Leiter des Bremer Corona-Krisenstabs im Interview

„Das ist ein Marathonlauf, kein Sprint“

Vor vier Monaten wurde der Bremer Corona-Krisenstab eingerichtet. Polizeipräsident Lutz Müller und Ex-Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse über die aktuelle Lage, eine zweite Welle, Freimarkt und Fußball.
13.07.2020, 05:00
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„Das ist ein Marathonlauf, kein Sprint“
Von Sabine Doll
„Das ist ein Marathonlauf, kein Sprint“

Polizeipräsident Lutz Müller und Ex-Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse sprechen über die aktuelle Lage.

Frank Thomas Koch
Welches Thema beschäftigt den Corona-Krisenstab gerade?

Lutz Müller: Aktuell befassen wir uns mit den Reiserückkehrern nach der Urlaubszeit. In Bremen wohnen viele Menschen, die ihre familiären Verbindungen in Corona-Risikogebieten haben und die Sommerferien zum Besuch nutzen. Zu den Risikogebieten zählen etwa die Türkei, Balkanstaaten, innerhalb der EU Schweden. Die aktuelle Rechtsverordnung sieht vor, dass man sich nach der Rückkehr aus diesen Ländern zwei Wochen grundsätzlich in Quarantäne begeben muss. Das betrifft auch Urlauber. Da wir hierbei über zigtausende Menschen sprechen, könnte das zum Ende der Urlaubszeit eine große Herausforderung sein.

In welcher Form?

Müller: Im Hinblick auf das Infektionsgeschehen, aber auch darauf, wie man mit so vielen Menschen umgeht, wenn sie zurück nach Bremen kommen. Die zentralen Fragen sind: Begeben sie sich in Quarantäne – und geben sie an, dass sie aus einem Risikogebiet kommen?

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Was empfiehlt der Corona-Krisenstab?

Hermann Schulte-Sasse: Es wird nicht möglich sein, jeden einzelnen Rückkehrer zu kontrollieren. Das Gesundheitsressort wird deshalb noch vor den Sommerferien eine Hauswurf-Postsendung verteilen. Darin steht, dass man bei der Rückkehr aus Risikogebieten bestimmte Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten hat – diese 14-tägige Quarantäne oder einen gültigen Test mit negativem Ergebnis.

Der Krisenstab, dessen Leiter und Co-Leiter Sie sind, berät den Senat und die Fachressorts – um zu schnellen Entscheidungen in der Krise zu kommen und Maßnahmen auch vom einen auf den anderen Tag umzusetzen. Angesichts sinkender Infektionszahlen, in Bremen bewegen sie sich aktuell im einstelligen Bereich, wie viel Krisenstab wird noch gebraucht?

Müller: In der Tat beschäftigen wir uns derzeit auch mit uns selbst. In der Hochzeit der Pandemie hat der Krisenstab täglich getagt; später dreimal in der Woche, jetzt einmal. Die wesentlichen Konzepte sind entwickelt, Strukturen auf den Weg gebracht, der Krisenstab wird nicht abgeschafft, sondern der Aufwand heruntergefahren – um aber jederzeit die Arbeit wieder voll aufnehmen zu können, wenn es die Lage erfordert. Wir waren und sind rund um die Uhr erreichbar.

Schulte-Sasse: Die Einrichtung eines Krisenstabs in einer solchen Situation, wie wir sie hatten und möglicherweise auch wieder haben werden, ist deshalb so wichtig, weil die einzelnen Senatsressorts und die politischen Prozesse nicht darauf ausgelegt sind, eine solche akute Krise in der erforderlichen Geschwindigkeit bearbeiten zu können. Der Krisenstab trifft keine Entscheidungen, er berät, reagiert umgehend auf akute Lagen – und schlägt gegebenenfalls Maßnahmen vor. Die Entscheidungen trifft der Senat, dabei sind natürlich auch andere Gesichtspunkte zu berücksichtigen.

Müller: Zurzeit richtet sich dieser Blick auch darauf, wie man sich auf eine mögliche zweite Welle vorbereiten kann – in anderen Ländern macht sich diese Welle teilweise durch wieder steigende Infektionszahlen bemerkbar. Es geht um Risiken, die wir im Blick behalten müssen, die eine zweite Welle begünstigen könnten. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Krise nicht vorbei ist: Das ist ein Marathonlauf und kein Sprint.

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Wo sehen Sie diese Risiken für eine zweite Welle?

Müller: Ein Punkt könnten die Reiserückkehrer aus den Risikogebieten sein. Ein anderer könnte durch einen warmen Sommer begünstigt werden, der dazu animiert, sich im Freien mit vielen anderen Menschen aufzuhalten, zu feiern und zu tanzen. All das, was so eigentlich zurzeit nicht geht, aber schwer einzudämmen ist.

In Teilen der Bevölkerung scheint die akute Krise, zumindest in der Wahrnehmung, vorbei zu sein. Fußball-Fans feiern, das Abstandsgebot wird nicht mehr ganz so ernst genommen. Und auch einzelne Politiker forderten zuletzt die Abschaffung der Maskenpflicht in Geschäften.

