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Interview mit Wiebke Ahrndt zur Restitution
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„Wir agieren in den Grauzonen der Geschichte“

Iris Hetscher 21.05.2019 0 Kommentare

Menschliche Überreste der Moriori und Mâori aus dem Bestand des Übersee-Museums wurden 2017 in einer feierlichen Zeremonie an Neuseeland zurückgegeben.
Menschliche Überreste der Moriori und Mâori aus dem Bestand des Übersee-Museums wurden 2017 in einer feierlichen Zeremonie an Neuseeland zurückgegeben. (Carmen Jaspersen /dpa)

Frau Ahrndt, Sie befassen sich seit 2016 federführend für den Deutschen Museumsbund mit der Debatte um die Rückgabe kolonialer Kulturgüter. Die erste Fassung eines Leitfadens ist erschienen, eine zweite folgt in einigen Wochen. An welchem Punkt befindet sich die Debatte?

Wiebke Ahrndt: Derzeit beobachte ich eine starke Fokussierung in der öffentlichen und der politischen Debatte, koloniale Kulturgüter zurückzugeben. Das ist das große Thema. In den Museen, aber auch, wenn wir mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften sprechen, ist Rückgabe ein Thema unter vielen.

Welche Themen sind wichtiger?

In den Herkunftsgesellschaften, also in den Ländern, aus denen die fraglichen Exponate stammen, ist der Wunsch nach einer Kooperation bei Forschung und Ausstellung, nach Transparenz und digitaler Rückgabe, also einer virtuellen Repatriierung, vorherrschend. Das spiegelt sich in der Finanzierung der Ausstattung der deutschen Museen nicht wider; die Herkunftsgesellschaften gehen aber natürlich davon aus, dass wir das Geld dafür aufbringen. Aber auch in der öffentlichen Debatte ist das nicht präsent.

Weil es simpler ist darüber zu reden, dass ein Schädel zurückgegeben werden muss als über die von Ihnen skizzierten komplexeren Zusammenhänge?

Es ist einfacher zu konstatieren, dass ein Unrecht begangen wurde und dann eine klare, nachvollziehbare Lösung zu präsentieren. Das ist erst einmal der schlüssigste Weg, und was die Rückgabe menschlicher Überreste angeht, ist Deutschland vorne mit dabei. Aber die Situation ist komplizierter, das erleben wir im Alltag.

Sie haben von digitaler Rückgabe und Repatriierung gesprochen. Was heißt das?

Wir haben hier im Haus eine sehr alte Sammlung von den Tlingit, Native Americans aus Alaska. Die Tlingit möchten schon seit geraumer Zeit gerne eine analog-digitale Ausstellung mit uns organisieren, außerdem wünschen Sie sich eine 3-D-Digitalisierung unseres Sammlungsbestands. Das wäre eine digitale Repatriierung.

Warum möchten die Tlingit über die Sammlung digital und nicht ganz handfest analog verfügen?

Das Sealaska Heritage Institute der Tlingit experimentiert selbst viel mit Digitalisierung. Bei einem Objekt hat das den Vorteil, dass man vergrößern und jedes Detail untersuchen kann. Das geht nicht, wenn man etwas, das vielleicht auch noch fragil ist, in der Hand hält. Die Idee dahinter ist: Künstler können die Form dieser alten Kunst am besten lernen, wenn sie genaue Repliken herstellen. Gleichzeitig gibt es schamanische Objekte, deren Rückgabe in der Herkunftsgesellschaft umstritten ist; oft möchten gerade die Älteren das überhaupt nicht.

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Warum nicht?

Es gibt die Auffassung, dass die Kraft in den Objekten immer noch da ist und auch töten kann.

Und im Übersee-Museum sind die Objekte quasi sicher aufgehoben?

Genau. Das war übrigens auch der Grund, warum diese Objekte hierher gelangt sind. Man wollte den Schamanismus nicht mehr, hatte gleichzeitig Angst vor seiner Kraft.

Die Europäer sollten quasi selbst sehen, wie sie damit klarkommen.

Sozusagen. Es kann natürlich trotzdem sein, dass es irgendwann eine Rückgabeforderung gibt. Bei uns in Deutschland wird Restitution ambivalent gesehen, in den Herkunftsgesellschaften aber ebenfalls. Da sind die Ansichten auch sehr heterogen, das vergisst man hier oft.

Die Frage ist ja auch immer, an wen gibt man was zurück? An den Staat, an eine Volksgruppe?

Das ist in der Tat sehr kompliziert. Wir müssen immer einen Vertrag mit jemandem schließen, dazu braucht es eine Struktur: Gibt es jemanden, der autorisiert ist zu verhandeln? Bei Staaten ist das natürlich am einfachsten, bei Volksgruppen, Clans oder Familien ist es diffiziler.

Sie haben vor zwei Jahren menschliche Überreste in einer feierlichen Zeremonie zurückgegeben. Gibt es derzeit Rückgabe-Forderungen an das Übersee-Museum?

