolden erinnert sich genau an diesen Tag. Sein Kunstwerk ist seitdem nie wieder aufgetaucht.

„Die Parteien gehen davon aus, dass die Segmente des Kunstwerks versehentlich mit dem übrigen Altmetall abgefahren und eingeschmolzen wurden“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landgerichts Bremen. Dort haben der Künstler und die Stadt seit 2017 um die Skulptur gestritten. Am Mittwoch haben sie sich auf einen Vergleich geeinigt: 30.000 Euro zahlt die Stadt dem Künstler für sein verschwundenes Werk.

Reiht sich Rolf Nolden nun in eine ganz besondere Riege von Künstlern ein? Kunst, von der andere dachten: Das kann weg? Die Müllabfuhr hat eine Skulptur des Städel-Absolventen Michael Beutler vom Frankfurter Straßenrand entsorgt. Im Auftrag des Leiters der Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“, so schreibt es „Spiegel Online“. Die Liste ist lang: Die „Fettecke“ von Joseph Beuys hat ein Hausmeister weggewischt, im Londoner Tate-Britain-Museum hat eine Putzfrau ein Objekt von Gustav Metzger in den Müll geworfen.

Nun auch Nolden? Für das Verschwinden könne es auch andere Ursachen geben, schränkt Landgerichtssprecher Gunnar Isenberg ein. Keine Verwechslung von Kunst und Schrott. Sondern zum Beispiel Metalldiebe. Man wisse es einfach nicht. Fünf Tonnen Stahl, die sich nicht mehr wiederfinden lassen. Wie konnte das passieren?

Zurück ins Jahr 2010. Rolf Nolden ist wieder in Münster, er ruft in Bremen an. Die Skulptur sei weg. Die Behörde fragt nach bei der zuständigen Projektleitung des Wasserkraftwerks. Dort heißt es: Alles gut, die Skulptur sei sicher eingelagert. Das sagt Rose Pfister, zuständige Referatsleiterin für den Bereich Kunst im öffentlichen Raum, bildende Kunst und Künstlerförderung. „Wir haben ganz explizit nachgefragt.“

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In Münster ist Nolden zunächst beruhigt, erst 2013 nimmt die Saga wieder an Fahrt auf: Nolden schreibt an den Kultursenator, den damaligen Bürgermeister Jens Böhrnsen. Die Skulptur sei ja ohnehin eingelagert, da könne er die Dauerleihgabe an die Stadt Bremen doch während der Bauarbeiten woanders ausstellen. Die Antwort: kein Problem. Als Nolden sein Kunstwerk abholen will, bittet Rose Pfister eine Kollegin, herauszufinden, wo genau die Arbeit liegt. Laut Pfister findet ihre Kollegin damals heraus, dass die Skulptur entgegen der Absprachen nicht sicher gelagert wurde, sondern nur umzäunt. „Da waren wir natürlich alarmiert“, sagt Pfister.

Der Bremer Behörde wird klar, dass die Skulptur weg ist. Nolden erinnert sich: „Ein tiefsitzender Schock, das ging schon rein.“ Die Mitarbeiter versuchen über Monate herauszufinden, was passiert ist. Es gibt sogar die Idee, das Gelände mit Metalldetektoren abzusuchen. Sie studieren Satellitenaufnahmen von Google. Man habe darauf erkennen können, dass die Skulptur 2010 noch dort war, sagt Pfister. Hat sie Nolden damals nicht gefunden, weil sie schon weg war? War sie noch da, wurde aber woanders hingelegt oder mit Baustellenschrott bedeckt? Niemand weiß es. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf, sie bleiben ohne Ergebnis. Das Verfahren wird eingestellt.

Was ist das Kunstwerk eigentlich wert?

Im August 2017 treffen sich Nolden und die Stadt Bremen vor Gericht. Richter Andreas Helberg hält die Stadt für schadensersatzpflichtig. Nur, was ist das Kunstwerk eigentlich wert? Um diese Frage dreht sich alles am Mittwoch, etwa 25 Jahre, nachdem die Stahlskulptur von einem schweren Kran auf den Deich gehoben wurde.

In Saal 117 des Landgerichts sitzt Nolden, mittlerweile 64 Jahre alt, direkt gegenüber von Richter Helberg. Nolden trägt ein Sakko, seine langen grau-schwarzen Haare hat er zum Zopf gebunden. Der Gutachter verpasst den Termin, sein Zug hat Verspätung. Aber sein Gutachten weise ohnehin gravierende Mängel auf, sagt der Richter. Helberg scheint zu spüren, dass es Nolden auch um seine Wertschätzung als Künstler geht. „Ich habe die Fotos ja gesehen – hätte ich einen großen Garten, hätte ich gesagt: 'Toll, nehme ich gerne'“, sagt der Richter. Stadt und Künstler einigen sich auf 30.000 Euro. Glücklich sieht niemand aus. „Es ist eine zentrale Arbeit in meinem Œuvre“, sagt Nolden. „Das kann man mit Geld gar nicht ersetzen.“


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