Gelände der DB

Wohnungslose sollen ihre Lager am Bremer Hauptbahnhof räumen

Nahe des Bremer Hauptbahnhofs leben Wohnungslose und Menschen aus osteuropäischen Ländern. Jetzt sollen die das Gelände an den Gleisen verlassen.
08.05.2020, 05:00
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Wohnungslose sollen ihre Lager am Bremer Hauptbahnhof räumen
Von Carolin Henkenberens
Wohnungslose sollen ihre Lager am Bremer Hauptbahnhof räumen

Hinter diesem Bauzaun an der Hemmstraße liegt das Areal der Deutschen Bahn, das die Obdachlosen räumen sollen.

Frank Thomas Koch

Von der Straße aus ist fast nichts zu erahnen von den Zelten, von den verlassenen Wohnwagen und provisorischen Bauten. Ratten laufen über Müllsäcke, die kurz hinter dem Bauzaun stehen. An ihm hängt ein Zettel. Das Gebiet ist bis zum 8. Mai um 10 Uhr zu räumen, heißt es auf Rumänisch. Das Logo der Deutschen Bahn (DB) prangt daran.

Hier, auf einem Areal in einem Gleisdreieck nahe des Bremer Hauptbahnhofes, leben seit einiger Zeit Menschen. Jetzt sollen sie umziehen. Es sind Wohnungslose und Menschen aus osteuropäischen Ländern, die in der Regel keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Wie lange auf dem Gebiet schon Menschen leben, wissen weder die DB noch die Polizei noch Stadtteilpolitiker. Das Gelände grenzt an die südliche Hemmstraße und ist im Besitz der DB.

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Einer, der noch da ist, ist ein Mann, graue Haare, um die 50 Jahre alt. Er lebt in einem kleinen Holzhäuschen. Daneben ist ein ­Iglu-Zelt aufgebaut, ein Fahrrad angeschlossen. Er würde jetzt gern arbeiten, sagt der Mann. Was er denn arbeite? „Einfach für mich“, sagt er knapp. Er ruft seiner Katze hinterher, aber sie läuft in die Büsche. Die hat Angst vor fremden Menschen, erklärt er. Er sei Handwerker, sagt er dann noch. Und dass nach dem Brand eines Wohnwagens im Dezember jetzt alle hier weg sollen. Er will nicht.

Eine DB-Sprecherin erklärt die Gründe der Räumung: „Aufgrund der unmittelbaren Nähe der Gleise und des Zugverkehrs ist der Aufenthalt dort mit Lebensgefahr verbunden und daher verboten. Außerdem gibt es Beschwerden von Anwohnern.“ Seit einigen Wochen sei die Bahn mit der Polizei in Kontakt, am 30. April seien die dort lebenden Menschen von der Polizei angesprochen und auf Hilfsangebote für Wohnungslose hingewiesen worden. Zudem seien Flyer auf Deutsch, Englisch und Rumänisch verteilt worden.

Streetworker hätten Kontakt gehabt

Polizeisprecher Nils Matthiesen bestätigt das. Er betont, am Freitag werde kein Räumkommando anrücken, aber es würde kontrolliert, ob alle Personen die Fläche verlassen haben. Bei dem Besuch Ende April sei ein per Haftbefehl gesuchter Mann angetroffen worden. Die Innere Mission als Träger für die Wohnungslosenhilfe bestätigt, dass sie einbezogen war. Es habe über Streetworker Kontakt zu den Menschen gegeben, es sei auf Angebote in unterschiedlichen Sprachen hingewiesen worden, erklärt die Innere Mission.

Der Sprecher des Sozialressorts sagt, es stünden Betten für die Menschen in Notunterkünften oder Schlichthotels zur Verfügung. Die Zentrale Fachstelle Wohnen (ZFW) sei eingebunden. Drei der laut Sozialressort sechs bis acht Bewohner der Brache hätten sich schon bei der ZFW gemeldet. Auch Menschen, die aus osteuropäischen Ländern kommen und nach dem Sozialgesetzbuch keinen Anspruch auf Sozialleistungen in Deutschland haben, bekämen derzeit ein Dach über dem Kopf. „Weil aufgrund der Corona-Krise eine Rückreise für die Menschen aktuell nicht möglich ist“, erläutert Sprecher Bernd Schneider. Die Bedingung sei, dass sich die Menschen bereit erklären, nach der Krise in ihre Herkunftsländer zurückzukehren.

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Das Ortsamt und der Beirat Mitte, in deren Gebiet das Gelände liegt, sind überrascht. Sie wussten nicht, dass dort Wohnungslose campieren und nun eine Räumung ansteht. „Das ist ein wenig einsehbares Gelände“, sagt Ortsamtsleiterin Hellena Harttung. Sie vermutet, dass nach der Räumung des Zeltcamps am Güterbahnhof vergangenes Jahr einige der Menschen auf das Areal an der Hemmstraße gezogen sind.

Immer weniger Aufenthaltsmöglichkeiten für Wohnungslose

„Die Verdichtung in der Stadt führt zu immer weniger Aufenthaltsmöglichkeiten für Wohnungslose“, bedauert Harttung. „Bei einer Räumung müssen Angebote geschaffen werden“, betont Beiratssprecher Jonas Friedrich (Grüne). Er denkt an Notunterkünfte, aber auch an „alternative Räume“ für Wohnungslose. Toleranzräume seien schwierig, sagt Sozialressortsprecher Schneider. Wenn man Menschen unter Bedingungen wie jenen zwischen den Gleisen leben lasse, senke das auch die Standards der Unterbringung.

Markus Urban, Aktivist und selbst obdachlos, sagt: „Notunterkünfte und Schlichthotels sind für einige keine Alternativen“. Wer ein Alkohol- oder Drogenproblem hat und dort konsumiert, fliege raus. Viele seien zwar unzufrieden mit ihrer Situation, wollten da aber deshalb nicht hin. „Die dürfen da keine Fehler machen“, sagt er.

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