Nach „Zum Werdersee“-Schließung Die Leiden der Landgasthöfe

Die Corona-Pandemie und familiäre Sorgen stellen Gastronomen vor Probleme, immer wieder schließen Betriebe. Auch Traditionsgasthäuser leiden, doch laut Hotel- und Gaststättenverband Dehoga gibt es Hoffnung.
19.01.2021, 09:25
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Die Leiden der Landgasthöfe
Von Malte Bürger

Das Echo war groß. Zu präsent sind vielen Bremern dann doch die Erinnerungen gewesen, die sie mit diesem Haus verbinden. Doch nach 55 Jahren ist Schluss, das Hotel-Restaurant Zum Werdersee wurde verkauft. Familiäre Gründe spielten dabei eine Rolle, aber natürlich auch wirtschaftliche. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie. Und das Aus für den Betrieb ist kein Einzelfall.

In der Gemeinde Riede erwischte es unlängst die Traditionsgaststätte Scholvin-Ortmann. Ursprünglich hatten die Besitzer eine Pause bis zum Ende des vergangenen Jahres einlegen wollen, da die finanziellen Einbußen durch die Corona-Beschränkungen zu hoch waren. Nur wenig später stand dann der endgültige Abschied fest, der Gebäudekomplex wurde zum 31. Dezember an eine Firma aus Morsum verkauft. Das Ehepaar Scholvin-Ortmann führte ihren Betrieb mehr als 20 Jahre, die Geschichte des Hauses geht sogar bis ins 19. Jahrhundert zurück, seit 1868 befand es sich in Familienbesitz. In Thedinghausen schloss der Gasthof Niedersachsen für immer seine Türen. Inhaberin Anne Blöthe und ihre Tochter Kirsten zogen Ende August 2020 einen Schlussstrich, „aus gesundheitlichen Gründen und aus Personalmangel“, wie es hieß. Das Gebäude wurde anschließend abgerissen, nun sollen Mehrfamilienhäuser samt Tiefgarage auf dem Areal entstehen.

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Gerade auf dem Land gehen den Menschen so wichtige Treffpunkte verloren. Wenn nicht gerade ein gefährliches Virus den Alltag beherrscht, sind Lokalitäten auf den Dörfern häufig ein ebenso beliebter wie wichtiger Versammlungsort. Sie sind ein Stück der dortigen Kultur. Mal geht es um elementaren Informationsaustausch der Bevölkerung, dann wieder um simple Geselligkeit. In Buschhausen etwa schloss die Gaststätte „Heidkrug“, im April 2019 wurde das Gebäude abgerissen. Die Anwohner des Ortsteils von Osterholz-Scharmbeck sehnen sich nach einer Alternative. Und damit geht es ihnen wie so vielen Gemeinschaften, denen zentrale Räumlichkeiten fehlen.

Ähnlich viel Tradition gibt es auch in Bremem. Wobei auch dort an mancher Stelle aus dem „gibt“ ein „gab“ geworden ist. In Vegesack etwa, wo unlängst nach 122 Jahren die „Strandlust“ geschlossen hat. 55 Angestellte verloren ihren Arbeitsplatz - und Bremen eine seiner beliebten Adressen.

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Das alles wirkt wie ein Trend, besonders große Traditionsgasthäuser scheinen es in diesen Tagen schwer zu haben. „Das kann man so nicht sagen“, entgegnet Rainer Balke, Geschäftsführer des niedersächsischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Aktuell haben alle das Problem, dass der Lockdown sie abschnürt.“ Doch auch Balke kennt einen Faktor, der vor allem im Zusammenhang mit einigen Landgasthöfen eine entscheidende Rolle spielt. „Gerade in ländlichen Regionen Niedersachsens waren viele Geschäftsmodelle auf Veranstaltungen am Wochenende fixiert. Aber diese sind jetzt weggebrochen - auch in ihrer Planbarkeit“, sagt er. So fallen etwa die obligatorischen Kohlfahrten aus, Hochzeiten und sonstige Privatfeiern werden auf unbestimmte Zeit verschoben oder komplett storniert. Alternative Einnahmequellen sind bei einer derartigen Ausrichtung nur schwer zu finden. Entsprechend hoch sind die Umsatzeinbußen. Und irgendwann schwindet das Eigenkapital der Besitzer im gleichen Tempo wie die Probleme und Sorgen wachsen.

Das sehe bei anderen Modellen besser aus, sagt Balke. Zumindest teilweise. „Einige Restaurantbetriebe halten sich mit dem Außer-Haus-Geschäft über Wasser - aber wenn ich über Wasser sage, dann heißt das, dass sie Deckungsbeiträge für die Betriebskosten verdienen. Ihre Umsätze liegen insgesamt natürlich nur bei maximal 20 bis 25 Prozent. Damit kommt man nicht auf einen grünen Zweig, sondern arbeitet unter Deckung und kann davon seine Familie nicht ernähren.“

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Und das geht an die Substanz. Finanziell und psychisch. „Unsere letzte Umfrage Anfang Januar hat ergeben, dass 75 Prozent der Gastronomen in Niedersachsen existenzielle Probleme haben“, erläutert Balke. „Das ist eine Menge, besonders weil die Zahl noch einmal angestiegen ist. Bei der vorherigen Umfrage im November waren es noch 67 Prozent.“ Doch damit nicht genug. „22 Prozent der Befragten tragen sich mit dem Gedanken herum, komplett zu schließen“, so Balke. „In existenziellen Problemen zu sein, ist das eine, aber wenn sich derart viele Menschen konkret mit einer Schließung beschäftigen, dann ist das besorgniserregend.“

Bei aller Tristesse - Rainer Balke bemüht sich dennoch, positiv in die Zukunft zu schauen. „Wichtig ist jetzt, die Zeit bis Ostern zu überbrücken. Wenn das Wetter besser wird, dann wird es wie im vergangenen Jahr auch automatisch wieder mit dem Geschäft losgehen.“ Doch nicht nur die Hoffnung auf strahlenden Sonnenschein und warme Tage macht ihm Mut. „Wir haben eine Perspektive, die Optimismus produziert: den Impfstoff. Auf mittlere Sicht, also bis ins dritte, vielleicht vierte Quartal, wird diese Krise überstanden sein, weil die deutsche Bevölkerung bis dahin durchgeimpft ist“, prognostiziert Balke. „Deshalb ist mir klar, dass wir diese Krise überstehen werden - wie viele von uns auf der Strecke bleiben, hängt auch davon ab, wie wir die letzten Wochen, die wir zu überbrücken haben, meistern werden.“

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