Labore und Corona-Ambulanzen am Limit

Bremer Testzentren und Labore über der Auslastungsgrenze

Labore und Corona-Ambulanzen ächzen unter der steigenden Zahl von Corona-Tests: Die Kapazitätsgrenzen seien überschritten. So sieht es in Laboren und Testambulanzen in Bremen aus.
11.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Testzentren und Labore über der Auslastungsgrenze
Von Sabine Doll
Bremer Testzentren und Labore über der Auslastungsgrenze

In der vergangenen Woche wurden im Land Bremen knapp 18.300 Corona-Tests vorgenommen – das ist ein neuer wöchentlicher Rekordwert.

Frank Thomas Koch

Der Anstieg der Corona-Infektionen setzt Arztpraxen, Testzentren und Labore immer stärker unter Druck. „Testen, testen, testen“ lautete die Strategie des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Bundesregierung bislang, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Jetzt die Kehrtwende: Das Augenmerk liegt nach den neuesten RKI-Empfehlungen jetzt auf den Symptomen und deren Schwere. Das soll Druck vom Kessel nehmen, ansonsten kämen Testzentren und medizinische Labore kaum noch mit Abstrichen und der tagesgleichen Auswertung der Proben nach. In der vergangenen Woche sind laut der Gesundheitsbehörde im Land Bremen 18 294 Personen auf das Coronavirus getestet worden, das ist ein neuer wöchentlicher Rekordwert.

„Wir sind schon im Oktober an die Grenzen geraten“, sagt Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB). „Räumlich und personell.“ Die KVHB betreibt jeweils eine Corona-Testambulanz in der Vahr und in Bremen-Nord. Dort werden ausschließlich symptombezogene Tests vorgenommen, für die eine Überweisung des Hausarztes erforderlich ist. Im Juni wurden 1885 Tests in beiden Ambulanzen erfasst, im Oktober waren es 6803. Und der aktuelle Monat lässt laut Fox einen neuen Rekord erahnen: Nach Ablauf der ersten Novemberwoche hatten die Mitarbeiter bereits knapp 1500 Abstriche genommen. Analog zu den Testzahlen ist auch der Anteil der positiv Getesteten gestiegen: von 3,4 Prozent im Juni auf 21,9 Prozent im Oktober.

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Damit sich keine langen Schlangen bilden, wurden neue Räume in der Testambulanz in der Vahr angemietet. Die Verwaltung muss ausziehen, um Platz für mehr Testkabinen zu schaffen. Die Öffnungszeiten wurden von anfangs vier auf sechs bis sieben Tage in der Woche ausgeweitet. Und: Seit Inbetriebnahme der Ambulanzen wird das Personal laufend aufgestockt, wie der Sprecher betont.

„Dass das RKI jetzt die Testkriterien verändert hat, ist absolut erforderlich. Wir gehen aber davon aus, dass die Zahl der Tests trotzdem weiter steigen wird oder mindestens auf hohem Niveau bleibt. Denn ab Januar kommt die Grippe dazu“, so Fox. Erkältung und Corona seien einfacher voneinander zu unterscheiden, bei der Influenza sei das schwieriger.

Hoffen auf Schnelltests

Neben neuen Testkriterien hoffen die Labore, in denen die Proben analysiert werden, vor allem auch auf den baldigen Einsatz von Corona-Schnelltests: „Alles, was asymptomatisch ist, sollte angesichts der begrenzten Kapazitäten tunlichst aus der PCR-Testung herausgehalten werden“, sagt Ralf Heitmann, kaufmännischer Leiter des Medizinischen Labors Bremen. Die PCR-Testung ist das Standardverfahren, um Proben auf das Erbgut von Viren zu untersuchen. Es ist besonders genau, im Vergleich zu einem Antigen-Schnelltest braucht die Methode aber länger, und sie bindet mehr technische und personelle Kapazitäten. Der Einsatz von Antigen-Schnelltests bei asymptomatischen Menschen könne daher eine Entlastung für die Labore sein.

„Wir haben die Auslastungsgrenze deutlich überschritten“, betont Heitmann. „Im Frühjahr haben wir noch 350 Proben am Tag untersucht, inzwischen sind es knapp 2000. Die Gesamtkapazität liegt normalerweise bei 700 bis 1000 Testungen. Das bedeutet natürlich auch, dass sich die Auswertzeiten verlängern.“ Bundesweit arbeiteten Labore gegen den täglichen Stau an, die Folgen: Engpässe bei Materialien. Aktuell gebe es einen Mangel bei sogenannten Pipettenspitzen. „Auch die Geräte sind aufgrund der Auslastung am Anschlag, sie laufen 14 bis 15 Stunden am Tag, das letzte Ergebnis geht bei uns um 23 Uhr raus. Wir haben zusätzliche Geräte bestellt. Damit sie in Betrieb gehen können, sind wir auf die sogenannten Nachweisreagenzien angewiesen, auch sie sind derzeit wegen der weltweiten Nachfrage knapp.“

Suche nach Personal

Auch das Medizinische Labor ist laut Heitmann permanent auf Suche nach zusätzlichem Personal, um den Betrieb auch an Wochenenden und Feiertagen sicherstellen zu können. „Solch eine Situation wie jetzt haben wir alle noch nicht erlebt.“ Was vor allem immer noch nicht funktioniere, sei die digitale Anbindung der Labore an die Corona-Warn-App: „Die Telekom stellt uns keine Schnittstelle zur Verfügung, seit Monaten laufen wir hinterher. Die Folge: Menschen, die die App nutzen, wiegen sich in trügerischer Sicherheit – weil nicht genügend Daten in die App fließen“, kritisiert Heitmann.

Die neuen Test-Empfehlungen des RKI richten sich an Ärzte, sie stellen die Überweisungen für einen Abstrich in den Ambulanzen aus. „Wir hätten uns eine viel deutlichere Priorisierung und klare Handlungsempfehlungen gewünscht“, kritisiert der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbands, Hans-Michael Mühlenfeld. Der Verband, dem 241 Ärzte angehören, habe daher eigene Empfehlungen formuliert, bei welchen Personen ein Abstrich für eine PCR-Testung empfohlen wird. „Das Chaos führt ansonsten dazu, dass Ressourcen nicht richtig genutzt werden.“

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Zur Sache

Neue Empfehlungen für Corona-Tests

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat seine Empfehlung an Ärzte, wer vorrangig getestet werden soll, geändert: Corona-Tests sind danach angezeigt bei schweren Symptomen der Atemwege (Bronchitis, Lungenentzündung, Atemnot und Fieber), bei Störungen von Geruchs- und Geschmackssinn, bei Symptomen nach direktem Kontakt mit einem Covid-19-Fall oder akuter Verschlechterung des Krankheitsbildes. Patienten mit leichterer Symptomatik wie Schnupfen oder Halsschmerzen sollen nur bei weiteren Kriterien getestet werden. Dazu zählen Personen, die zu einer Risikogruppe gehören, in einer Pflegeeinrichtung, Arztpraxis oder einer Klinik tätig sind. Patienten mit leichter Erkrankung, die nicht getestet werden, sollten fünf Tage zu Hause bleiben, Kontakte reduzieren und mindestens 48 Stunden symptomfrei sein, bevor sie die Isolation verlassen.

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