Schulte-Sasse: Die Verhältnisse in einzelnen Regionen sind in der Tat unterschiedlich. Deshalb kann nicht in allen Punkten ein bundeseinheitliches Vorgehen der Maßstab sein. Anders verhält es sich aber beim Abstandsgebot, Hygieneregeln und der Maskenpflicht. Die Diskussion über eine Abschaffung ist völlig absurd, wir brauchen die Maskenpflicht. Würden wir sie aufweichen und auch die freiwillige Disziplin, Masken im Alltag zu nutzen, tragen wir sehenden Auges dazu bei, dass sich die Lage in Deutschland sehr schnell wieder ändern kann.

Alle Experten sind sich einig: Sollte es eine zweite Welle nennenswerten Ausmaßes geben wie jetzt in Teilen Australiens, ist der soziale und wirtschaftliche Schaden viel größer als das, was wir jetzt durch freiwillige Einschränkungen an negativen Konsequenzen noch produzieren. Sorglosigkeit ist der absolut falsche Weg.

Müller: Diese zentralen Punkte, unter denen die aktuellen Lockerungen möglich sind, müssen bundeseinheitlich klar sein. Und darüber darf es keine Debatte geben: Maske, Hygiene, Abstand. Um Lockerungen zu ermöglichen und um eine klare Linie zu fahren – und damit die Menschen verstehen können, dass wir diese Pandemie erst in den Griff bekommen können, wenn es einen Impfstoff geben wird.

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Viele Menschen gehen davon aus, dass das bald der Fall sein wird. Was vielleicht auch dazu beiträgt, dass die zentralen Regeln nicht mehr ganz so ernst genommen werden – was sagt der Mediziner dazu?

Schulte-Sasse: Bis es einen Impfstoff gibt, kann es viele Jahre dauern – vielleicht gibt es ihn aber auch nie. Seit Mitte der 80er-Jahre zum Beispiel wird intensiv nach einem Impfstoff gegen HIV geforscht – ergebnislos, obwohl gesucht wird. Vielleicht klappt es ja mit einem Corona-Impfstoff, aber die Hoffnungen, dass dies bald geschieht, sind doch sehr verfrüht.

Veranstaltungen sind ein großes Thema: Bis Ende Oktober gilt zunächst das Verbot für Massenveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen. Das schließt auch den Freimarkt ein. Wie sieht das der Krisenstab?

Schulte-Sasse: Wir halten Massenveranstaltungen für kontraproduktiv. Im historischen Ablauf der Pandemie in Deutschland war die erste und nach bisherigen Erkenntnissen wichtigste Entscheidung das Verbot von Massenveranstaltungen. Das war ein Segen. Wir hätten eine komplett andere Situation gehabt, wenn nicht schon Mitte Februar die großen Veranstaltungen verboten worden wären. Da sind sich alle einig, diese frühe Entscheidung war ein Glücksfall.

Was heißt das für den Freimarkt 2020?

Müller: Je größer die Gruppe – und das beginnt im Übrigen nicht bei der Grenze 1000 –, desto schwieriger wird es, Hygienekonzepte durchzuhalten.

Schulte-Sasse: Als Krisenstab haben wir dazu keine Beschlusslage, wir können aber unsere Haltung formulieren. Als Co-Leiter und vor dem Hintergrund der Entwicklung kann ich mir einen Freimarkt in bekannter Form nicht vorstellen. Auch das Oktoberfest wurde schon frühzeitig abgesagt. Ich kann mir auch kein Hygienekonzept vorstellen, das umsetzbar wäre und die infektionsepidemiologischen Bedenken ausräumen könnte. Ich sehe aber natürlich und weiß, dass im Hinblick auf die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte auch gute und starke Argumente dagegen sprechen. Es wird am Ende eine abwägende Entscheidung geben müssen. Das ist sehr schwierig und auch andere Veranstaltungen, zum Beispiel in der Messe.

Müller: Als Krisenstab beraten wir immer mit Blick auf die Risiken. Bei Freimarkt und Messen ist eines dieser Risiken auch, woher die Menschen kommen: Touristen, Aussteller, Besucher kommen aus allen möglichen Regionen und Ländern. Dadurch ergeben sich viele Gefahren auslösende Momente schon bei der Anreise, und es stellt sich die Frage: Welcher Aufwand muss und kann überhaupt betrieben werden, um den Schutz sicherzustellen? Für den Freimarkt heißt das: Als kontrolliertes Kinderfest können wir ihn uns vorstellen – aber nicht in klassischer Form mit Bierzelten. Zelte sind ein absolutes „No Go“. Aber zwischen kontrolliertem Kinderfest und klassischem Freimarkt gibt es sicherlich eine Reihe von Abstufungsmöglichkeiten.

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Und was bedeutet das für Fußballspiele in großen Stadien – mit Zuschauern?