Abgesehen von menschlichen Überresten, also vor allem Schädeln aus Namibia, bei denen wir noch recherchieren, gibt es keine. Wir haben regelmäßig Anfragen nach unseren Beständen – da geht es um Transparenz. Wir stehen da jedes Mal vor dem Problem, dass wir nur rudimentär Auskunft geben können, weil unsere Bestände nicht adäquat digitalisiert sind. Da müssen Bund, Länder und einzelne Träger den Museen Geld zur Verfügung stellen; bei den Bibliotheken hat das ja auch geklappt. Es braucht dringend eine Digitalisierungsoffensive in den Museen. Wenn man einen Dialog auf Augenhöhe mit anderen Staaten und Kulturen will, ist das der erste Schritt, damit klar ist: Was haben wir eigentlich? Da hängt Deutschland sehr weit zurück.

Diese Transparenz wäre nicht nur für die Herkunftsländer, sondern auch für die Museen von Vorteil, oder? Man weiß, über was gesprochen werden kann.

Rund 80 Prozent der Gegenstände, um die es geht, sind Alltagsgegenstände. Der Rest sind die kulturell sensiblen Sammlungsstücke, um die sich die berechtigte Diskussion dreht. Wir brauchen Klarheit, wie all diese Objekte in die Sammlungen des Museums gelangt sind, sprich: Provenienzforschung. Das fordern auch die Herkunftsgesellschaften von uns. Es geht nicht darum, die Objekte einfach zurückzuschieben und fertig. Dort herrscht der Anspruch, den Prozess so genau wie möglich aufzuarbeiten, wie was nach Deutschland gelangt ist und auch, wo genau es herkommt.

Das klingt nach viel Zeit, die Sie dafür veranschlagen.

Allein das Übersee-Museum hat 1,2 Millionen Objekte, von denen ein erklecklicher Teil aus kolonialen Kontexten stammt. Wir müssen uns also im Klaren darüber sein, dass die Aufarbeitung eine Aufgabe ist, die viele Jahre dauern wird. In den Museen hat das bis vor einigen Jahren eine sehr untergeordnete Rolle gespielt; auch heutige private Sammler können uns entsprechende Fragen oft nur rudimentär beantworten. Wir agieren sehr stark in den Grauzonen der Geschichte. Die Fälle, in denen klar beweisbar ist, dass es sich um Raubgut handelt oder dass das Objekt für einen angemessenen Preis legal erworben wurde, sind in der Minderzahl.

In einigen Wochen erscheint die zweite Fassung des Leitfadens des Deutschen Museumsbundes. Was unterscheidet die zweite von der ersten Fassung?

Der Leitfaden versteht sich als Work in Progress; dieses Mal haben wir uns beispielsweise damit befasst, wie wir die Perspektive der Herkunftsgesellschaften besser einbeziehen können.

Wie könnte das im Übersee-Museum gelingen?

Die nächste Dauerausstellung, die neu konzipiert werden muss, ist Ozeanien. Da haben wir schon eine Anfrage aus Samoa. Und es wäre ja eine Idee, die digitalen Exponate quasi von den Samoanern umsortieren zu lassen unter der Fragestellung: Stellt euch vor, wir hätten hier einen leeren Keller, wie würdet ihr die Sammlung ordnen? Wie verändert sich der Blick auf die Sammlung, welche Themen treiben die Samoaner um? Aus Samoa gibt es übrigens keine Rückgabeforderung. Die Samoaner finden eine solche Reduktion der Debatte eher ärgerlich.

Warum?

Weil für sie der Eindruck entsteht, sie hätten sich alles wegnehmen lassen. Sie möchten aber nicht als Opfer gesehen werden. Aus Samoa kommt eher die Forderung: Wenn ihr wirklich etwas für uns tun wollt, helft uns, mit den Folgen des Klimawandels fertig zu werden. Sie wollen, dass ihre Museen Taifun-fest gemacht werden. Es gibt zudem wegen des steigenden Meeresspiegels große Fluchtbewegungen.

Wird sich das in der Neukonzeption der Ozeanien-Ausstellung spiegeln?

Das hängt davon ab, ob wir das finanziert bekommen; mich würde das sehr freuen, und in Samoa scharrt man quasi mit den Hufen. An diesem Beispiel sieht man, wie komplex die Debatte ist. Man muss immer im Einzelfall entscheiden, was zu tun ist. Es ergibt keinen Sinn, die Restitutionsdebatte auf den Gegensatz Recht-Unrecht zu reduzieren.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Zur Person

Wiebke Ahrndt hat Ethnologie und ­Altamerikanistik in ­Göttingen und Bonn ­studiert und ist seit 2002 Direktorin des Übersee-Museums Bremen. Seit 2011 ist sie Vizepräsidentin des ­Deutschen Museumsbunds.


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