Sozialdeputation diskutiert Lockerungen

Corona-Maßnahmen: Neue Normalität in der Pflege

Ein Besuch pro Woche für 45 Minuten sehen die jetzt nochmal bis 19. Juni verlängerten Corona-Beschränkungen für Pflegeeinrichtungen in Bremen vor. Das sei zu eng gefasst, findet vor allem die Opposition.
05.06.2020, 05:00
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Corona-Maßnahmen: Neue Normalität in der Pflege
Von Timo Thalmann
Corona-Maßnahmen: Neue Normalität in der Pflege

Besuche von Angehörigen sind wie hier im Pflegeheim Sparer Dank der Awo wieder erlaubt. Einrichtungsleiterin Katja Seidel zeigt Ulf Schleicher, der seinen 100-jährigen Vater besuchen will, wie er den Mund- und Nasenschutz tragen und sich die Hände desinfizieren muss.

Karsten Klama

Einmal in der Woche für 45 Minuten, mehr persönliche Begegnung ist derzeit nicht möglich zwischen Heike Einwächter-Langer und ihrer Mutter, die seit zwei Jahren in Grohn in einer Senioreneinrichtung lebt. „Das ist schon sehr hart für meine Mutter, die ich sonst täglich besucht habe“, sagt die Tierheilpraktikern. Die Einrichtung liege nur fünf Minuten fußläufig von ihrem Wohnort entfernt. „Da war der kurze, flexible Besuch eine schöne Sache.“ Sie habe sich seinerzeit sehr gefreut, so nahe einen Platz für ihre demente Mutter gefunden zu haben. Nicht zuletzt waren die täglichen Besuche auch gut für die Gesundheit ihrer Mutter.

Doch seit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie war das für rund sieben Wochen ganz vorbei. Seit drei Wochen ist nun dieser eine kurze Besuch in der Woche möglich. Für Einwächter-Langer zu wenig, nicht nur was die Dauer betrifft, sondern auch hinsichtlich der prinzipiellen Beschränkung des Besuchsrechts auf eine Person. „Niemand außer mir darf jetzt zu ihr“, was etwa ihren Bruder ausschließe. Nach Einwächter-Langers Einschätzung zeigt die Isolation der alten Dame inzwischen Folgen. „Das klingt jetzt komisch, aber meine Mutter ist in der Zeit ohne Besuche wirklich noch mal gealtert.“ Sie habe psychisch und körperlich sichtbar abgebaut.

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Um Auswirkungen der Corona-Pandemie wie diese ging es unter anderem in der Sitzung der Sozialdeputation am Donnerstag. Auf 46 Seiten hat die Behörde der Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport den Deputierten ihren jüngsten Sachstands- und Lagebericht zur Corona-Krise vorgelegt. Darin wird auch die Situation in den Pflegeeinrichtungen geschildert. Danach sind mit Stand vom 26. Mai von den 91 Pflegeeinrichtungen der Stadt Bremen derzeit drei Häuser von laborbestätigten Covid-19-Fällen betroffen. In zwei Einrichtungen sind jeweils mehrere Personen infiziert. Diese beiden Einrichtungen wurden unter Quarantäne gestellt. Zehn Pflegeeinrichtungen, in denen zuvor Erkrankungen aufgetreten waren, sind inzwischen vom Gesundheitsamt rehabilitiert, das heißt in diesen Einrichtungen sind keine weiteren Folgefälle zu erwarten.

Es sei denn, sie werden erneut von außen hereingebracht. „Wir werden uns darum nur sehr vorsichtig an eine neue Normalität herantasten können“, beschreibt Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) die Aufgabe. Der Lockdown sei sehr viel einfacher einzuführen gewesen, als es nun der Weg heraus sei. Gleichwohl stellte Stahmann weitere Lockerungen auch für die Pflegeeinrichtungen in Aussicht, ohne dabei aber konkret zu werden. Für Sigrid Grönert (CDU) Grund zur Skepsis. Derartiges habe die Senatorin auch schon vor zwei Wochen versprochen, stattdessen aber habe der Senat die ursprünglich bis 5. Juni geltende Verordnung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ohne Veränderungen für die Pflegeeinrichtungen einfach bis 19. Juni verlängert. „Da hätte ich mir eine Diskussion auch hier in der Deputation gewünscht.“

Verweis auf Niedersachsen

Grönert verwies außerdem auf Niedersachsen, das inzwischen weitergehende Besuchsrechte gewähre. Dort darf zwar auch nur eine Person zur Zeit zu Besuch kommen, aber das könnten unterschiedliche Personen sein und eine zeitliche Einschränkung macht die Verordnung nicht. „Während hier in Bremen weiterhin höchstens 45 Minuten pro Woche erlaubt sind.“

Ilona Osterkamp-Weber (Grüne) plädierte dafür, bei allen Lockerungen die weiterhin bestehenden Risiken nicht zu übersehen. „Es gibt auch Angehörige, die sich Sorgen über zu viele Besuche in den Einrichtungen machen.“ Außerdem sei jeder Besuch mit umfangreichen Hygienemaßnahmen verbunden, etwa der Desinfektion der häufig eigens dafür eingerichteten Besuchszimmer. „Wenn jeder Bewohner zu seinem Recht kommen soll, hilft die zeitliche Beschränkung darum auch den Betreibern, alles Notwendige zu organisieren.

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Magnus Buhlert (FDP) mahnte grundsätzlich an, dass der Senat in Sachen Corona-Bekämpfung in einen neuen Modus finden muss. „Es wird Zeit, die gewählten politischen Gremien wieder stärker an den Entscheidungen zu beteiligen.“ Stahmann verwies darauf, dass sie kontinuierlich mit allen Trägern der Pflegeeinrichtungen den Austausch pflegt. „Aber ich nehme die Anregungen aus dem Kreis der Deputierten gerne mit in die weiteren Diskussion.

Präventive Quarantäne

Ein konkreter Vorschlag kam denn auch sofort von Birgitt Pfeiffer (SPD). Er bezog sich auf die präventive Quarantäne, die für jeden Heimbewohner verpflichtend sei, wenn er neu aufgenommen wird oder zwischenzeitlich einen Krankenhausaufenthalt hatte. Ohne entsprechende Symptome werden diese Personen nicht getestet. „Ich weiß um die Problematik von Reihentestungen, aber die Vorstellung, dass hier alte Menschen, die vielleicht gerade nach vielen Jahrzehnten ihren eigenen Hausstand aufgeben mussten, sofort komplett für 14 Tage isoliert werden, gefällt mir nicht.“

Die Vorgaben zu den Testungen orientieren sich aktuell an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Ob unter Besuchsbedingungen verstärkte Testungen von Bewohnern und Mitarbeitern in den Pflegeeinrichtungen jenseits dieser Regeln auch ohne Infektionsverdachtsfall erfolgen sollen, entscheidet das Gesundheitsamt.

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