Müller: Selbst wenn man Zuschauer in einer bestimmten Größenordnung wieder zulassen wollte, wären viele Punkte zu klären. Außerdem muss man sich immer die Frage stellen: Wird eine bestimmte Veranstaltung wieder zugelassen, was bedeutet das für andere? Wie sind Veranstaltungen unter freiem Himmel und solche in Innenräumen zu bewerten? Die Pandemie-Bekämpfung steht und fällt mit der Akzeptanz in der Bevölkerung. Deshalb ist je­de Entscheidung auch ein Prüfstein: Hält man die Menschen noch zusammen, um weiterhin sensibel mit dem Thema umzugehen? Ich befürchte: Wenn wir nicht aufpassen, könn­te es schnell dazu kommen, dass wir wieder über grundsätzliche Maßnahmen nachdenken müssten. Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass das normale gesellschaftliche Leben wieder heruntergefahren werden muss.

Der Krisenstab hat auch Worst-Case-Szenarien entwickelt – zum Beispiel für den Fall, dass es zu größeren Ausbrüchen in einem Pflegeheim kommt und Einrichtungen geräumt werden müssten. In Berlin wurde vorsorglich eine provisorische Klinik in einer Messehalle eingerichtet – existieren ähnliche Vorsorgemaßnahmen auch in Bremen?

Müller: Das ist ein realistisches Szenario, für das Pläne erarbeitet wurden, die jetzt noch finalisiert werden. Ein Ausbruch in einem Pflegeheim kann sich sehr schnell zu einer dramatischen Situation entwickeln, deshalb braucht man Handlungsoptionen. Wir haben in anderen Ländern wie Italien, vor allem in Oberitalien, und im Elsass in Frankreich gesehen, wie schnell Kapazitätsgrenzen erreicht sein können.

Schulte-Sasse: Das ist einer der wesentlichen Vorteile eines Krisenstabs, der vorausschauende Blick und die institutionellen Vorbereitungen für den Eintritt einer solchen Entwicklung. Behörden arbeiten meistens so, dass sie aktuelle Probleme abarbeiten, aber nicht unbedingt, was für Krisen ja unabdingbar ist, die perspektivischen Fragen auf dem Schirm haben. Zumal damit häufig ein erheblicher ressortübergreifender Aufwand der Klärung verbunden ist.

Sollte es zu einer zweiten Welle kommen, wäre wieder mit einem Lockdown zu rechnen?

Schulte-Sasse: Wir sind im März mit absolutem Nichtwissen über dieses Coronavirus gestartet. Heute haben wir viel mehr Erfahrung, wir wissen viel mehr über das Virus, über seine Verbreitungswege, über seine Gefährlichkeit, altersbezogene Besonderheiten und die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen. Ganz bestimmte pauschale Lockdown-Maßnahmen, die wir im März getroffen haben, würden heute vermutlich nicht mehr stattfinden. Man würde heute die Geschäfte wahrscheinlich nicht mehr komplett schließen, sondern den Zutritt regulieren.

Das gilt auch für Schulen und Kitas. Würde man mit dem heutigen Wissen noch einmal starten, würden vermutlich manche Maßnahmen nicht oder in abgeschwächter Form getroffen werden. Das ist kein Vorwurf an diejenigen, die damals die Entscheidungen getroffen haben – sie konnten es nicht wissen. In der damaligen Situation waren es genau die richtigen.

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Seit vielen Jahren wurde damit gerechnet, dass eine solche Pandemie irgendwann kommen wird. Jetzt ist sie da, und es kann jederzeit wieder passieren, ausgelöst auch durch andere Viren. Darin sind sich Experten einig. Wie sieht die Lehre aus der Corona-Pandemie aus, um künftig besser vorbereitet zu sein?

Schulte-Sasse: Ich würde mir eine eigene Ar­beitsgruppe wünschen, angesiedelt im Gesundheitsressort, bei der unter anderem eine regelmäßige Aktualisierung des Pandemieplans erfolgt. Und zwar auslöserbezogen auf unterschiedliche Viren und die organisatorischen Abläufe.

Müller: Und in regelmäßigen Übungen müss­te getestet werden, wie gut der jeweilige Plan funktioniert. Sind alle Beteiligten vor allem im Zusammenspiel in der Lage, so zu handeln, wie sie handeln sollten? Teamarbeit und Routine kann nur entwickelt werden, wenn diese eingeübt wird. Bei Polizei und Feuerwehr werden solche Routinen, etwa für besondere Krisenlagen, regelmäßig trainiert.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Lutz Müller ist seit Februar 2012 Präsident der Polizei Bremen. Seit 2016 ist er zusätzlich Leiter der Abteilung Öffentliche Sicherheit beim Senator für Inneres.

Hermann Schulte-Sasse ist Internist und Vorsitzender des Verbandsrates des Paritätischen Bremen. Von Ende 2012 bis Mitte 2015 war er Senator für Gesundheit.

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